Historische Theologie

Steffie Schmidt: Geschichtsschreibung und Täufertum

Steffie Schmidt: Geschichtsschreibung und Täufertum. Reformatorische Vielfalt als narrative Herausforderung 1672–1848, Beiträge zur historischen Theologie (BHTh) 210, Tübingen: Mohr Siebeck, 2025, geb., Ln., XI+373 S., € 149,–, ISBN 978-3-16-164722-2


„Diese Studie untersucht die lutherische und reformierte Auseinandersetzung mit dem Täufertum im Modus der Geschichtsschreibung in der von Pietismus und Aufklärung geprägten Epoche“ (3). So fasst Steffie Schmidt, seit 2021 Juniorprofessorin für Geschichte des Christentums an der Universität Osnabrück, in einem Satz ihre Forschungsarbeit zusammen, die im Wintersemester 2024/25 von der Theologischen Fakultät der Universität Rostock als Habilitationsschrift angenommen wurde und nun in für den Druck leicht überarbeiteter Fassung erschienen ist.

Die Autorin nimmt damit das in den letzten Jahrzehnten gewachsene Interesse an der Geschichtsschreibung auf und versteht diese als Ausdruck „kollektiver Identität“ (10–12) sowie als Indikator und Faktor konfessioneller Identität. Ihr Interesse gilt damit der Selbstdarstellung, Abgrenzung und Identitätsbildung der lutherischen bzw. reformierten Protestanten, wie sie sich in ihren Darstellungen der Täufer zeigen. Dabei problematisiert Schmidt zu Recht die Definition von Täufertum, zeigt sich diese ja erst in der jeweiligen Schrift. Dennoch wäre eine Arbeitsdefinition in der Einleitung möglicherweise sinnvoll gewesen, da die Autorin zwar in der Regel die Begriffe „Täufertum“ und „Täufer“ (3 Anm. 7) verwendet, aber auch in unmittelbarem Nebeneinander von „täuferischen“ und „mennonitischen Gemeinden“ (32) spricht und die Begriffe erst später in der Arbeit (299, 312) erläutert.

Einleitend (1–34) stellt die Autorin ihr Thema und ihre Fragestellung im Kontext der Forschung vor, skizziert „Tendenzen der (Kirchen-)Geschichtsschreibung“ (4–10) zwischen der Mitte des 17. und des 19. Jahrhunderts und begründet in den Umbrüchen der Historiographie die zeitliche Eingrenzung der Untersuchung: „Die vorliegende Studie endet, bevor die Kirchengeschichte im deutschen Kontext dieser Zeit ‚den Rang der theologischen Leitdisziplin‘ einnehmen konnte und bevor sich eine Täuferforschung etablierte“ (9). Methodisch fragt sie in historischer Diskursanalyse (25–30) nach den „Regeln und Vorstellungswelten, denen das Nachdenken über die Täufer unterworfen war“ (28). Die zeitliche Eingrenzung überzeugt und die Fragestellung ist für die historisch-theologische Forschung von Interesse. Die Auswahl der 24 Quellenschriften wird knapp (31–33) erläutert: 23 deutschsprachige Texte und eine lateinische Schrift von lutherischen bzw. reformierten Autoren aus dem deutschen Sprachraum werden analysiert, wobei nicht alle Schriften Historiographien sind. Die Texte gehören unterschiedlichen literarischen Gattungen an und thematisieren in unterschiedlicher Intensität das Täufertum. Dass die Auswahl unterschiedlicher Textsorten ertragreich und sinnvoll ist, erschließt sich dem Leser rückblickend nach der Lektüre der Kapitel 3 und 4, den beiden Hauptteilen der Studie.

Zunächst werden im zweiten Kapitel (35–62) die Grundlinien der konfessionellen Geschichtsschreibung zu den Täufern zwischen 1550 und 1650 skizziert, deren Narrative, so die Vorstellung von Thomas Müntzer als Täuferführer, die täuferische Vielfalt als Kennzeichen der Häresie und die Bezeichnung als „Enthusiasten“ und „Wiedertäufer“, auch nach 1650 noch weiterwirkten. Neudrucke und Übersetzungen sowie Kompilationen des späten 17. und 18. Jahrhunderts zeugen „von einem anhaltenden Interesse an älterer Literatur zum Täufertum“ (61). Zum Diskurs der frühen konfessionellen Historiographie treten im untersuchten Zeitraum zwischen 1672 und 1848 weitere Diskurse, die im vierten Kapitel präsentiert werden.

Dieser Diskursanalyse vorausgehend, stellt Schmidt im dritten Kapitel (63–182) zunächst die Autoren und ihre Schriften vor. Manche der untersuchten Quellenschriften sind gut bekannt und untersucht, so Gottfried Arnolds „Kirchen- und Ketzerhistorie“ (1699), andere bisher kaum rezipiert, wie z. B. Heinrich Ludolf Benthems (1661–1723) Schrift „Holländischer Kirch- und Schulenstaat“ (1698). In sieben Abschnitten, weitgehend in chronologischer Reihenfolge, führt die Autorin in die Schriften ein, wobei sie versucht, „die Vielstimmigkeit […] widerzuspiegeln, indem zum einen exzeptionelle Ansätze, zum anderen traditionsgebundene Darstellungen Berücksichtigung finden“ (63). Detailliert und gründlich führt Schmidt über die Biographie der Autoren in den Entstehungskontext der jeweiligen Schrift, ihre Quellen und historiographische Vorannahmen ein. Ihr Fazit (176–181) zeigt die vielfältigen Perspektiven, aus denen das Täufertum wahrgenommen wurde, ebenso die unterschiedlichen Herangehensweisen und Motivationen der gelehrten Verfasser, die meist Theologen waren.

Aus dieser Vielfalt arbeitet die Autorin im vierten Kapitel (183–313) drei Narrative heraus, anhand derer sie zeigt, inwiefern sich die konfessionelle Geschichtsschreibung aus der Zeit vor 1650 fortsetzt oder Änderungen erfährt. Im Blick auf das erste Narrativ, die „Begründung und Rechtfertigung täuferischer Existenz“, zeigt sie die allmähliche Abkehr von Deutungsmustern der konfessionellen Geschichtsschreibung. So treten heilsgeschichtliche Erklärungsmuster zurück, die z. B. das Aufkommen der Täufer als eine Intervention des Teufels deuteten. Heinrich Bullingers Hypothese von der Polygenese des Täufertums wirkt weiterhin nach, aber die Schriften spiegeln zugleich ein Ringen um die – möglicherweise mittelalterlichen – Wurzeln der Täuferbewegung (214–228). Auch für die beiden Narrative „Verfolgung der Täufer“ (241–265) und „Vielfalt und Grenzen des Täufertums“ (266–313) zeigt Schmidt in differenzierter Quelleninterpretation Kontinuität und Transformation.

Die Schlussbetrachtung (Kap. 5; 315–326) fasst das Erarbeitete in 13 Thesen zusammen und verweist abschließend auf die Wirkmacht der Historiographie: „Gerade der historiographische Diskurs hat sich als wesentliches Hindernis für eine Annäherung zwischen reformierten und lutherischen Kirchentümern auf der einen Seite, täuferischen Gemeinschaften auf der anderen Seite herausgestellt“ (326). Für den Leser wäre hier ein Ausblick auf offene Fragen, Forschungsdesiderate oder auf die mehrmals erwähnte katholische Geschichtsschreibung zu den Täufern noch reizvoll gewesen.

Eine chronologische Übersicht über das Quellenkorpus (327–330), Quellen- und Literaturverzeichnis (331–354) sowie Person- und Sachregister (355–362) beschließen die Arbeit, die als Beitrag zur protestantischen (Kirchen-)Geschichtsschreibung im 17. und 18. Jahrhundert für Historiographie-Forscher Pflichtlektüre ist. Dass zeitgleich mit der Printausgabe das E-Book – für eine Habilitationsschrift immer noch außergewöhnlich – im Open Access kostenfrei zugänglich gemacht wurde, ist erfreulich und lädt auch Interessierte und Neugierige ohne einschlägiges Vorwissen zur Lektüre ein.


Dr. Ulrike Treusch, Professorin für Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen