Matthieu Richelle: The Bible and Archaeology

Matthieu Richelle: The Bible and Archaeology, Peabody/MA: Hendrickson, 2018, Pb., XVI+152 S., $ 14.95,–, ISBN 978-1-61970-911-9

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Bei vorliegendem Buch handelt es sich um eine revidierte und erweiterte Übersetzung aus dem Französischen (zuerst 2011 unter dem Titel „La Bible et l’archéologie“ erschienen). Auch ins Portugiesische wurde das Buch übersetzt (2016). Der englischen Übersetzung ist ein Vorwort von Alan Millard beigefügt. Matthieu Richelle ist Professor für Altes Testament an der Faculté Libre de Théologie Évangelique in Vaux-sur-Seine. Archäologische Fachkenntnis hat er sich besonders an der École biblique et archéologique française in Jerusalem angeeignet.

In der Einleitung benennt Richelle drei Ziele des Buches: 1. Eine grundsätzliche Bestimmung, was Archäologie zu leisten vermag und wo ihre Grenzen sind. 2. Orientierung in der kontroversen Frage des Verhältnisses zwischen biblisch bezeugter Historie und archäologischen Entdeckungen. 3. Die ersten beiden Punkte sollen exemplarisch auf zwei neuere Kontroversen bezüglich der Zeit von David und Salomo angewandt werden. Das Buch ist primär ein Lehrbuch, das sich an Theologiestudenten richtet und darauf abzielt, dass Exegeten einen ausgewogenen Umgang mit archäologischen Funden und Theorien erlernen.

Das erste Kapitel befasst sich damit, was Archäologen entdecken und wie sie dabei vorgehen. Thematisiert werden an anschaulichen Beispielen (mit farbigem Bildmaterial im Anhang des Buches) die Identifikation von Orten, chronologische Einordnung, Population und Architektur. Es folgen Ausführungen über die Rekonstruktion des Lebens in Israel, angefangen beim alltäglichen Leben, über die Gesellschaftsstruktur, religiöse Praktiken, Ökonomie und Internationale Beziehungen, sowie historische Ereignisse.

Das zweite Kapitel widmet sich dann den Schriftfunden und führt ein in die verschiedenen Typen von Inschriften: Königliche Stelen (wobei der Codex Hammurabi, die Amman-Stele, die Mescha-Stele, eine weitere Moab-Inschrift, sowie die Tell Dan Stele vorgestellt werden), Tontafeln, Ostraka, Papyri, Schriftrollen und andere Materialien. Besondere Erwähnung erhalten in einem kurzen Abschnitt die Rollen des Toten Meeres. Anschließend beschreibt Richelle die Schwierigkeiten, vor die die Archäologie mit solchen Funden gestellt ist: Entzifferung, Interpretation, Datierung, Erkennen von Fälschungen.

Das dritte Kapitel benennt die Grenzen der Archäologie. Richelle gliedert in Grenzen, die durch die Interpretation der Daten gegeben sind, und solche, die den Grabungen selbst inhärent sind. Zu Ersteren rechnet er die fehlende Sicherheit bei der Identifikation von Grabungsstätten, mögliche, aber unbeweisbare Korrelationen (u. a. auch zu biblischen Texten), die Tatsache, dass in „Biblischer Archäologie“ sowohl in Bezug auf die Bibel wie auch auf die Archäologie Interpretationen und nicht rohe Fakten miteinander verglichen werden, sowie die bisweilen schwierigen Datierungen. Den Grabungen inhärente Grenzen bestehen darin, dass der Gegenstand der Grabungen Ruinen sind, dass Orte nur partiell ausgegraben werden können sowie dass Grabungen nicht immer publiziert werden.

Im vierten Kapitel geht es um das Verhältnis von Bibel und Archäologie. Richelle stellt verschiedene Positionen vor, die er jeweils kurz würdigt, aber auch problematisiert. Dabei kommt das ganze Spektrum zur Sprache, von einer Instrumentalisierung der Archäologie zum Beweis, dass die Bibel „Recht hat“ (Archäologie als Dienerin der Bibel) bis zur Glorifizierung der Archäologie als einziger historischer Quelle und als Richterin der Bibel. Biblischer Archäologie steht Syro-Palästinische Archäologie gegenüber, beide mit gewisser Berechtigung aber auch mit blinden Flecken. Richelle schließt sich nicht einfach einer Position an, sondern benennt Stärken und Schwächen, bemüht sich um einen ausgewogenen Zugang und fordert intellektuelle Redlichkeit und Transparenz. Weiter führt er aus, wie mögliche Verbindungen zwischen archäologischen Funden und biblischen Texten in der Praxis aussehen können: Von der Bestätigung biblischer Aussagen, über Vergleichsmaterial, Illustrationen, Ergänzungen, bis hin zu Spannungen und Widersprüchen benennt er Beispiele und kommentiert sie. Das Kapitel beschließt er mit einem Zitat von Eric Cline: „In no case has the Biblical account of an event of the first millennium sE. yet been shown by an extra-biblical inscription to be completely false“ (80).

Das fünfte Kapitel befasst sich als Fallstudie mit der Diskussion um das Königreich Davids und Salomos. Richelle führt in die Diskussion rund um die Palast- und Befestigungsanlagen in Megiddo, Gezer und Hazor ein, die als Konsens bis in die 1990er Jahren der Regierungszeit Salomos zugeschrieben wurde und zeigt die archäologischen Schwierigkeiten einer exakten Datierung, die Israel Finkelstein u. a. zu einer späteren Datierung in die Zeit der Omriden bewegten. Die Mehrheit der Archäologen folgt Finkelstein in seiner neuen Chronologie nicht, ist aber mit vorschnellen und selbstsicheren Schlüssen zurückhaltender geworden. Eine salomonische Datierung ist möglich, aber nicht sicher: „While the transition from consensus to uncertainty may appear to the general public to be a regression, this amounts to progress from a scientific point of view“ (93). Gleiches Urteil betrifft auch die Grabungen von Eilat Mazar in der „Davidsstadt“: Hat sie den Davidspalast gefunden? Möglich, aber nicht sicher.

Das sechste Kapitel widmet sich der Frage, ob die biblischen Texte überhaupt auf Quellen aus der Zeit Davids und Salomos zurückgehen könnten. Zwei Argumente dagegen werden oft vorgebracht: Das Fehlen von Inschriften aus dem 10./9. Jh. und die Annahme, dass die Entwicklung einer Schreibkultur einen bestimmten gesellschaftlichen Standard voraussetzt, der in Juda vor dem 8. Jh. nicht gegeben war. Richelle zeigt die Schwächen beider Argumente auf und nennt stattdessen einige Hinweise auf eine frühere Schreiberkultur, u. a. die Entwicklung einer „nationalen“ oder „lokalen“ Schrift (Paläo-Hebräisch) ab dem 9. Jh. oder den Nachweis von Schnellschrift ab dem 9. Jh. Nebenbei bemerkt er, dass aus der Perserzeit, die heute für die produktivste Zeit für die Entstehung des Alten Testaments gehalten wird, nicht ein einziger langer oder literarischer Text aus der Provinz Yehud überliefert ist.

Eine Zusammenstellung von weiterführenden Literaturhinweisen schließt das Buch ab. Etwas mühsam sind die Endnoten anstelle von Fußnoten. Ein Anhang bietet farbiges Bildmaterial, auf welches immer wieder Bezug genommen wird.

Das Buch besticht durch das, was Richelle fordert: intellektuelle Redlichkeit. Sein Ansatz ist ausgewogen, die verschiedenen Positionen sind fair und frei von Polemik dargestellt, der Leser wird auch in den methodischen Kapiteln nebenbei in diverse archäologische Funde und Diskussionen eingeführt. Richelle weist nicht nur auf die Möglichkeiten der Archäologie hin, sondern benennt auch ihre Grenzen und ruft sowohl Bibelwissenschaftler wie auch Archäologen zu einer gewissen Bescheidenheit auf. Ich kann das Buch vorbehaltlos empfehlen. Für Studenten, die sich mit der Lektüre englischer Bücher schwertun, wäre auch eine deutsche Übersetzung wünschenswert.

Ass.-Prof. Dr. Benjamin Kilchör, Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel