Kerstin Roth: Lebensbeschreibungen im Diskursuniversum Religion
Kerstin Roth: Lebensbeschreibungen im Diskursuniversum Religion. Herrnhutischer Sprachgebrauch im 18. Jahrhundert, Sprache und Wissen 64, Berlin/Boston: Walter de Gruyter, 2025, geb., 635 S., € 129,95, ISBN 978-3-11-159202-2
Das Buch widmet sich einem faszinierenden Kapitel Herrnhuter Glaubens und Lebens: den Lebensbeschreibungen. Jedes Mitglied der Brüdergemeine sollte noch zu seinen Lebzeiten einen Lebenslauf verfassen, der nach dem Tod im Rahmen der öffentlichen Trauerfeier verlesen wurde – ein Brauch, der noch heute in den Brüdergemeinen geübt wird. Ziel und Zweck eines solchen Lebenslaufes war ein eminent spiritueller: Es ging darum, von den Führungen Gottes, genauer: Jesu Christi, im eigenen Leben Zeugnis abzulegen und auf diese Weise die Treue Gottes zu preisen und die versammelte Gemeinde zu trösten und zu ermutigen. Der Zinzendorf-Biograph Erich Beyreuther sprach von einem in der Herrnhuter Brüdergemeine zu beobachtenden Überspielen der Standesschranken – viele Jahrzehnte vor der Französischen Revolution in der hierarchisch strukturierten Welt des Barock an sich schon eine Ungeheuerlichkeit. Ich selbst bezeichne den Vorgang lieber als eine Demokratisierung adliger Lebensverhältnisse und -auffassungen, die sich in einer Fülle von Lebensbereichen beobachten lässt. Dazu gehören nicht zuletzt die Lebensbeschreibungen. Nicht nur das Leben von Adligen und Großbürgern, sondern auch das ganz einfacher Menschen ist es wert, von der Nachwelt erinnert zu werden. Auslöser für die „Egalisierung der Seelen“, wie Zinzendorf sagte, ist die Betrachtung des menschlichen Lebens coram deo. Die großen Taten Gottes im Leben des Menschen sollen nicht in Vergessenheit geraten. Darum sind die Archive der Herrnhuter Ortsgemeinen (und auch das Unitäts-Archiv in Herrnhut) voll von Tausenden von Lebensbeschreibungen einfacher Menschen aus den vergangenen drei Jahrhunderten. Wo sonst ließen sich so viele Lebensbeschreibungen von einfachen Menschen aus dieser Zeit finden?
Die Erforschung der Lebensbeschreibungen hat jedoch erstaunlicherweise relativ spät, erst in den vergangenen Jahrzehnten, eingesetzt. Das Buch von Kerstin Roth gehört in diesen Zusammenhang. Sie untersucht und dokumentiert darin Lebensbeschreibungen von Männern und Frauen aus dem Archiv der Herrnhuter Brüdergemeine Neuwied am Rhein aus dem 18. Jahrhundert aus germanistischer Perspektive. Das besondere Verdienst von Roth besteht darin, dass sie die Lebensbeschreibungen nicht nur sprachwissenschaftlich analysiert, sondern auch 47 Lebensbeschreibungen im vorliegenden Buch historisch-kritisch ediert hat (diese Edition macht weit über die Hälfte des Buches aus), so dass jede Leserin und jeder Leser sich selber ein Bild vom Charakter und Inhalt solcher Lebensbeschreibungen machen kann. Eine Reihe von Beigaben lädt zu vertiefter Beschäftigung mit dem Thema der Untersuchung ein: u. a. ein ausführliches Literatur-, ein Ortsnamen- und Personenverzeichnis.
Der analytische Teil des Buches ist in sieben Hauptteile gegliedert. Die ersten drei, etwas kürzeren Kapitel stellen eine Art Einführung in die eigentliche sprachanalytische Untersuchung dar. Zunächst wird die seitherige Erforschung der Lebensbeschreibungen rekapituliert. Dabei kommt bemerkenswerterweise die Theologie als eigenständige Disziplin nicht vor. Stattdessen werden Untersuchungen im Rahmen der Bildungswissenschaft, der Genderforschung, der Ethnologie, der Geschichtswissenschaft und der Sprachwissenschaft genannt. Es schließt sich ein wesentlich konfessionskundlich gehaltenes Kapitel über die Geschichte der Herrnhuter Brüdergemeine allgemein und speziell über die Brüdergemeine in Neuwied an. Im darauffolgenden Kapitel wird die deutsche Sprache im 18. Jahrhundert primär aus sprachgeschichtlicher Perspektive untersucht. Roth ordnet dabei die Lebensbeschreibungen aus der Brüdergemeine in Neuwied dem älteren Neuhochdeutschen zu. Im vierten Hauptteil werden die Lebensbeschreibungen als Teil einer Textsortengeschichte interpretiert. Roth kommt zu dem Schluss, dass diese keine Predigten, Leichenpredigten oder Andachtstexte darstellen, sondern serielle Texte mit Erbauungscharakter sind. Wobei sie darüber hinaus als polyfunktionelle Texte verstanden werden können. So ist ein Merkmal auch ihre gemeinschaftsstiftende Funktion. Zudem haben sie im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen Erinnerungscharakter und sind außerdem schlicht informierend. Das folgende Hauptkapitel untersucht den Wortgebrauch der Lebensbeschreibungen in linguistischer Perspektive. Dabei kommt Roth zu dem Schluss, dass in ihnen – neben den damals allgemein gebräuchlichen Wörtern – eine speziell „herrnhutische Welt der Wörter“ erkennbar wird. Charakteristisch für die herrnhutische Welt der Wörter sind Theologeme (in der Theologie sprechen wir an dieser Stelle von Theologumena), gemeinschafts-, sinn- und erkenntnisstiftende Wörter. Der spezifisch Herrnhutische Wortgebrauch wird von Roth am Beispiel von „Herz“, „Blut“ und der Forderung nach Willenlosigkeit herausgearbeitet. Im folgenden Hauptteil wird die besondere Sprache der Herrnhuter am Beispiel wesentlicher Lebensthemen rekonstruiert: am Gefühl, der Stellung gegenüber dem Heiligen, an Krankheit und Sterben. Das letzte Hauptkapitel geht schließlich der Frage nach, wie im Rahmen der Lebensbeschreibungen Mündliches im Schriftlichen erkennbar wird. Diese Fragestellung mag einen sprachwissenschaftlichen Laien auf den ersten Blick verwundern. Das Gemeinte wird aber schnell plausibel, wenn wir uns klarmachen, dass schriftlich verfasste Texte den einzigen Zugang zur Mündlichkeit des 18. Jahrhunderts bieten. Immer wieder wird in den Lebensbeschreibungen bspw. direkte Rede verwendet. Auffällig ist auch der Gebrauch der Interjektion „Ach!“. Offensichtlich sollen die Hörerinnen und Hörer damit in das erzählte Geschehen einbezogen werden.
Ein knapper „Schluss und Ausblick“ enthält ein Resümee des analytischen Teils. Die Verfasserin hält darin u. a. fest, dass die religiöse Sprache der Herrnhuter Brüdergemeine in einer Traditionslinie mit der deutschen Mystik und der Reformation betrachtet werden muss. Wie diese waren die Herrnhuterinnen und Herrnhuter sprachschöpferisch tätig und haben in der deutschen Sprache neue Ausdrücke geprägt. Vor allem haben sie viele deutsche Worte mit Bedeutungserweiterungen versehen. Die Autorin leitet daraus die Forderung der Erarbeitung eines entsprechenden Herrnhutischen Wörterbuchs für das 18. Jahrhundert ab (das über das von Paul Peucker 2000 herausgegebene Herrnhuter Wörterbuch hinausgehen müsste). Sie hebt im Hinblick auf die Herrnhuter Lebensbeschreibungen weiter hervor, dass diese einen Zugang zur Schriftlichkeit aller Schichten und sowohl von Frauen und Männern erlauben, was im 18. Jahrhundert sonst kaum möglich ist. Erstaunlich ist bei den Beschreibungen der hohe bildungssprachliche Gebrauch des Deutschen im 18. Jahrhundert, verbunden mit einem sehr guten Stil, wobei immer wieder Dichtung anklingt. M. E. spiegelt sich darin noch einmal die Demokratisierung aristokratischer Lebensformen in der Brüdergemeine: Durch die Mitgliedschaft in der Gemeine, wozu der Besuch der zahlreichen Gottesdienste und übrigen Versammlungen, die kontinuierliche Beschäftigung mit biblischen Texten, die Aufforderung sich an Dichtungswettbewerben zu beteiligen und die regelmäßigen Informationen aus der weltweiten Missionsarbeit gehörten, erhielten einfache Menschen Anteil an einer umfassenden Bildung, die sonst den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten war.
Insgesamt ein ausgesprochen empfehlenswertes Buch, das gerade aufgrund seiner germanistischen Perspektive auch der theologischen Beschäftigung mit dem Herrnhutertum des 18. Jahrhunderts und speziell den bisher weithin vernachlässigten Lebensbeschreibungen neue Einsichten zu vermitteln vermag.
Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig