Udo Sträter in Zusammenarb. mit Claudia Neumann (Hg.): Philipp Jakob Spener,Briefwechsel mit Adam Rechenberg 1686–1704. Band 2: 1690–1691
Udo Sträter in Zusammenarb. mit Claudia Neumann (Hg.): Philipp Jakob Spener, Briefwechsel mit Adam Rechenberg 1686–1704. Band 2: 1690–1691, Tübingen: Mohr Siebeck, 2025, geb., Ln., XXXV+708 S., € 229,–, ISBN 978-3-16-164416-0
„Daraus werdet Ihr leicht erkennen, welch ein Sturm über unserer Kirche tobt“ (Nr. 8, Z. 17–18), so klagt Philipp Jakob Spener (1635–1705) im Februar 1690 über die Situation der lutherischen Kirche. Adressat seines Schreibens ist der Leipziger Universitätsprofessor Adam Rechenberg (1642–1721), seit 1686 durch Heirat mit Speners ältester Tochter Susanna Katharina auch sein Schwiegersohn. Nun liegt der zweite von sechs Bänden des Briefwechsels zwischen Spener und Rechenberg vor, deren rege Korrespondenz die persönliche Vertrautheit und die enge Zusammenarbeit und Abstimmung, z. B. in Fragen von Stellenbesetzungen und Publikationen, zeigt.
Von den knapp 1150 erhaltenen Briefen, davon 700 von Spener an Rechenberg, werden in Band 2 weitere 173 Briefe aus den Jahren 1690 und 1691 veröffentlicht. Damit deckt der Briefwechsel jene Zeit ab, in der Spener noch kursächsischer Oberhofprediger in Dresden ist, bevor er im Juni 1691 Kursachsen Richtung Berlin verlässt. Aus dieser Zeit sind nicht nur wie in Band 1 (1686–1689) die Briefe Speners an Rechenberg erhalten, sondern auch zahlreiche Briefe von Rechenberg an Spener, so dass in Schreiben und Antwortschreiben der Gedankenaustausch und die Entwicklung der Korrespondenzthemen gut sichtbar wird.
Wie zeitgenössisch üblich, korrespondierten die beiden Akademiker in lateinischer Sprache, die Briefe sind entsprechend in der lateinischen Fassung ediert und, wie für die Spener-Briefbände üblich, nicht ins Deutsche übersetzt. Das mag man bedauern; erwähnt werden muss aber auch, dass die Inhaltszusammenfassung zu Beginn jedes Briefs und die ausführliche Erläuterung von erwähnten Personen (in Biogrammen), Sachverhalten und Texten im Anmerkungsapparat, ebenso wie das Personen-, Orts- und Bibelstellen-Register (685–708) dazu beitragen, die lateinischen Briefe inhaltlich zu erschließen. Die knappe Einleitung (XI–XVI) führt in die Person Adam Rechenbergs ein, der im Vergleich zu Spener „zu einem zupackenden Vorgehen“ (XIII) neige. Mehr muss zur Edition hier nicht mehr gesagt werden; auch Band 2 der Spener-Rechenberg-Korrespondenz entspricht dem gewohnten wissenschaftlichen Standard der historisch-kritischen Brief-Editionen.
Für die Zeit vom 7. Januar 1690 bis zum 2. Juni 1691 werden 131 Briefe Speners sowie 42 Briefe Rechenbergs ediert. Die angesprochenen Themen sind nicht neu, sondern bekannt aus Speners Briefwechsel mit anderen Korrespondenten (s. Briefe aus der Dresdner Zeit, Bd. 4) und aus seinem vorausgehenden Briefwechsel mit Rechenberg (s. Bd. 1). Bereits der erste Brief (Nr. 1) vom 7. Januar 1690 ist typisch für den Briefwechsel: Neben Grüßen an seine Tochter Susanna Katharina kommt Spener auf die Stellung der Leipziger zu August Hermann Francke zu sprechen, distanziert sich vom Wittenberger Theologen Valentin Alberti, erwähnt Vorwürfe, die gegen Spener erhoben werden, die Kollekte für Opfer der französischen Zerstörungen in Rothenburg o. d. Tauber und zu besetzende Stellen.
Bei aller Vielfalt sind für die Zeit von Januar 1690 bis Juni 1691 zwei Themen prominent: die Untersuchung der pietistischen Unruhen in Leipzig und Speners Zerwürfnis mit seinem Kurfürsten. So kommt Spener gegenüber Rechenberg ab Januar 1690 immer wieder auf die pietistische Bewegung in Leipzig zu sprechen. Er äußert sich besorgt über Erbauungsversammlungen von Leipziger Bürgern, bis diese durch die kursächsische Landesregierung verboten werden (Nr. 13, 15, 17, 18). Spener beschreibt seine Versuche, gegen Vorwürfe gegenüber den Pietisten und dem Pietismus vorzugehen sowie sein Gutachten über die Vorgänge in Leipzig (Nr. 20, 32–33, 42). Spener und Rechenberg kommentieren zwischen August und November 1690 (Nr. 57–94) in fast jedem Brief die Untersuchung der Leipziger Unruhen, die in Leipzig angelegten Akten und Speners Gutachten zu den Untersuchungsakten. Die Beurteilung der Leipziger Vorgänge ist verbunden mit der Kritik an der pietistischen Bewegung und oft auch an August Hermann Francke. In diesem Kontext fordert Spener wie schon früher (vgl. Bd. 1, Nr. 162) eine klare Definition, was seine Gegner als „Pietismus“ bezeichnen: „Ob ich zu den Komplizen des Pietismus gezählt werden kann, wird sich zeigen, wenn sie zuerst definieren, was sie Pietismus nennen. Denn wenn sie mit diesem Namen ein ernsthaftes Bestreben ausdrücken, die Frömmigkeit gemäß der Wahrheit zu pflegen […], so werde ich nicht zögern, meinen Namen darunter zu schreiben“ (Nr. 3, Z. 27–32; übers. v. U.T.).
Der Briefwechsel zeigt auch die Entwicklung des Verhältnisses von Spener und dem Leipziger Theologieprofessor Johann Benedict Carpzov (1639–1699), zunehmend ein scharfer Kritiker und Gegner der pietistischen Bewegung. Heute eher kurios muten dagegen die Überlegungen Speners und Rechenbergs an, ob bzw. wie sich die Gründung der Universität Halle (Saale) verhindern lassen könne (Nr. 77, 78).
Das zweite große Thema ist Speners Wirken in Dresden. So vermutet Spener schon im April 1690, dass er vom Dresdner Hof entfernt werden soll (Nr. 26), berichtet von seinem Zerwürfnis mit Kurfürst Johann Georg III. von Sachsen (Nr. 27, 28, 95, 109 etc.), von Verunglimpfungen (Nr. 38) und Vorwürfen (Nr. 29, 50). Er berät sich ab Juni 1690 mit Rechenberg über die Anfrage, in Berlin das Amt eines Propstes zu übernehmen (Nr. 43, 44, 48). Die Klärung seiner Stellung in Dresden bzw. die Berufung nach Berlin dominieren die Briefe zwischen Dezember 1690 und Januar 1691 (Nr. 109–145), bis Spener im April 1691 seine Entlassung aus den kurfürstlichen Diensten und die Berufung nach Berlin erhält (Nr. 156–157, 162).
Daneben korrespondieren Spener und Rechenberg über theologische Fragen, die Besetzung von Stellen, ein taktisch kluges Vorgehen gegen Gegner, aber auch – selten – über die familiäre oder politische Situation. Der Briefwechsel zwischen Spener und Rechenberg bietet damit „detailreiche Einsichten in die aktuellen Auseinandersetzungen im Umfeld der beiden Briefpartner und in die Rollen, die beide in diesen Prozessen einnahmen“ (XVI). Auch der zweite Briefband richtet sich v. a. an den fachwissenschaftlichen Leser, dem der Briefwechsel „eine reichhaltige Quelle für die interdisziplinäre Erforschung der Frühen Neuzeit und insbesondere des lutherischen Pietismus“ (XVI) bietet. Darin leistet auch Band 2 einen wichtigen Beitrag für die Pietismus-Forschung, und das ist ebenso von den vier noch in Arbeit befindlichen Briefbänden zu erwarten.
Dr. Ulrike Treusch, Professorin für Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen