Frank Hinkelmann: Die Evangelikale Bewegung in Österreich

Frank Hinkelmann: Die Evangelikale Bewegung in Österreich. Grundzüge ihrer historischen und theologischen Entwicklung von 1945 bis 1998, Studien zur Geschichte christlicher Bewegungen reformatorischer Tradition in Österreich, 8, Bonn: VKW, 2014, 12+725 S., € 49,–, ISBN 978-3-86269-100-5

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Frank Hinkelmann wurde mit dieser Studie an der Freien Universität Amsterdam zum Dr. theol. promoviert (auf deren Webseite steht diese Diss. als pdf-Datei). Hinkelmann ist leitender Mitarbeiter von Operation Mobilisation, außerdem evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Präsident der Europäischen Evangelischen Allianz, stellvertretender Vorsitzender der Weltweiten Evangelischen Allianz und Rektor des Martin-Bucer-Seminars.

Hinkelmann vollzieht das Auftauchen und die Verwendung des Begriffs „evangelikal“ nach (Kap. 2). Im englischen Sprachraum war „evangelical“ ursprünglich gleichbedeutend mit evangelisch, betraf also die Anhänger der Reformation. Ab den 1730er Jahren gewann dieser Begriff ein schärferes Profil, indem damit speziell die Erweckungsbewegung mit John Wesley und George Whitefield bezeichnet wurde (12f) – die damalige Bedeutung deckt sich dann schon ungefähr mit der heutigen. In der deutschen Sprache verbreitete sich der Begriff „evangelikal“ – durchaus in der heutigen Bedeutung – in den 1960er Jahren (20). Wenn man sich am Gebrauch dieses Begriffs orientiert (was ein äußeres Kriterium wäre), könnte man also ab den 1960er Jahren von einer „Evangelikalen Bewegung“ sprechen. Hinkelmann datiert aber etwas früher: Von einer Evangelikalen Bewegung kann man in Deutschland seit den 1950er Jahren sprechen.“ (26) Diese Datierung ergibt sich allerdings nicht klar aus den von Hinkelmann angeführten Indizien.

Das analoge Problem einer Datierung des Beginns einer Evangelikalen Bewegung betrifft auch Österreich. Von einer „eigentlichen Evangelikalen Bewegung“ in Österreich kann man, so Hinkelmann, erst nach 1945 sprechen. Die zu dieser Bewegung gezählten Gruppen gab es bereits zuvor, aber „die Entstehung und Klassifizierung einer Evangelikalen Bewegung in Österreich [sei] nur im Kontext des internationalen Wachstums der weltweiten Evangelikalen Bewegung ab 1945 zu verstehen“ (3). Auf dasselbe Jahr verweist er in seiner Zusammenfassung am Ende des Buches: „Der Beginn der Zweiten Republik markiert den eigentlichen Anfangspunkt der Evangelikalen Bewegung in Österreich.“ (510) Ich vermisse jedoch eine Begründung, worin das entscheidend Neue besteht, so dass es ab jenem Zeitpunkt eine „Evangelikale Bewegung“ gibt, davor jedoch bloß „Vorläufer“ einer solchen. Das 4. Kapitel überschreibt Hinkelmann mit: „Die Vorgeschichte der Evangelikalen Bewegung in Österreich bis 1945“, und für die Jahre bis 1945 spricht er von einem „Wachstum der Vorläufer der Evangelikalen Bewegung“ (509). Demnach währt für Hinkelmann die Vorgeschichte bis 1945, und ab 1945 beginnt die Geschichte der Evangelikalen Bewegung. Nun abgesehen von der Frage, ob man überhaupt versuchen sollte, den Beginn der Evangelikalen Bewegung mit einem bestimmten Jahr zu verknüpfen: Demnach hätte die Evangelikale Bewegung in Österreich etwas früher begonnen als in Deutschland, was unwahrscheinlich ist.

Ganz allgemein ist es eine wichtige, aber schwierig zu beantwortende Frage für Kirchenhistoriker, ab welcher Zeit man Gruppen mit evangelikalen Kennzeichen als „evangelikal“ bezeichnen sollte (konkret z. B.: Soll man Baptisten des 19.Jahrhunderts, wie Spurgeon oder Oncken, als „Evangelikale“ bezeichnen?).

Die Evangelikale Bewegung in Österreich besteht nach Hinkelmann aus drei Hauptströmungen: einer volkskirchlich-pietistischen, einer freikirchlich-bekennenden und einer pfingstlich-charismatischen (3). Hinkelmann achtet darauf, dass Persönlichkeiten im evangelikalen Umfeld nicht vorschnell als „evangelikal“ eingestuft werden, sondern er differenziert sorgfältig. So schreibt er etwa über Oskar Sakrausky, den evangelischen Bischof in den 1970er Jahren, dass er „als Evangelikaler verschrien war“, aber „persönlich eher in der Tradition des konfessionellen Luthertums“ stand (515).

Da im Laufe der Jahrzehnte die Anzahl evangelikal geprägter Amtsträger in der Evangelischen Kirche abnimmt, und damit die Evangelikale Bewegung insgesamt stärker durch Freikirchler geprägt wird, spricht Hinkelmann von einer „Verfreikirchlichung der Evangelikalen“ (518). Aber an den Evangelikalen änderte sich dadurch nichts: Die einzelnen Evangelikalen wurden nicht freikirchlicher, als sie es vorher waren (entweder sie waren freikirchlich oder volkskirchlich). Ebenso wenig wurde die Evangelikale Bewegung „konfessioneller“, als sie vorher war. Aber Hinkelmann schreibt im Zusammenhang mit dem Bund Evangelikaler Gemeinden in Österreich: „Spätestens mit der Gründung des BEGÖ findet die Konfessionalisierung der Evangelikalen Bewegung ihren Höhepunkt.“ (518) Was sich änderte, waren bloß die mit dem Begriff „evangelikal“ verbundenen Assoziationen: Diese verschieben sich, indem viele Beobachter bei diesem Wort stärker an Freikirchen denken, nun insbesondere an den so bezeichneten freikirchlichen Bund.

Über die von Hinkelmann verwendeten Begriffe ließe sich also diskutieren. Unbestritten sind aber bestimmte Stärken Hinkelmanns, vor allem sein Aufspüren bislang unbekannter Quellen, verbunden mit seinem Durchsuchen von Archiven mehrerer Länder. Dazu kommt seine umfassende Kenntnis der deutschen und englischen Fachliteratur. Er verwertet daneben auch alte Bücher, kirchliche Zeitschriften und ungedruckten Broschüren – somit ergibt sich eine faktenreiche Zusammenschau. Das Verzeichnis der – teils ungedruckten – Literatur umfasst etwa 100 Seiten, und in beinahe 2500 Anmerkungen verwertet er diese Literatur. Durch das Personenregister kann das Buch auch als Nachschlagewerk für pietistische und freikirchliche Strömungen in Österreich dienen.

Bei der Darstellung der einzelnen Zeitabschnitte skizziert Hinkelmann zuerst die politische, wirtschaftliche, kulturelle und allgemein-kirchliche Entwicklung ausführlich – ungefähr ein Viertel des Textes wird dieser Darstellung des jeweiligen zeitgeschichtlichen Umfeldes gewidmet, gestützt auf Fachliteratur. Zu den hier beschriebenen Zeitumständen werden allerdings danach, bei der Beschreibung der evangelikalen Entwicklung jener Jahrzehnte, kaum Querverbindungen hergestellt. Insofern halte ich die Darstellung des zeitgeschichtlichen Umfeldes für zu breit. Die verschiedenen Bereiche (Wirtschaft, Religion usw.) erscheinen weitgehend unverbunden nebeneinander (abgesehen von der Vertreibung Deutscher aus Osteuropa – viele Christen kamen um 1945 nach Österreich und verstärkten Gemeinden). Hinkelmann sagt selbst, „dass an vielen Stellen die Evangelikale Bewegung wie eine Insel losgelöst von sonstigen gesellschaftlichen Entwicklungen erscheint“ (520).

Hinkelmann bringt sehr ausführliche Zitate aus Primär- und Sekundärliteratur, oft ein Drittel einer Seite umfassend. Das hat Vor- und Nachteile: Der Leser bekommt damit viele schwer zugängliche Quellenauszüge präsentiert, die für den Leser mitunter auch für andere Themen von Interesse sein können. Andererseits wird die Darstellung dadurch deutlich umfangreicher, und die Aufmerksamkeit des Lesers wird in viele Richtungen gelenkt, auch abseits vom eigentlichen Thema des Buches. Insgesamt entstand somit ein umfangreiches Buch. Vielleicht liegt es auch am Umfang, dass viele Versehen beim Korrekturlesen „durchrutschten“; jedenfalls gibt es auch manche sinnverändernde Fehler, z. B. novellierte (statt nivellierte) Einkommensunterschiede (67).

Frank Hinkelmann bringt umfassende Kenntnisse in seine Darstellung der Evangelikalen Bewegung in Österreich ein. Es entstand ein umfangreiches Werk mit vielen Einzelheiten und ausführlichen Zitaten. Seine Begriffswahl zur Charakterisierung historischer Vorgänge überzeugt mich jedoch nicht immer.

Prof. Dr. Franz Graf-Stuhlhofer, BSc., Prof. für freikirchliche Theologie an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems