Jakob Eisler: Conrad Schick – Autodidakt, Forscher, Königlich Württembergischer Baurat
Jakob Eisler: Conrad Schick – Autodidakt, Forscher, Königlich Württembergischer Baurat. Seine ersten Jahre in Palästina und Jerusalem, Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte 31, Stuttgart: Verein für württembergische Kirchengeschichte, 2024, geb., 168 S., € 20,– ISBN 978-3-944051-10-9
Neben Johann Ludwig Schneller, dem Gründer des Syrischen Waisenhauses, war Conrad Schick zweifellos der bedeutendste Missionar der jungen, 1840 gegründeten Pilgermission auf dem St. Chrischona-Berg bei Basel. Wie Schneller arbeitete Schick in Jerusalem, anfangs als Leiter der diakonisch-pädagogischen Einrichtung „Brüderhaus“, zunehmend jedoch als Erforscher und Kartograph Jerusalems und Architekt zahlreicher wichtiger Gebäude und des Stadtviertels Mea Sche’arim.
Das Leben von Conrad Schick wurde erst in den letzten 50 Jahren wieder entdeckt (Vorwort, 9). In seiner „Einführung zum Leben Conrad Schicks (1822–1901)“ gibt Eisler einen Überblick über die Vita des Bauernsohnes von Bitz (bei Albstadt-Ebingen) auf der Schwäbischen Alb (13–30). Mit großer Liebe zum Zeichnen, Basteln und Gestalten ausgestattet, erlernt Schick in Korntal das Schlosser-Handwerk mit Berufsziel Missionar. Nach beruflicher Fortbildung in verschiedenen Werkstätten und vergeblicher Bewerbung bei der Basler Mission wird Schick einer der frühesten Pilgermissionare. Auf Anraten von Christian Friedrich Spittler reist Schick gemeinsam mit Johann Ferdinand Palmer 1846 von Basel via Triest, Beirut und Jaffa nach Jerusalem, um dort eine Missionsstation aufzubauen (16). Das „Brüderhaus“ nahm in bescheidenem Rahmen seine Arbeit auf, aber die finanzielle Lage besserte sich auch auf lange Sicht nicht. Auch die Montage mitgebrachter Schwarzwalduhren sorgte nur kurzzeitig für finanzielle Erleichterung. Nach fünf Jahren wechselte Schick in das handwerklich ausgerichtete „Industriehaus“, das die Londoner Judenmissionsgesellschaft für Konvertiten 1848 eingerichtet hatte. Schick amtierte ab 1855 als Hausvater, danach auch als Geschäftsführer. In Zusammenarbeit mit den Auszubildenden entstanden hier seine berühmten Holzmodelle der Stadt Jerusalem (18).
Auf den Seiten 18 bis 27 beschreibt Eisler mit zahlreichen historischen Plänen und Bildern die in Jerusalem und darüber hinaus nachweisbaren Bauten und Pläne von Conrad Schick. Mithilfe der Einzelbände des Handbuchs Die Schule der Baukunst: Ein Hb. für Architekten, Bau-u. Gewerbschulen, und zum Selbstunterricht für Bauhandwerker und Bauunternehmer konnte sich Schick als Autodidakt ab 1854 in das anspruchsvolle Thema Architektur einarbeiten. Das jüdische Wohnviertel Mea Sche’arim ist wahrscheinlich das bekannteste der fünfzehn Projekte, die Eisler herausfinden konnte. Dazu kommen diverse Pläne Jerusalems, seit den 1860er Jahren zusätzlich über 400 Beiträge in Zeitschriften und Zeitungen. Schick wurde Mitglied in verschiedenen karitativen und wissenschaftlichen Vereinen. Seine Arbeit wurde siebenmal mit Orden, Titeln und der Tübinger Ehrendoktorwürde ausgezeichnet (27–29). Über Schicks Holzmodelle von Bauten und Stadtvierteln Jerusalems hat nach Eislers Angaben Holger Siegel 2024 eine Dissertation verfasst (28), die bisher allerdings bibliographischnicht nachweisbar ist. In seinen letzten zehn Lebensjahren konnte Schick sein fünfzigjähriges Jerusalem-Jubiläum feiern und die Einweihung der Erlöserkirche durch Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin August Victoria miterleben (30).
Den zweiten und größten Teil der Monographie bildet die Veröffentlichung von 45 sprachlich modernisierten Briefen aus Schicks ersten fünf Jahren im Orient von 1846 bis 1851 (31–148). Zweiunddreißig Briefe stammen aus Schicks Feder, dreizehn sind von Verwandten, Kollegen und Freunden, beispielsweise von Spittlers leitendem Mitarbeiter in der Zentrale der Christentumsgesellschaft, Louis Jäger (s. Theodor Jäger, Jakob Ludwig Jaeger. Ein Lebensbild, Basel: Kober, 1898). In den Briefen berichtet Schick zuerst von der Reise nach Jerusalem im Herbst 1846, von Hindernissen, ambivalenten neuen Eindrücken und schwierigen Anfängen, nicht unähnlich dem acht Jahre später ausreisenden Johann Ludwig Schneller (Jakob Eisler, Arno G. Krauß: Nach Jerusalem müssen wir fahren […], Lahr: Johannis [u.a.], 2002).
Die Briefe beschäftigen sich mit dem täglichen Leben und der Ausbildung von Jungen im Brüderhaus (63, 80f, 91f, 95ff, 125, 135); oft werden die knappen Finanzen der Pilgermissionare erwähnt. Durch den Verkauf von Schwarzwälder Uhren, die als Bausatz ins Land gebracht worden waren, und selbst hergestellten Souvenirs wird manchmal die Kasse aufgebessert (76, 87, 92, 99, 130). Schick versucht, Wein herzustellen – vielleicht nicht nur, weil er „als ein gutes Schmerzmittel gegen das Fieber empfohlen wird“ (124). Selbstversorgung durch einen Garten ist sehr wichtig (73). Um die Einnahmenseite zu stärken, wird eine Seidenraupenzucht geplant, kann aber nicht umgesetzt werden (120, 134, 137, 147). Oft werden Krankheitsnöte erwähnt (61, 71f, 119, 141f); Ferdinand Palmer wäre fast gestorben (142). Das einfache Leben, die Armut der Stadtbewohner, aber auch übertriebene Erwartungen an ein Leben in Jerusalem werden enttäuscht (44f, 46, 52). Eine „Physharmonika“ (Vorläufer des Harmoniums) wäre zur Förderung des geistlichen Lebens willkommen (47, 60, 76, 126). Gäste werden manchmal zur Last (90).
Erste Erkundungen in der Nähe und im weiteren Heiligen Land illustrieren die Fremdheit des Vorderen Orients: die bunte Kleidung und „komische Musik“, als der Pascha hoch zu Ross, nicht in einer Kutsche, von einer Reise zurückkehrt (54). Die Zeremonien an den Feiertagen werden als unangenehm erlebt (54f). Es gäbe zwar schöne Gegenden, in denen sich europäische Kolonisten niederlassen könnten (82, 92f, 101f, 104, 114). In der Praxis scheitern die Eingewanderten aber oft, sodass Schick Amerika als bessere Destination für Auswanderungswillige ausmacht (89, 95, 131, 135, 141). Ausdrücklich deklariert Schick seine Überlegungen zur Kolonisation als „nur meine Gedanken“ (90). Nicht zuletzt werden die politischen Umwälzungen von 1848 in der Heimat erwähnt (79, 81, 88f, 127f).
Schließlich naht das Ende der Arbeit im Brüderhaus, weil im Oktober 1849 zuerst Heinrich Baldensperger austritt. Palmer und Schick wechseln 1850 und 1851 in den Dienst der englischen Judenmissionsgesellschaft CMJ bzw. ihrer Einrichtungen im Heiligen Land. Eine Rolle spielte dabei, dass die Pilgermission die Kosten für verheiratete Missionare nicht aufbringen konnte (122, 126, 145).
Den Schluss des Buchs bildet eine detaillierte Bibliographie der Schriften und Aufsätze von Conrad Schick (149–165), die Haim Goren und Jakob Eisler zusammengetragen haben. Goren hat wie Eisler auf dem Gebiet der Palästinaeinwanderung und -erforschung publiziert (u. a. „Zieht hin und erforscht das Land“. Die deutsche Palästinaforschung im 19. Jahrhundert, Göttingen, 2003).
Am Ende des Bandes befinden sich das Titelblatt und eine Zusammenfassung des Inhalts (תקציר) auf Neuhebräisch (168–166, ג –א).
Die beigegebenen Abbildungen ergeben statt der gedruckten Anzahl „36“ richtig die Gesamtzahl achtunddreißig, weil die Nummer 34 zweimal vergeben wurde und eine Abbildung auf S. 8 nicht gezählt wurde. Gerne hätte der Leser – wenn archivalisch möglich – mehr über die Herkunft der Bilder erfahren. Zumindest Namensregister und Ortsregister wären praktisch gewesen, aber auch in der vorliegenden Form hat das Werk seinen Zweck in hohem Maße erfüllt: „Mögen diese Liste und diese Quellen zu Schicks Leben weitere Forscher ermuntern, über Schick und sein Werk für Jerusalem und das Heilige Land weiter zu forschen.“ (Eisler im Vorwort, 10)
Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim