Heinzpeter Hempelmann / Uwe Swarat (Hg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde

Heinzpeter Hempelmann / Uwe Swarat (Hg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Neuausgabe, Bd. 2, Holzgerlingen: SCM R. Brockhaus, 2019, geb., 1176 Sp., € 128,–, ISBN 978-3-417-26802-7


Auch der zweite Band der Neuausgabe des Evangelischen Lexikons für Theologie und Gemeinde besticht durch viele allgemeinverständliche, interdisziplinäre und konstruktive Artikel. Siegbert Riecker hat in seiner Rezension für den ersten Band schon einige bedenkenswerten Beobachtungen zusammengetragen (https://rezensionen.afet.de/?p=535). Diese möchte ich um einen umfassenden Vergleich mit der faktischen Gestalt der ersten Ausgabe ergänzen und zusätzliche Lektüretipps für den zweiten Band geben.

Vergleicht man den neuen zweiten Band mit den Artikeln der ersten Auflage, so zeigen sich viele Verschiebungen. Da ist zunächst 1) eine Aufwertung der Religionswissenschaft, 2) des ästhetischen Zugangs, 3) weiblicher und antiker Personen, sowie 4) der internationalen Perspektive zu konstatieren und 5) können die aktuellen Debatten des kontemporären Evangelikalismus in den einzelnen Unterabschnitten der Artikel wiedererkannt werden.

Die erste Verschiebung ist der neue Fokus auf die Religionswissenschaft, -geschichte, Ethnologie oder Philosophie. Spielten diese Wissenschaften in der ersten Ausgabe eine deutlich untergeordnete Rolle, eröffnen sie jetzt eine Vielzahl von Artikeln (vgl. Art. Feste; Heil; Heilig/Heiligkeit; Heilung; Himmel; Hölle; Hoffnung). Die Qualität der Ausführungen ist hoch und der inhaltliche Ertrag für die jeweilige Thematik klar erkennbar. Insofern kann man diese neue Interdisziplinarität zunächst nur begrüßen.

Die letzten Unterabschnitte beleuchten das jeweilige Thema in der zweiten Auflage häufig „in der Kunst“ (Art. Jesus Christus; Himmel; Hirte; Hölle usw.). Das passt zunächst zu den vielen schönen Darstellungen und Bildern, die bereits die erste Auflage prägten. Nichtsdestoweniger scheint es an manchen Stellen, als ob hier ein rezeptionsästhetisches Paradigma weit stärker Einzug gehalten hat als in der ersten Auflage.

Mit diesen veränderten Start- und Endpunkten vieler Hauptartikel geht eine grundsätzliche Gefahr einher. Der Abschnitt über die biblische Theologie, das Proprium des Lexikons, droht unter die Räder zu kommen. Im wohl kontroversesten Artikel des Lexikons, „Homosexualität“, ist er in der Mitte eingepfercht (I. biologisch/psychologisch; II. historisch; III. soziologisch; IV. biblisch; V. ethisch; VI. praktisch-theologisch). Freilich entwickeln die jeweiligen Autoren der anderen Abschnitte ihre Theologie zumeist ebenfalls im Gespräch mit der Heiligen Schrift. So scheut sich Christoph Raedel (V. ethisch) nicht eine Klaus Haacker (IV. biblisch) entgegengesetzte Deutung von Röm. 1 zu vertreten (vgl. auch die Rezension zu diesem Band von Jonathan Reinert: https://ichthys-online.de/artikel/2020_36_194/).

Drittens lassen sich manche Verschiebungen auch in den neu hinzutretenden Artikeln erkennen. So ist etwa die Aufnahme von Frauen (Art. Juliana von Norwich; Friedrike Fliedner; Lydia Haman usw.) positiv hervorzuheben, aber auch Theologen der jüngeren Jahrzehnte werden sinnvollerweise ergänzt (Art. Fleisch, Paul; Flückiger, Felix usw.). Kritisch wird man rückfragen müssen, welchem spezifischen Anliegen des ELThG die neuen Beiträge über historische Personen (etwa Art. Ferdinand II; Art. Hohenzollern; Art. Kaiser Julian) dienen, wenn dafür bedeutende Gestalten der moderneren Missionsgeschichte kaum ergänzt wurden (neben hervorragenden Artikeln zu Personen, denen schon in der ersten Auflage ein Artikel gewidmet war, wie Billy Graham oder Ole Hallesby). Man denke etwa an den im lutherischen Pietismus populären Erbauungsschriftsteller Bo Giertz.

Viertens kommt durch die vielen Artikel zu den Ländern auf faszinierende Art und Weise die Internationalität des Evangelikalismus in den Blick. Das Lexikon ist fast ein Reiseführer für diejenigen, die sehnsüchtig auf das Ende der Reisebeschränkungen harren. Einzelne Artikel führen ebenfalls in diese Richtung (Art. Kagawa, Toyohiko; Keswick-Bewegung; Kimbanguismus usw.). Für die kommenden beide Bände könnte der Blick auf das aktuell so wichtige Forschungsfeld „global christianity“ noch weiter ausgebaut werden.

Fünftens erkennt man an vielen Stellen die große Bedeutung der Sexualethik für die evangelikale Bewegung. Nicht zuletzt interne Diskussionen führen wohl dazu, dass der Artikel Homosexualität (1255–1277) den gleichen Umfang hat wie der Artikel Jesus Christus (1537–1559). Hinzu kommen noch eine Vielzahl an verwandten Themen (Art. Familie; Feminismus; feministische Theologie; Frau; Gendertheorie). Die Bedeutung dieses Themenkomplexes verrät mehr über unsere Zeit als über die Mitte christlicher Theologie.

Fasst man diese Beobachtung zusammen, so muss sich das ELThG weiterhin um eine schwierige Balance bemühen. Einerseits muss auch ein Lexikon auf neuere Entwicklungen reagieren. Einen solchen Aktualitätsbezug weist die neue Aufnahme eines Artikels über Faschismus oder die ausführlichere historisch-politische Behandlung der Freiheit als ihre systematisch-theologische Konturierung deutlich auf.

Andererseits darf ein Lexikon nicht zu allgemein werden. Es gibt bereits hervorragende Bibellexika. Wozu dann Aufsätze über biblische Bücher oder Hillel? Es gibt bereits das Lexikon für Christliche Ikonographie (LCI). Warum dann einen solchen, neuen Schwerpunkt auf Kunstgeschichte? Es gibt das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon (BBKL). Warum noch mehr historische Personen? Nicht zuletzt auch im Verhältnis zu TRE und RGG muss weiterhin sorgsam zwischen zu starker Aktualität und evangelikalen Binnendiskursen einerseits, einer zu umfassenden Universalität andererseits abgewogen werden.

Abschließend sollen noch einige Lektüretipps gegeben werden. So sind die Beiträge, welche neuere Entwicklungen reflektieren, besonders zu empfehlen (etwa Art. Fortschritt; Art. Jugendreligiosität; Art. Fantasyliteratur). Für die gemeindliche Praxis sind die Reflexionsfragen des Nachfolgers von Michael Herbst auf dem praktisch-theologischen Lehrstuhl in Greifswald, Tobias Braune Krickau, zur Beschäftigung mit der Jugend (Art. Jugend V. praktisch-theologisch) oder der Artikel Gemeindeaufbau von Johannes Zimmermann anregend.

Zuletzt fragt sich der Rezensent nach der Zukunft der „Gattung“ Lexikon in gedruckter Form. Vielleicht wäre es angezeigt, ähnlich der TRE, eine Internetpräsenz aufzubauen? So könnte beispielsweise über Bibliotheksnetzwerke mit Lizenz auf die verschiedenen Artikel zugegriffen werden. So könnte das Lexikon diejenige Bekanntheit erlangen, die man ihm wünscht. Denn das ELThG leistet Enormes: es bringt eine Fülle verschiedener Autoren zusammen, stellt gegenüber der ersten Ausgabe neue interdisziplinäre Zusammenhänge her, geht auf moderne Strömungen ein und bildet auch kontroverse Diskussionen ab. Zugleich dient es als hervorragendes Nachschlagewerk in der pluralisierten kirchlichen Landschaft (etwa Art. ICF). Die Lesefreude nimmt jedenfalls auch beim zweiten Band beständig zu.


Jan Reitzner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im DFG-Projekt „Die Apophthegmata Patrum im Zusammenhang der abendländischen Reform monastischen Lebens im Frankreich des 11./12. Jahrhunderts“ bei Prof. Tobias Georges (Göttingen) und Schriftleiter des theologischen Magazins ichthys (ichthys-online.de).