Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Positionsbestimmungen, Teil 2: Zeugnis in der Welt
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf: Positionsbestimmungen, Teil 2: Zeugnis in der Welt, hg. von Dietrich Meyer in Zusammenarbeit mit Rudolf Dellsperger, Peter Lauber, Paul Peucker und Peter Vogt, Texte zur Geschichte des Pietismus, Abt. IV: Nicolaus Ludwig von Zinzendorf, Bd. 4/2, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2025, geb., 644 S., € 140,–, ISBN 978-3-525-50212-9
Hinter den sachlich-nüchtern gehaltenen Titeln des Werkes verbirgt sich die Dokumentation einer in Wahrheit revolutionären Wende für den deutschen bzw. europäischen Protestantismus: die Sprengung seiner bisherigen Begrenzung auf den europäischen Binnenraum und sein transatlantisches Ausgreifen auf Mittel- und Nordamerika. Nicht zuletzt durch das Wirken Zinzendorfs und der Herrnhuter Brüdergemeine in Amerika erlangte der Protestantismus Weltgeltung. Das hat die Hauptausstellung zum Reformationsjubiläum 2017 „Der Luthereffekt. 500 Jahre Protestantismus in der Welt“ des Deutschen Historischen Museums im Berliner Gropius-Bau eindrucksvoll dokumentiert. Insofern ist der Titel des vorliegenden Bandes „Zeugnis in der Welt“ etwas zu blass geraten.
Der voluminöse Band ist in formaler Hinsicht ausgesprochen ansprechend gestaltet: Das gilt schon für das Druckbild, die übersichtliche Gliederung und die Vielzahl von instruktiven Biogrammen der erwähnten Personen (die sonst meist unbekannt blieben). Dazu kommt ein Glossar, in dem die wichtigsten Begriffe aus dem spezifischen Herrnhuter Sprachgebrauch erklärt werden. Ein Bibelstellen-, Orts- und Personenregister runden den Band ab. Zwar enthält er kein Literaturverzeichnis, dafür aber Verzeichnisse der abgekürzt zitierten Literatur und der Abkürzungen der Zinzendorf-Literatur und ausführliche Literaturangaben in den Anmerkungen.
Der Band ist auch inhaltlich übersichtlich gegliedert. Am Anfang steht ein formaler Einführungsteil in die angewandten Grundsätze der Edition der Werke Zinzendorfs. Danach folgen die drei Hauptkapitel. Sie enthalten – sehr unterschiedlich geartete – Texte über die Begegnungen Zinzendorfs und der Herrnhuter Pilgergemeine mit der Genfer Kirche und ihren Theologen vor allem im Jahr 1741, über seinen Besuch in Nordamerika bzw. Pennsylvanien von Dezember 1741 bis Januar 1743 und über seine Visitationsreise zum ersten brüderischen Missionsgebiet, den Karibikinseln St. Croix und St. Thomas, Ende 1738 bis Anfang 1739. Ich habe mich allerdings gefragt, warum das Kapitel über die Reise in die Karibik nicht am Anfang des Bandes steht, was chronologisch und von ihrer Bedeutung her durchaus nahegelegen hätte. Die drei Kapitel sind jeweils analog aufgebaut. Auf ausführliche inhaltliche und editorische Einleitungen (denen man anmerkt, dass in ihnen viel Arbeit steckt), folgt jeweils die Edition der Haupttexte (gegebenenfalls sind diesen in Anhängen noch weitere Texte beigegeben).
Im ersten Hauptteil steht die Edition des 109 Seiten langen Briefes Zinzendorfs an die Genfer Kirche in französischer Sprache im Zentrum. Obwohl der Brief auch ursprünglich in Französisch abgefasst ist, habe ich mich gefragt, ob es nicht sinnvoll gewesen wäre, eine deutsche Übersetzung mindestens beizugeben, zumal die Zahl der deutschsprachigen Theologinnen und Theologen, die Französisch beherrschen, nach meiner Beobachtung in den vergangenen Jahren eher ab- als zugenommen hat. Die Einführung des emeritierten Berner Kirchenhistorikers Rudolf Dellsperger und von Peter Lauber (ich hätte mir im Band kurze Biogramme der Bearbeiter gewünscht) beschreibt und kommentiert die Umstände, die zum sog. „Genfer Brief“ Zinzendorfs führten; außerdem Aufbau, Inhalt, Intention und Wirkungsgeschichte des Briefes. Letztere wird im vor allem hier ebenso dokumentierten Briefwechsel Zinzendorfs mit den unterschiedlichen beteiligten Theologen deutlich.
Die erste Missionsunternehmung der Herrnhuter hatte auf dem Gebiet der holländischen Kolonien in der Karibik begonnen. Es lag daher nahe, dass Zinzendorf, der sich selbst zwar als Lutheraner verstand, auch von reformierter Seite in Genf, dem Wirkungsort Calvins, die Anerkennung seines theologischen Denkens zu erreichen suchte. Dies umso mehr, als 1738 vom Amsterdamer Kirchenrat eine Warnung vor den Herrnhutern ausgegangen war. Die Theologenschaft Genfs war jedoch längst von aufklärerischen Gedanken erfasst worden, so dass sie keinerlei Verständnis für die spezifische Christologie und Soteriologie der Brüdergemeine aufbrachte. Die Lehre von der Gottessohnschaft Jesu (erst recht von der Gleichsetzung von Jahwe und Christus) und der Versöhnung des Menschen durch dessen Blut galt als überholt. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, warum das theologische Denken Zinzendorfs und das Wirken der Pilgermeine mit ca. 50 Personen in Genf im Frühjahr 1741 zwar durchaus für viele Gemeindemitglieder attraktiv war, von Seiten der offiziellen Kirche und Theologie aber schließlich offen abgelehnt wurden.
Bereits Ende desselben Jahres, im Dezember 1741, brach Zinzendorf, wiederum von zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern begleitet, nach Pennsylvanien auf. Um sein dortiges Wirken geht es im zweiten Hauptteil des vorliegenden Bandes. Zinzendorf betrat damit schon zum zweiten Mal den Boden des amerikanischen Doppelkontinents. Wie ungewöhnlich ein solcher Schritt für einen Hocharistokraten in damaliger Zeit war, können wir uns leicht deutlich machen, wenn wir uns vor Augen stellen, dass englische Monarchen erst im 20. Jahrhundert begannen, die Gebiete des Empire in Übersee zu besuchen. Das Herrnhuter Engagement in der Neuen Welt war wesentlich durch Zinzendorfs Mitarbeiter und Nachfolger August Gottlieb Spangenberg bei dessen Amerika-Aufenthalt von 1736–1739 gefestigt worden. Das Engagement des Grafen betraf vor allem drei Gebiete: 1. Das Engagement in „ökumenischen“ Konferenzen, um die deutschen Siedler in Pennsylvanien, die unterschiedlichen religiösen Gruppen und Konfessionen angehörten, zusammenzubringen und eine überkonfessionelle Geschwisterschaft zu etablieren. 2. Die Arbeit der Brüdergemeine selbst neu zu strukturieren. Dabei wurde Bethlehem/Pennsylvanien zum neuen Zentrum ihrer Arbeit. 3. Zinzendorf reiste dreimal zu indigenen Stämmen, um Einblick in die Missionsarbeit der Herrnhuter unter ihnen zu gewinnen. Im vorliegenden Band werden die Protokolle der ökumenischen Konferenzen (die bereits zur Zeit Zinzendorfs publiziert wurden) historisch-kritisch ediert und eingeleitet. Einen Einblick in die Reisen zu den indigenen Völkern bieten handschriftliche Briefe und Berichte Zinzendorfs, die im Band zum ersten Mal dokumentiert werden. Hilfreich zur Einordnung sind die in diesem Kapitel zum Abdruck kommende Karte und die Chronologie der Reisen des Grafen.
Ich habe mich an anderer Stelle bereits kritisch gegenüber einer einseitigen Interpretation der Ekklesiologie Zinzendorfs vom Philadelphiertum her geäußert (Lutheraner oder Philadelphier? Zinzendorfs Ekklesiologie im Spannungsfeld von Martin Luther und Jane Leade, in: Wolfgang Breul (Hg.), Die Herrnhuter Brüdergemeine im 18. und 19. Jahrhundert. Theologie – Geschichte – Wirkung, in Zusammenarbeit mit Peter Vogt und Christer Ahlberger, AGP 69, 45–68). Auch in den Kommentierungen in diesem Kapitel steht diese Deutung im Vordergrund. Immerhin hält Peter Vogt fest, dass im Hinblick auf die Interpretation des Verhältnisses zwischen dem Herrnhutertum und den anderen kirchlichen Gruppen in der Forschung noch kein Konsens besteht. Ich plädiere für Zurückhaltung gegenüber einseitigen Vereinnahmungen des Grafen. Er war m. E. weder reiner Lutheraner noch reiner Philadelphier, sondern ging auch in ekklesiologischer Hinsicht einen ganz eigenständigen Weg. Wie sonst ist zu erklären, dass er sich bei den Pennsylvanischen Synoden klar als lutherischer Prediger präsentierte (wozu er durch seine vorangegangene Anerkennung als Pfarrer von Seiten der Württembergischen Kirche zweifellos berechtigt war) und gleichzeitig für die Bildung einer ökumenischen Geschwisterschaft aller eintrat. Gewünscht hätte ich mir außerdem, dass in der Einführung auf die Zusammensetzung und Bedeutung der zahlreichen Begleiterinnen und Begleiter Zinzendorfs eingegangen worden wäre. So wirkt die Reise nach Pennsylvanien wie eine Art „one-man-show“, was sie zweifellos nicht war.
Der dritte Hauptteil des vorliegenden Bandes gilt der Visitationsreise Zinzendorfs in die Karibik. Es war die erste Reise des Grafen auf den amerikanischen Kontinent. Sie hatte insofern besondere Bedeutung für die Festigung und den Fortgang der Herrnhuter Missionsunternehmungen, als alle Missionare bei Zinzendorfs Ankunft im Gefängnis saßen. Es gelang dem Grafen durch geschicktes Vorgehen und Verhandeln nicht nur, diese freizubekommen, sondern der Herrnhuter Missionsarbeit fortan bleibende Rechtssicherheit zu verschaffen. Zum Abdruck kommen Zinzendorfs sehr anschaulich geschriebenes Tagebuch der Reise, die Briefe an seine Frau und einige damit verbundene Dokumente, zu denen vor allem der Bericht der Reise auf dem Gemeintag der Brüdergemeine in Marienborn im Juni 1739 gehört.
Der vorliegende Band verdient es – gerade im Hinblick auf die Bedeutung der dokumentierten und kommentierten Aktivitäten Zinzendorfs und der Brüdergemeine im Hinblick auf die Globalisierung des Protestantismus – von der kirchengeschichtlichen Forschung intensiv wahrgenommen zu werden.
Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig