Daniela Kohler: Nathanaél

Daniela Kohler: Nathanaél. Johann Caspar Lavater im poetischen Gespräch mit Goethe über das wahre Christentum, Zürich: Theologischer Verlag, 2016, Pb., 351 S., € 53,–, ISBN 978-3-290-17856-7

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„Auf den ersten Blick erscheint Johann Caspar Lavaters Nathanaél wenig mehr zu sein als eine weit ausholende, ermüdend repetitive Aneinanderreihung von paraphrasierten biblischen Texten. Dass die Schrift vom Geist und von der Sprache der ‚Empfindsamkeit‘ bzw. des ‚Sturm und Drang‘ des späten 18. Jahrhunderts zutiefst durchdrungen ist, trägt nicht unbedingt zu ihrer Attraktivität für eine heutige Leserschaft bei“ (3). Mit diesen Worten beginnt Peter Opitz, Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte an der Universität Zürich und Lavater-Kenner, das Vorwort zur hier vorgestellten Edition, nicht ohne sogleich hinzuzufügen, dass diese ein Desiderat der Lavater-Forschung aufgreife und „darüber hinaus ein Beitrag zum Verständnis der gesamten Christentumsdiskurse der Goethezeit“ (4) sei. Beidem ist zuzustimmen! Die Germanistin Daniela Kohler (Universität Bern) legt hier nach ihrer Studie zur Eschatologie und Soteriologie in der Dichtung. Johann Caspar Lavater im Wettstreit mit Klopstock und Herder (2015) eine im Rahmen eines SNF-Projekts entstandene Edition des Nathanaél vor. Diese Schrift veröffentlichte der Zürcher Theologe und Schriftsteller Johann Caspar Lavater (1741–1801) im Jahr 1786; eine zweite Auflage hat das Werk nicht erfahren und, da sich auch Lavater in seiner späteren Korrespondenz kaum noch auf die Schrift bezog, gehört der Nathanaél zu seinen wenig beachteten Schriften. Es ist daher das Verdienst von Daniela Kohler, diese Schrift nicht nur durch eine Neuedition wieder leicht zugänglich zu machen, sondern vor allem auch erstmals – und das ausgezeichnet – zu kommentieren und in die zeitgenössischen theologischen und literarischen Diskurse einzuordnen.

Der inhaltliche Kommentar (7–70) sowie editorische Hinweise (71–73), das Literaturverzeichnis (329–339) und Register der Personen, biblischen Gestalten und Bibelstellen (341–351) rahmen die, der ersten und einzig vollständigen Veröffentlichung von 1786 folgende, Edition der Schrift Nathanaél. Oder, die eben so gewisse, als unerweisliche Göttlichkeit des Christentums. Für Nathanaéle. Das ist, Für Menschen mit geradem, gesundem, ruhigem, Truglosen Wahrheitssinne. Die Editorin erläutert in Fußnoten schwerverständliche Begriffe, vor allem aber ergänzt sie sorgfältig die Bibelstellen, die Lavater direkt oder indirekt zitiert.

Denn Lavater stellt hier in 52 Kapiteln (mit Vor- und Nachwort sowie Anhängen) biblische Personen vor, zuerst den biblischen Nathanael (nach Joh 1,45-51) und dann in alphabetischer Anordnung im Neuen Testament erwähnte Personen von Agabus bis Zachäus. Lavater zitiert wörtlich oder paraphrasiert die biblischen Verse zur jeweiligen Person und ergänzt diese durch persönliche Bemerkungen, wie diese Person seinen Glauben gefördert habe, durch Gebetsrufe an Gott etc.. So beginnt er seine Ausführungen zu Titus mit den folgenden Worten (von ihm bewusst um Akzente zur Betonung ergänzt): „Wenn ich auch keinen Zeügen der evangelischen Wahrheit hätte, als dich […] Wie sehr sollt՚ ich glauben? Wie tief sollt՚ ich Wahrheit fühlen oder erkennen, oder unmittelbar wahrnehmen? Wie durch Intuitión, geistiges Anschauen, gewiß seyn, daß der Glaube der Christen nicht Wahn, der Tód und die Auferstehung des Herrn kein Traum“ (281). Hier ist das Anliegen von Lavaters Bibelparaphrase ausgesprochen: Die Schrift bzw. konkret die im Neuen Testament erwähnten Personen sind für Lavater Zeugen für Christus und zwar – christologisch – in seiner Göttlichkeit und – soteriologisch – als Heiland. Wie der biblische Nathanael Jesus, im Johannesevangelium als erster, als „Sohn Gottes“ (Joh 1,49) erkannte, so sollen die Leser dies durch das Zeugnis der biblischen Personen tun. Möglich ist ihnen dies, so Lavater, da jeder Mensch die Wahrheit durch die ihm innewohnende Intuition erkennen könne, wofür er den Begriff „Nathanaelismus“ prägt. „Nur Intuition, inniges, einfaches, wenn Ihr wollt, abstrahiertes, ich glaube größtentheils, unabstrahiertes, Wahrempfinden macht gewiß, froh, lebendig – Und Gewißheit, die froh macht, und Frohheit, die lebendig macht, […] – Das wollen wir?“ (87).

Mit der Göttlichkeit Christi und dem menschlichen Wahrheitssinn, wie sie Lavater bereits im Titel nennt sowie dem Axiom der Selbstevidenz der Wahrheit in der Heiligen Schrift sind die Schlagwörter genannt, mit denen Lavater sich im zeitgenössischen Diskurs um den christlichen Wahrheitsanspruch und ein aufgeklärtes Christentum positioniert, insbesondere gegenüber seinem Korrespondenzpartner Johann Wolfgang Goethe (1749–1832), der als (ungenannter) Adressat des Nathanaél gilt.

Der Nathanaél beendete 1786 nicht nur den Austausch zwischen Goethe und Lavater über den christlichen Glauben und markierte den Abbruch ihrer Freundschaft, sondern war auch innerhalb von Lavaters Werk sein letzter großer Versuch, den Christusglauben durch Bibelparaphrase einem breiteren Lesepublikum zu vermitteln und zugleich theologisch die Göttlichkeit Christi zu bezeugen und einsichtig zu machen. Es ist das Verdienst der Editorin, die Stellung Lavaters in den zeitgenössischen Diskursen ausführlich erläutert zu haben. Exemplarisch sei an dieser Stelle Lavaters Position innerhalb der Aufklärungstheologie skizziert: In Auseinandersetzung u. a. mit seinem Mentor Johann Joachim Spalding (1714–1804) hielt Lavater daran fest, dass Jesus nicht nur Religionsstifter und vorbildlicher Lehrer gewesen sei, sondern dass er als Sohn Gottes und einziger Mittler zwischen Gott und Mensch (an)erkannt werden müsse, wie ihn die Schrift bezeuge. Zugleich teilt Lavater die anthropologischen Überzeugungen der Aufklärungszeit und geht von der Möglichkeit einer inneren, auch affektiven Erkenntnis der christlichen Wahrheit aus – durch die Intuition als „schlagartiges Erfassen des ganzen Erkenntnisgegenstandes“ (47). Die Intuition als individuelle, dem Menschen inhärente und in der Empfindung verankerte Urteilskraft läuft der Vernunft nicht zuwider und ermöglicht, so Lavater, auch dem aufgeklärten, gebildeten Menschen den Zugang zum Christusglauben. Wer sich hier an Friedrich Schleiermachers Reden über die Religion erinnert fühlt, findet in Lavaters Nathanaél vorausweisende Gedanken.

Über den engeren Kreis der literarisch an Goethe und der Sturm-und-Drang-Literatur oder theologisch an der Aufklärungstheologie des 18. Jahrhunderts Interessierten hinaus empfiehlt sich die kundig kommentierte Edition auch dem systematisch-theologisch Interessierten: Als ein Versuch, ein „solus Christus“ und „sola scriptura“ in einer dem Vernunftpostulat unterworfenen Zeit zu vermitteln, gewinnt Lavaters Nathanaél an Relevanz und Attraktivität für den heutigen Leser – eben auf den zweiten Blick.

 

Dr. Ulrike Treusch, Professorin für Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen

 

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