Jörg Breitschwerdt: Theologisch konservativ

Jörg Breitschwerdt: Theologisch konservativ. Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland, AGP 62, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2018, geb., 723 S., € 110,–, ISBN 978-3-525-57076-0

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Jörg Breitschwerdt, Studienleiter am Albrecht-Bengel-Haus, hat mit seiner überarbeiteten und erweiterten Dissertation eine umfangreiche, quellengesättigte Untersuchung zu den theologischen Hintergründen von Evangelikalen in Deutschland vorgelegt. Das Buch kann wegen seines Umfangs nur in einem stark zusammenfassenden Überblick besprochen werden.

In seinem ersten Teil stellt Breitschwerdt die Grundlegung und Krise des protestantischen Schriftprinzips vor dem 19. Jahrhundert dar (37–80). Der zweite Teil widmet sich dann den Auseinandersetzungen zwischen konservativer und moderner Theologie im 19. Jahrhundert (81–353). Diese Darstellungen belegen etwa die Hälfte des Buches. Der dritte Teil ist auf das 20. Jahrhundert fokussiert (355–633). Im vierten Teil stellt Breitschwerdt in einer zusammenfassenden Auswertung strukturelle, inhaltliche und historiographische Aspekte des Themas zusammen (635–656).

Die Auseinandersetzung um die Autorität der Heiligen Schrift beginnt schon in der Reformationszeit mit dem exemplarischen Streit zwischen Luther und Erasmus (38f). Anhand von Semler und Lessing wird die Krise des protestantischen Schriftprinzips in der Neuzeit deutlich (60ff). Die Basler Christentumsgesellschaft wollte vom Ende des 18. Jahrhunderts an nicht nur christliche Erbauung fördern, sondern auch theologisch gegen die Neologie Stellung nehmen (81ff). Diese ursprünglich geplante Aufgabe scheiterte jedoch an fehlenden personellen Ressourcen.

In zunehmender Konzentration auf Westfalen und Württemberg schildert Breitschwerdt die Auseinandersetzungen um das rationalistische Christentum, das im Lauf des 19. Jahrhunderts immer mehr die evangelischen theologischen Fakultäten und die Kirchenleitungen prägte. Wichtig ist in diesem Zusammenhang für den württembergischen Pietismus der Streit um das „Leben Jesu“ von David Friedrich Strauß (116ff, interessant: Sixt Kapff 118, Wichern 129), gegen Ende des Jahrhunderts der Apostolikumsstreit (153ff, instruktiv: Vortrag von H. Bezzel gegen A. v. Harnack: 165).

Konservative Christen begegneten dem zunehmenden innerkirchlichen Liberalismus mit den gleichen Mitteln, die Jahrzehnte später auch im 20. Jahrhundert diskutiert und angewandt wurden: Sie gründeten Vereine und trafen sich in regelmäßigen Versammlungen (232 Evangelisch-kirchliche Vereinigung, 233 Donnerstagskranz verbunden mit dem Häringschen Haus in Stuttgart), eine Predigerschule in Basel entstand (239) und man versuchte, durch Stiftungsprofessuren Einfluss zu nehmen (239). Der preußische Kultusminister Robert Bosse berief „positive“ Professoren, um auch konservativen Positionen eine Stimme an den Fakultäten zu geben (250, abfällig „Strafprofessuren“ genannt, vgl. 342f). In Württemberg wurde eine 6. Professur in Tübingen eingerichtet, auf die Adolf Schlatter, später Karl Heim berufen wurde (253ff, 269).

Die neu gegründete rheinisch-westfälische Vereinigung der Freunde des kirchlichen Bekenntnisses (290ff) fällt durch eine lange Liste bekannter pietistischer Mitglieder auf (302f, u. a. Modersohn, T. Haarbeck, Weigle, Michaelis, Schrenk, Bodelschwingh d. Ä., Mohn, Busch), wobei hier besonders Reaktion auf den Liberalismus und seine Abwehr im Vordergrund standen (303). Theologische Ferienkurse wurden eingeführt (311f), die Gründung freier Hochschulen überlegt und die Förderung höherer theologischer Abschlüsse wie des Licentiaten vorgeschlagen (331f, 336). Bodelschwingh verfolgte trotz mancher Widerstände und Bedenken hartnäckig seine Idee einer kirchlichen Hochschule (333ff, 347). Konservative forderten die flächendeckende Einrichtung von Studienhäusern für Theologiestudenten (337), die in Bonn 1896 (347) und in Greifswald 1897 realisiert wurden. Durch den Hype um Karl Barths Wort-Gottes-Theologie trat seit den 1920er Jahren die Diskussion über die moderne Theologie in den Hintergrund (353). Sie sollte nach dem 2. Weltkrieg in Bultmanns Entmythologisierungsforderung in neuem Gewand fortgesetzt werden.

Der „evangelikale Protest“ in Westfalen und Württemberg im 20. Jahrhundert bildet den thematischen Hauptteil des Buches. Bultmann suchte im Gegensatz zur älteren liberalen Theologie nicht den wahren Kern in der unhistorischen Schale biblischer Botschaften, sondern bemühte sich um die Interpretation des mythologischen Wortes Gottes (356f). Ursprünglich versuchte er damit, dem „Menschen von heute“, also dem im Nationalsozialismus lebenden Menschen (!) wieder den Weg zur Kirche zu weisen (371). Innerhalb der Bekennenden Kirche war mit Bultmanns Alpirsbacher Vortrag von 1941 eine Bruchlinie deutlich geworden (375). Der Konflikt um Bultmann und seine Schüler führte auch in Württemberg zu Irritationen in den Gemeinden und Gemeinschaften. Seit 1965 gab es die Ludwig-Hofacker-Vereinigung unter Fritz Grünzweig als Sammelbecken des württembergischen Pietismus (498ff).

Für Westfalen wurde der Bethelkreis wichtig, der kritisch auf die theologische Kursänderung an der Theologischen Hochschule reagierte (532, 567). Der Alttestamentler Hellmuth Frey wurde dadurch immer mehr zum theologischen Außenseiter. Die Gründung der Ahldener Bruderschaft und der Ravensberger Bruderschaft in den 1950er Jahren war wichtig für konservative Pastoren. Paul Deitenbeck drückte in einem offenen Brief zur Bedeutung der Bibel deutlich aus, dass in der modernen Theologie das Schriftprinzip durch ein neues Traditionsprinzip ersetzt wird (541f). In einer Postwurfsendung an alle Pfarrämter der BRD im März 1961 protestierten Deitenbeck und Gerhard Bergmann gegen die liberale Theologie von Heinz Zahrnt (543f). Da die Kirchenleitungen auf den konservativen Protest nicht reagierten, blieb den bekennenden Christen nur der Weg an den Öffentlichkeit (567). Die weitere Arbeit führte zur Gründung der „Bekenntnisbewegung ,Kein anderes Evangelium‘“ (585). Einer Einladung der Bekenntnisbewegung zu einer Großkundgebung in die Dortmunder Westfalenhalle folgten über 20.000 Menschen (597ff, Umschlagbild des Buches). Man sah darin eine Parallele zu den „Gemeindetagen unter dem Wort“ im Dritten Reich (612, vgl. 632). Der Stuttgarter Kirchentag 1969 machte die tiefe Spaltung zwischen bibelgläubiger Gemeinde und moderner Theologie offenbar (622).

Breitschwerdt fasst im letzten Teil seiner Untersuchung den Ertrag seiner Arbeit zusammen. Der bisher isolierten Wahrnehmung konservativer Theologen in ihrer jeweiligen Zeit stellt er die theologische Verbindung gegenüber, die über einzelne kirchengeschichtliche Epochen hinweg reicht (635). Der aus der Geschichtswissenschaft entlehnte Terminus des theologisch „Konservativen“ ist zur Beschreibung gemeinsamer Überzeugungen theologisch unterschiedlicher Gruppierungen im Gegenüber zur „modernen Theologie“ besser geeignet als der Begriff „Pietismus“ oder „Neupietismus (645f, 651). Dem Verfasser ist zuzustimmen, dass dringend weitere Studien für andere Regionen und die Bezüge zum kirchlichen und theologischen Konservativismus nötig sind (654f). Ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis zeugt von dem enormen Fleiß, mit dem Breitschwerdt in jahrelanger Arbeit an Briefen, Akten, Büchern und weiteren Aufzeichnungen gearbeitet hat (661–712).

Wer noch im 20. Jahrhundert ältere pietistisch geprägte Pfarrer kennengelernt und sie nach prägenden Theologen gefragt hat, bekam meistens dieselben Namen zu hören: Karl Barth, Adolf Schlatter, Karl Heim. Dennoch wäre zu fragen, welchen Einfluss auch die Lutherrenaissance auf konservativ-pietistische Theologen am Anfang des 20. Jahrhunderts hatte. Die Professoren auf den bis zu drei (!) Stiftungslehrstühlen Basler Großbürger an der evangelischen Fakultät ihrer Heimatuniversität hatten nicht nur gute Verbindungen nach Greifswald, sondern gewiss auch einen direkten Einfluss besonders auf Konservative in Süddeutschland. Auch die im 19. Jahrhundert neu entstehenden Missionsschulen in Basel, Wuppertal, St. Chrischona und Bad Liebenzell hatten einige bedeutende konservative Dozenten und Direktoren aufzuweisen; viele von ihnen kamen aus dem landeskirchlichen Pietismus. Diese Seminare wirkten durch Übernahme ehemaliger Missionare in den Kirchendienst ebenfalls hinein.

Breitschwerdts Studie konzentriert sich durch ihre Quellenauswahl auf Genese und Anliegen eines Teils der evangelikalen Bewegung in Deutschland. Gegenstand der Untersuchung ist der landeskirchliche Gemeinde-Konservativismus, der durch pietistische-konservative Pfarrer im klassischen Sinn des Frömmigkeitsanliegens von Arndt, Spener, Francke und anderen geprägt ist. Die theologischen Wurzeln landeskirchlichen Gemeinschaftschristentums kommen nur am Rande vor. Die evangelikale Bewegung über die Gemeinschaften hinaus in Freikirchen, charismatischen und bibeltreu-konservativen Einzelgemeinden wird nicht behandelt. Deren theologische Hintergründe sind eher nicht primär in den hier behandelten theologischen Strömungen, sondern in den internationalen reformierten und brüderischen Freikirchen zu finden. Diese Desiderate können jedoch nicht den hohen Wert von Breitschwerdts Veröffentlichung schmälern, den sie besonders durch extensives Quellenstudium und durch ausführliche Zitate aus nicht-veröffentlichten Quellen für nachfolgende Untersuchungen besitzt.

Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-Höllstein