Andreas Tasche: Henriette Katharina von Gersdorf
Andreas Tasche: Henriette Katharina von Gersdorf. Wegweiserin für Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, Neuendettelsau: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene, (2025) 2. erw. Aufl. 2026, Pb., 206 S., € 22,90, ISBN 978-3-87214-591-8
Der frühere Herrnhuter Pfarrer hat mit dem vorliegenden Buch über Henriette Katharina von Gersdorf eine weitere Veröffentlichung über eine Person aus der Familie bzw. dem Umfeld des Gründers der Herrnhuter Brüdergemeine Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf vorgelegt. Tatsächlich hat die Großmutter diesen maßgeblich geprägt.
Zinzendorfs Familie stammte aus altem österreichischem Adel; zur Zeit der Reformation war sie zum Protestantismus übergetreten. Während der Gegenreformation verließ der Großvater des Grafen die alten niederösterreichischen Erblande und siedelte sich in Franken in der Umgebung Nürnbergs an. Sein zweiter Sohn Georg Ludwig zog weiter nach Sachsen, wo er kurfürstlich-königlicher Konferenzminister wurde. Er heiratete schließlich Charlotte Justine von Gersdorf, eine Tochter des Geheimen Ratsdirektors und Landvogts der Oberlausitz und seiner Frau Henriette Katharina.
Ihr Sohn Nikolaus Ludwig, genannt Lutz, wurde am 26. Mai 1700 in Dresden geboren. Zinzendorfs Mutter schrieb unter das Geburtsdatum ihres Sohnes in die Hausbibel: „26.5.1700, Mittwoch abends gegen sechs Uhr hat der allerhöchste Gott mich in Dresden mit meinem Sohne Nikolaus Ludwig in Gnaden beschenkt, welcher aber nach sechs Wochen zur vaterlosen Waise geworden, da mein herzliebster Gemahl, dessen Herr Vater, der selige Graf von Zinzendorf, mir von der Seite gerissen worden. Der Vater der Barmherzigkeit regiere dieses Kindes Herz, daß es in den Wegen der Tugend aufrichtig einhergehe. Er lasse kein Unrecht über ihm herrschen und seinen Gang gewiß sein in seinem Wort: so wird es ihm an keinem Guten hier zeitlich und dort ewiglich fehlen, sondern er wird in der Tat erfahren, daß der König aller Könige und der Herr aller Herren von sich sagt: Ich bin der Waisen Vater.“ Viel später notierte darunter der junge Zinzendorf: „factum est!“ = „Das ist geschehen.“
Da die Mutter bald wieder heiratete und ihrem zweiten Mann, dem späteren Generalfeldmarschall von Natzmer, nach Berlin folgte, wuchs Nikolaus Ludwig unter der Obhut seiner Großmutter auf. Henriette Katharina von Gersdorf, geb. von Friesen, wohnte in der Wasserburg Hennersdorf in der sächsischen Oberlausitz. Sie war eine der gebildetsten Frauen an der Wende zwischen dem 17. und 18. Jh., und ihre „Milde, christliche Liebe und Guttat“ wurden gerühmt. Katharina von Gersdorf verstand mehrere Sprachen, las die Bibel im Urtext, dichtete lateinische und deutsche Verse und stand in umfangreichem Briefwechsel mit Gelehrten ihrer Zeit. Dazu gehörten Spener und Francke, vielleicht auch der damals berühmteste deutsche Philosoph, Leibniz. Besonders lag ihr die Förderung des kirchlichen Lebens am Herzen.
Der kleine Lutz verlebte seine Knabenjahre auf dem Landsitz seiner Großmutter. Ihr Vorbild weckte in dem Jungen sehr früh die Liebe zu Jesus. „Meine nahe Bekanntschaft mit dem Heilande kommt daher, daß ich zehn Jahre in meiner Großmutter, der Landvögtin von Gersdorf, eigenem Kabinett in Hennersdorf bin erzogen worden. Da habe ich sie mit dem Heiland reden hören über Sachen, die ich freilich nicht alle verstand, habe aber doch daraus geschlossen, daß der gemeinschaftliche Gottesdienst draußen und im Hause nicht alles sei für die Person, bei der ich wohnte, sondern daß sie unendlich mehr allein mit ihrem Herrn zu tun hatte.“
Mit zehn Jahren kam Nikolaus Ludwig in das von August Hermann Francke gegründete Internat nach Halle a. d. Saale. Der Beschluss des Familienrats war gegen den Willen der Großmutter zustande gekommen. Trotzdem spielte sie auch in der Folgezeit im Leben Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs eine wichtige Rolle. Zinzendorfs Berufswunsch war klar: Er wollte Pfarrer werden. Da er aber Aristokrat war, hat die Großmutter das zu verhindern gewusst. Es schickte sich nicht für einen evangelischen Hocharistokraten, den Pfarrberuf zu ergreifen. Zusammen mit dem Familienrat zwang sie ihn nach der Schulzeit, das Studium der Jurisprudenz aufzunehmen. Dazu wechselte er mit 16 Jahren von Halle nach Wittenberg an die dortige orthodox-lutherische Fakultät. In der alten Stadt Martin Luthers lernte er die Kämpfe kennen, die sich damals zwischen den orthodoxen Lutheranern und den pietistischen Kreisen der Kirche abspielten. Zinzendorf wagte es als Student, zwei Professoren zu einer Unterredung zu veranlassen, die sich bekämpften und dennoch vorgaben, einem Herrn zu dienen. Der junge Graf ging in seinen Vermittlungsbemühungen zwischen Lutheranern und Pietisten so weit, dass man das Eingreifen des Dresdner Ministeriums befürchten musste. Der Onkel und Vormund Nikolaus Ludwigs, der Generalfeldzeugmeister der sächsischen Armee, verfügte daraufhin, dass sein Neffe sofort die Stadt an der Elbe zu verlassen hatte, um sich auf Reisen zu begeben. So verließ der 19-jährige Zinzendorf nach 3-jährigem Studium die Lutherstadt, um eine mehrjährige Kavaliersreise durch das westliche Europa anzutreten. Zurück in Deutschland erwarb Zinzendorf mit seinem väterlichen Erbe von der Großmutter das Gut und Dorf Berthelsdorf. Dadurch war es ihm möglich, einen selbstständigen Haushalt zu begründen und 1721 zu heiraten. Schon ein Jahr später siedelten sich Flüchtlinge aus Böhmen auf dem Gebiet des Gutes an, wodurch Herrnhut und in den Folgejahren die Brüdergemeine entstand. Die Großmutter hat bis zu ihrem Tod 1727 das Schicksal der jungen Brüdergemeine mit wohlwollendem Interesse begleitet.
Das Buch zeichnet die Biographie Henriette Katharina von Gersdorfs nach und zeigt auf diese Weise auf, wie sie zu einer der gebildetsten Frauen des 17. und 18. Jh. werden konnte und welchen Weg sie in Glaubensangelegenheiten ging. Dadurch wird nachvollziehbar, wieso sie derart prägend für ihren Enkel werden konnte.
In einem ersten Kapitel beschreibt der Autor die Kindheit und Jugend der geb. Freiherrin von Friesen auf Schloss Rötha vor den Toren Leipzigs. Heute ist nur noch der Schlosspark erhalten, während das Schloss von der DDR-Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigt wurde. Henriette wurde in eine besonders gebildete Familie, die gleichzeitig großen politischen Einfluss im Kurfürstentum Sachsen besaß, hineingeboren und nahm wohl deswegen auch am Hausunterricht teil, den sie gemeinsam mit ihren Brüdern im Schloss von Rötha erhielt. Dadurch lernte sie nicht nur die modernen Sprachen Französisch und Italienisch, sondern auch Griechisch und Latein sowie später noch Hebräisch, Syrisch und Chaldäisch. Nachdem sie in der Oberlausitz heimisch geworden war, lernte sie zusätzlich Sorbisch. Noch von Rötha aus begann sie mit den Gebildeten ihrer Zeit zu korrespondieren. Im nächsten Kapitel „Die gefeierte Poetin“ geht es um ihre Dichtkunst. Schon früh haben ihre Eltern ihre besondere dichterische Begabung erkannt. Sehr bald widmeten sächsische Professoren aus Leipzig und Wittenberg ihr die eigenen Werke, so dass Henriette eine berühmte Frau wurde. Sie begann auch selber erbauliche Schriften zu publizieren.
