Cornelius van der Kooi / Gijsbert van den Brink: Christian Dogmatics

Cornelius van der Kooi / Gijsbert van den Brink: Christian Dogmatics. An Introduction, Aus dem Holländischen von Reinder Bruinsma mit James D. Bratt, Grand Rapids: Eerdmans, 2017, Pb., 239 S., US $ 45, ISBN 978-0-8028-7265-4

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Wer hierzulande Dogmatik im evangelikalen Kontext lehrt, wird sich schwer damit tun, für die studentische Lektüre eine handliche Dogmatik aus evangelikaler Perspektive anzugeben, die mit der westeuropäischen Geistesgeschichte im Gespräch und mit den auf dem Kontinent herrschenden kirchlichen Verhältnissen vertraut ist. Ein solcher Band liegt hier vor. 2012 erstmals auf Holländisch veröffentlicht, ist das Buch seitdem in mehreren Auflagen und nun ins Englische übersetzt worden. Auf knapp 800 Seiten werden die Grundfragen der Dogmatik behandelt, wobei die beiden Vf. von der Freien Universität Amsterdam aus einer reformierten, jedoch nicht eng konfessionellen Perspektive schreiben. Die klar gegliederte Darstellung setzt mit der Klärung der Frage ein, was Theologie im weiteren und Dogmatik im eigentlichen Sinne überhaupt ist. Das Kapitel gibt Auskunft über die drei Adressatenkreise der Theologie (die Wissenschaftsgemeinschaft, die Kirche und die Gesellschaft) sowie über den Ort der Dogmatik im Zusammenhang der theologischen Disziplinen. In den Prolegomena (Kap. 2) nimmt, im Sinne Barths, das theologische Nachdenken seinen Ausgang vom Glauben, wobei Glaube verstanden wird „not [as] a rational exercise but an experience of being known, of being found and being spoken to“ (56). Dem Wahrheitsbewusstsein der Moderne wird also insofern Rechnung getragen, dass der Glaube als ein Erschließungsgeschehen gefasst wird, das den Menschen in seinem Gottes-, Selbst- und Weltverhältnis auslegt.

Zu den markanten Grundentscheidungen dieser Dogmatik gehört es, dass nicht das Verständnis der Bibel, sondern die Trinitätslehre an den Anfang des Denkweges gestellt wird. Dieser Einstieg ist in zweifacher Hinsicht programmatisch: Zum einen wird herausgestellt, dass christliche Theologie nicht abstrakt und von keinem anderen Gott reden kann als von dem dreieinigen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat und im Heiligen Geist als gegenwärtig bezeugt. Zum anderen wird der Anspruch gestellt (und durchgehalten), alle Loci der Dogmatik trinitätstheologisch zu entfalten. Erst nach diesen Klarstellungen ist von den Eigenschaften und vom Wesen Gottes zu reden (Kap. 4) und kann das Offenbarungsverständnis entwickelt werden (Kap. 5). Hier wird bei aller Reverenz für Barth gleichwohl an einer allgemeinen Gottesoffenbarung festgehalten, um die universale Reichweite der Offenbarung zur Geltung zu bringen.

Um einen Eindruck vom Buch zu erhalten, soll es hier genügen zu zeigen, worin diese Dogmatik über das bereits Gesagte hinaus besondere theologische Akzente setzt. Zu würdigen ist als erstes, dass die Vf. sich im Sinne einer theologischen Interpretation der Bibel durchgehend mit dem Schriftzeugnis im Gespräch befinden. Dabei haben die ausgewählten biblischen Texte die Funktion von Leselinsen, d. h. sie sollen die Aufmerksamkeit wecken und den Blick schärfen für die Grundlinien der biblischen Offenbarung. Es geht also nicht darum, für eine bestimmte Auffassung möglichst viele Belegstellen angeben zu können, sondern anhand zentraler Texte den Richtungssinn der Offenbarungsgeschichte Gottes zu identifizieren.

Ein weiteres Kennzeichen dieser Dogmatik liegt darin, dass die theologische Tradition wohlwollend, doch nicht unkritisch rezipiert wird. Zugleich erhalten jedoch auch die sich in der Gegenwart stellenden Fragen ihr Recht. So wird nach eingehender Diskussionen der Wandlungen im Sündenverständnis der Tendenz widersprochen, den Sündenfall – im Sinne des Idealismus und Existentialismus – außerhalb der Geschichte zu verorten, sondern daran festzuhalten, dass die Tragik des Bösen einen definitiven Anfang gehabt haben muss und das Böse nicht notwendig in der Endlichkeit der Schöpfung angelegt ist (vgl. 326f). Leider wird nicht deutlich, was das für das Verständnis des (menschlichen) Todes bedeutet, der in der von den Vf. rezipierten Evolutionslehre für die Höherentwicklung der Arten notwendig ist (Pannenbergs diesbezügliche Erwägungen bleiben unberücksichtigt, der Kreationismus wird auf S. 326 knapp zurückgewiesen). Immer wieder wird die Diskussion traditioneller Fragestellungen durchbrochen von Überlegungen zu Fragen, die sich dem theologischen Nachdenken in gegenwärtiger Verantwortung stellen. Zu nennen sind die Ausführungen zum Verhältnis von Trinitätslehre und islamischem Monotheismus (3.6), zum Verhältnis des christlichen Glaubens zu den Fremdreligionen (5.6), zur Bedeutung der nichtmenschlichen Kreaturen in ökologischer Perspektive (6.6.) sowie zu Kirche und Gesellschaft (14.10.). Bemerkenswert ist auch, dass der Christologie ein eigenes Kapitel zu Israel vorangestellt ist, in dem mithilfe der Kategorie des Bundes die Geschichte Gottes mit Israel und die Sendung Jesu Christi miteinander verbunden werden. Auf das Ansprechen der sich mit einer Israel-Theologie verbindenden kontroversen Themen wird nicht verzichtet, wobei differenziert und sensibel argumentiert wird: Danach kann christliche Theologie an der Existenz des jüdischen Volkes nicht vorbeigehen, weil die Sendung Jesu nur im Kontext des Gottesbundes mit Israel zu verstehen ist. Eine Rückkehr zu Substitutionstheorien (denen zufolge die Kirche an die Stelle Israels getreten ist) gilt den Vf. als ausgeschlossen, ohne dass daraus eine unkritische Solidarisierung mit dem heutigen Staat Israel folgt.

Auf die Christologie folgt die in vielen Dogmatiken nicht eigenständig ausgearbeitete Pneumatologie, was dem trinitätstheologischen Fokus des Bandes Rechnung trägt. Hier werden zahlreiche Verknüpfungen zu anderen Loci der Dogmatik wie zur Soteriologie und Ekklesiologie hergestellt, aber auch das Verhältnis von Gaben und Frucht des Geistes sowie von Wort und Geist thematisiert. Erst in Kap. 13 wird die Schriftlehre entfaltet, und das mit dem Anliegen, die Bibel dem primär erkenntnistheoretischen Zugriff der Moderne zu entziehen. Vielmehr soll ihre pneumatologische Wirksamkeit herausgestellt werden (vgl. S. 550f). Die Bibel wird als das (Gnaden-)Mittel verstanden, das ermöglicht, das Geschehen der Versöhnung und Erlösung zu verstehen, das in Jesus Christus vollbracht wurde und durch das Wirken des Heiligen Geistes zugeeignet wird. In hermeneutischer Hinsicht favorisieren die Vf. die theologische Interpretation der Schrift (Kevin Vanhoozer u. a.) mit Jesus Christus als der ordnenden Mitte der Schrift. Bei aller Differenzierung innerhalb des Schriftzeugnisses dürfe dies jedoch nicht zu einer scharfen Unterscheidung von Kern- und Randtexten führen. Es überrascht, dass die Vf. die starke Nähe dieses Ansatzes zu Schlatters Schriftlehre nicht bemerkt zu haben scheinen (Schlatter wird im gesamten Buch nicht erwähnt).

In der Schriftlehre wie auch an vielen anderen Stellen des Buches zeigt sich, dass die Vf. von evangelikalen Voraussetzungen her, wie sie im europäischen Raum weithin geteilt werden, argumentieren, wobei sie eine wenn auch nicht unkritische Wertschätzung des reformierten Erbes erkennen lassen. So wird auf die Erwählung als Topos der Heilslehre erst in Kap. 15.9. eingegangen. Dabei wird die altreformierte Lehrauffassung referiert, bevor die Weiterentwicklung der Erwählungslehre bei Barth kommentiert, sie schlussendlich aber auch kritisiert wird. In der Lehre von der Heilsaneignung wird der Trennung von Rechtfertigung und Heiligung dadurch gewehrt, dass beide Lehrkreise im Anschluss an Calvin durch das Motiv der „Partizipation“ miteinander verbunden werden.

Insgesamt überwiegt das Bemühen, das „Beste“ verschiedener dogmatischer Traditionen und theologischer Entwürfe der Gegenwart miteinander zu einem in den Grundentscheidungen deutlich konturierten, in vielen Einzelfragen aber gesprächsoffenen Programm zu verbinden. Dabei ist nicht zu übersehen, dass reformierte Theologen wie Hendrikus Berkhof und Karl Barth stärker als andere rezipiert worden sind, was die Vf. nicht darin hindert, auch diese Gewährsmänner (z. B. an signifikanten Stellen) zu kritisieren. Sicherlich werden Theologen Passagen bzw. Aussagen finden, denen sie nicht zuzustimmen vermögen. Das ist bei einem Werk dieses Umfangs und Anspruchs unvermeidlich (und war bei mir der Fall bei manchen eher vagen Aussagen zur menschlichen Sexualität auf S. 283f. oder bei der Erwähnung von „Deuterojesaja“). Gleichwohl ist das Buch erkennbar vom Anliegen der Vf. getragen, zum Nachdenken anzuregen, nicht jedoch Streit vom Zaun zu brechen.

Zur hervorragenden Lese- und Nutzerfreundlichkeit des Buches trägt u. a. der Wechsel von Passagen im Normaldruck mit solchen im Kleindruck bei, wobei Letztere in der Regel eine Diskussion ausschnittsweise vertiefen oder wirkungsgeschichtlich wichtige Beiträge zur Diskussion knapp kommentieren. Die im Kapitel erwähnte Literatur wird jeweils am Kapitelende aufgeführt; häufig herangezogene Werke sind mit Kürzel genannt, die am Ende des Buches in einer Bibliographie von Standardwerken aufgelöst sind. Jedes Kapitel beginnt mit Angabe der Lernziele sowie einigen Gedanken und Arbeitsaufträgen, die einen Zugang zum Thema von lebensweltlichen Anschlusspunkten aus eröffnen sollen. Schließlich verfügt das Buch über ausführliche Register. So wirkt die Anlage des Bandes klug durchdacht.

Entstanden ist ein Studienbuch mit transparenter theologischer Positionierung, die im Gespräch mit unterschiedlichen Positionen begründet wird. Genauer gesagt: Der Leser wird – im Sinne eines Entwurfs – orientiert, insofern die Vf. sich zu Grundentscheidungen reformatorischer und erwecklicher Theologie bekennen, sie dabei jedoch stets – im Sinne eines Studienbuchs – unterschiedliche Auffassungen präsentieren und kommentieren, wobei diese Darlegungen häufig (nicht immer) in die – moderat vorgetragene – eigene Positionierung einmünden.

Der holländische Entstehungskontext des Buches muss sich m. E. nicht rezeptionsbegrenzend auswirken, schon gar nicht im kulturell verwandten deutschsprachigen Raum. Nicht ohne weiteres auf Deutschland übertragbar sind lediglich die Ausführungen dazu, wie die akademische Beschäftigung mit der Theologie in den Niederlanden organisiert ist. Dass immer wieder auf holländische Autoren (neben Berkhof v. a. A. A. van Ruler) verwiesen wird, dürfte eher bereichernd als begrenzend wirken, zumal die deutsche theologische Diskussion (neben Barth v. a. W. Pannenberg und E. Jüngel) stets im Blick ist.

Dem Band ist eine weite Verbreitung an evangelikalen Ausbildungsstätten und unter Theologen, die im Dienst von Kirche und Gemeinde stehen, zu wünschen. Was das Buch leistet, ist in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzen: Von evangelikalen Grundentscheidungen her werden, unter Anerkennung der Autorität der Bibel, in didaktisch vorbildlicher Weise die Grundzüge einer christlichen Dogmatik entwickelt, und zwar in beständigem Gespräch mit der europäischen Geistesgeschichte und der hiesigen theologischen Diskussion. Was das Format einbändiger Dogmatiken auf dem gehobenen Einführungsniveau angeht, dürfte sich dieser Band als Standardwerk etablieren.

Prof. Dr. Christoph Raedel, Professor für Systematische Theologie und Theologiegeschichte an der Freien Theologischen Hochschule Gießen