Relativ spät, erst mit 24 Jahren, ging Henriette die Ehe mit Nicol von Gersdorf (1629–1702) ein. Die für damalige Zeit äußerst lange und glückliche Ehe wird von Tasche im nächsten Kapitel des Buches beschrieben: „Der Entschluss zur Ehe mit Nicol und dessen Karriere“. Von Gersdorf stammte wie Henriette aus einer der politisch einflussreichsten und begütertsten Familien Sachsens. Die politische Karriere führte Nicol von Gersdorf weit nach oben, u. a. wurde er vom sächsischen Kurfürsten 1686 in der Nachfolge des Vaters von Henriette zum Direktor des Geheimen Rates ernannt. Immer wieder war er auch in diplomatischen Missionen unterwegs, auf denen ihn seine Frau z. T. begleitete. 1692 schließlich wurde Nicol Landvogt der Oberlausitz mit Sitz in Bautzen, ein Amt, das er auch in der Regierungszeit August des Starken bis zu seinem eigenen Tod 1702 behielt. Im folgenden Kapitel werden die mit den Gütern verbundenen Aufgaben Henriettes und ihre zahlreichen Schwangerschaften untersucht: „Herrschaftliche und familiäre Herausforderungen“. Darin wird deutlich, dass ihr Wirken nicht nur auf die Belange der Familie beschränkt blieb, sondern sie auch in der Verwaltung der verschiedenen Güter involviert war. Sie war zudem 13-mal schwanger, wobei nur sechs Kinder das Säuglings- bzw. Kleinkindalter überlebten. Dazu kam die Fürsorge für vier Kinder aus den beiden ersten Ehen ihres Mannes.
Das nächste Kapitel „Allgemeines Eintreten für den Pietismus“ widmet sich dem kirchlichen Engagement Henriettes. Darin zeigt sich, dass ihr Herz für die Anliegen des Pietismus schlug, der nach einhelliger Meinung der heutigen Wissenschaft die bedeutendste Erneuerungsbewegung im Protestantismus seit der Reformation darstellte. Henriette von Gersdorf unterstützte nicht nur Spener und Francke, die sie beide auch persönliche kannte, in ideeller und finanzieller Hinsicht. Sie wurde auch selbst aktiv, indem sie z. B. Bibel und Katechismus in sorbischer Sprache drucken ließ. Auffällig ist dabei, dass sie keine bloße pietistische Parteigängerin war, sondern sich selbst mit den aufklärerischen und radikal-pietistischen Infragestellungen des traditionellen christlichen Glaubens denkerisch auseinandersetzte.
Dieses geistig-geistliche Engagement wird von Tasche in einem eigenen Kapitel „Fünffaches Sonder-Engagement“ untersucht. Dabei fällt auf, dass sich Henriette auch für die Mädchenbildung durch die Unterstützung und Gründung von Mädchenschulen tatkräftig eingesetzt hat.
Die folgenden vier Kapitel haben die zu Anfang der Rezension bereits skizzierte Unterstützung Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs zum Inhalt: seine Erziehung, seine Begleitung als Jugendlicher und junger Erwachsener und ihre Stellung zum jungen Herrnhut.
Im Abschlusskapitel wird die besondere Bedeutung Henriettes für den Grafen Zinzendorf zusammengefasst. Es ist Tasche zuzustimmen, dass die Großmutter ihren Enkel wie keine andere Person geprägt hat. Bekannte doch Zinzendorf von ihr: „Ich habe alle meine Ideen von ihr.“
Das Buch ist gut lesbar geschrieben und enthält zur Veranschaulichung eine Reihe ansprechender Bilder und Fotografien. Im Zusammenhang jedes Kapitels kommt zudem eines ihrer Kirchenlieder zum Abdruck. Zur Vertiefung bzw. Weiterarbeit laden ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis und ein Orts- und Personenregister ein.
Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig