Historische Theologie

Ruth Albrecht/Martin Rosenkranz (Hg.): Die eingesperrte Evangelistin

Ruth Albrecht/Martin Rosenkranz (Hg.): Die eingesperrte Evangelistin. Adeline Gräfin Schimmelmann zwischen Erweckung und Psychiatrie, Edition Pietismustexte 18, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 2025, Pb., 278 S., € 24,–, ISBN 978-3-374-07781-6


Das Buch ist zumindest in einer Hinsicht ungewöhnlich. Zwar ist es nichts Außergewöhnliches, dass adlige Frauen in der deutschen Gemeinschaftsbewegung in den Jahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle spielten. In abgeschwächter Weise war diese Frömmigkeitsbewegung nämlich wie der Barockpietismus eine „frauenbewegte“ Erscheinung, worin sie sich nicht zuletzt von den evangelischen Landeskirchen des Kaiserreichs maßgeblich unterschied. Außergewöhnlich war auch nicht, dass in der Gemeinschaftsbewegung engagierte christliche Frauen Verbindung zum Kaiserhaus hatten, was für Adeline Gräfin Schimmelmann in besonderer Weise galt, die bis zum Tod der ersten deutschen Kaiserin Augusta eine Reihe von Jahren als deren Hofdame fungierte. Schließlich war auch nicht aufsehenerregend, dass Schimmelmann publizistisch tätig war und dichtete.

Außergewöhnlich war, dass sie gegen ihren Willen zwei Monate in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt in Kopenhagen zubrachte (vom 22.4. bis zum 15.4.1894) und dass sie nicht zuletzt dadurch zu einer weltweit bekannten Persönlichkeit avancierte. Einschränkend ist allerdings festzuhalten, dass es sich dabei nur um eine äußerst kurze Phase ihres Lebens gehandelt hat. Darum stellte sich mir beim Lesen des Buches auch die Frage, ob Titel und Untertitel nicht zu reißerisch sind und wirklich angemessen wiedergeben, was das Zentrum des Lebens von Schimmelmann ausmachte. Zugestanden sei, dass es der Herausgeberin und dem Herausgeber des vorliegenden Buches darum geht, gerade diesen Aspekt des Lebens der Gräfin in den Fokus zu rücken und seine Auswirkungen auf ihr Leben und ihre kirchliche bzw. gesellschaftliche Wahrnehmung in den Blick zu nehmen.

Bevor ich auf die Gliederung des Buches und die verschiedenen Texte, die in ihm zum Abdruck kommen, näher eingehe, kurz einige biographische Hinweise zu Gräfin Schimmelmann, da ich mir vorstellen kann, dass sie trotz ihres damaligen Bekanntheitsgrads heute – selbst unter Theologinnen und Theologen – weithin vergessen ist. Ich stütze mich dabei auf die im Nachwort des Buches zu findenden biographischen Angaben zu Adeline Schimmelmann (246–254). Die Gräfin wurde 1854 auf Schloss Ahrensburg in Holstein in eine angesehene und wohlhabende Adelsfamilie hineingeboren und verstarb 1913 in Hamburg unter armseligen Bedingungen. Ihre Familie, die zur lutherischen Kirche gehörte, unterhielt enge Verbindungen zu den Herrnhutern und besaß Kontakte zu Vertretern und Vertreterinnen der älteren Erweckungsbewegung in Hamburg. Die Gräfin selbst hat wahrscheinlich in Berlin, wo sie seit 1872 als Hofdame (bis zum Tod der Kaiserin 1890) fast zwanzig Jahre lang jeweils einige Monate lebte, die jüngere Gemeinschafts- und Heiligungsbewegung kennengelernt und sich deren Anliegen zu eigen gemacht: sich den von der Kirche nicht mehr erreichten Menschen am unteren Rand der Gesellschaft evangelistisch und diakonisch zu widmen. Vor allem an der pommerschen Ostseeküste (auf Rügen und in der Nähe von Greifswald) unterhielt Schimmelmann aus ihrem eigenen Vermögen Unterkünfte für Ostseefischer, wo sie Obdach und günstige Verpflegung erhielten und evangelistische Ansprachen hören konnten. Parallel dazu hielt die Gräfin nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, in England und Skandinavien evangelistische Vorträge und publizierte (später sogar in einem eigenen Verlag). Zum Markenzeichen wurde bei ihrer Vortragstätigkeit die eigene Segelyacht, die ihr als Transportmittel vor allem in den USA diente. Sie blieb lebenslang unverheiratet, hatte aber zwei Adoptivsöhne, die sie bei ihren Evangelisationsreisen begleiteten. Seit 1909 an Krebs erkrankt, starb sie vier Jahre später in einem Hamburger Pflegeheim. Sie war offensichtlich eine eigenständige, wenn nicht sogar eigenwillige Persönlichkeit, die darauf achtete, selbstständig zu denken. Warum sie sich mit ihren Pflegesöhnen genau wie mit ihren Geschwistern in den letzten Lebensjahren zerstritten hat, wird nicht gesagt. Schimmelmann hat bereits zu Lebzeiten eine Autobiographie unter dem Titel „Streiflichter“ vorgelegt, die in mehreren Sprachen erschienen und mehrfach aufgelegt wurde. Sowohl die deutsche als auch die englische Ausgabe („Glimpses“) sind heute digital zugänglich: Schimmelmann, Glimpses, s. www.digitale-samnmlungen.de (1.4.2024), Münchener DigitalisierungsZentrum.

Das vorliegende Buch ist in vier Hauptkapitel gegliedert. Im Anschluss finden sich eine editorische Notiz, ein Nachwort, ein Literaturverzeichnis und ein Register (Orte und Personen). Im ersten Teil kommt der Bericht eines zeitgenössischen anderen evangelistisch und publizistisch tätigen Vertreters der Gemeinschaftsbewegung über Schimmelmanns Seemannsheim auf Rügen zum Abdruck: Otto Funcke, Ein Daheim in der Fremde. Darin wird ihr Hilfsangebot für Seemänner beschrieben. Das geschieht nicht unkritisch, aber insgesamt wohlwollend unterstützend. Funcke ist nicht überzeugt, ob Schimmelmann die organisatorische Begabung besitzt, ein solches Heim auf Dauer zu unterhalten.

Im zweiten Kapitel kommt Schimmelmann selbst zu Wort: Es enthält ihr Tagebuch und Gedichte von 1896, also zwei Jahre nach ihrem Psychiatrie-Aufenthalt. Die Texte sind nicht zuletzt von dem Bemühen geprägt, dieses einschneidende Erleben zu verarbeiten.

Das dritte Kapitel enthält Stimmen von drei – heute weithin vergessenen, damals aber bekannten – zeitgenössischen Schriftstellerinnen aus den Jahren von 1894 bis 1909. Darin wird nicht nur der große Bekanntheitsgrad Schimmelmanns deutlich. Sie und ihr Schicksal dient sogar als Grundlage einer Romanfigur. Darüber hinaus besitzt ihr Schicksal paradigmatischen Charakter: Die Einweisung in psychiatrische Anstalten wurde in der damaligen Zeit als Möglichkeit missbraucht, um aus der gesellschaftlichen Norm fallendes Verhalten von Frauen zu reglementieren bzw. zu sanktionieren.

Die im vierten Kapitel versammelten Zeitungsartikel (von 1872 bis 1914) aus den unterschiedlichsten bedeutenden Zeitungen aus dem In- und Ausland beweisen, dass Gräfin Schimmelmann jahrzehntelang eine Frau des öffentlichen Interesses war: schon als Hofdame der deutschen Kaiserin, dann als in der Inneren Mission engagierte Frau, als in die Psychiatrie Eingewiesene und sogar noch über ihren Tod hinaus.

Das Nachwort gewährt, wie bereits erwähnt, einen guten Einblick in Leben und Werk Schimmelmanns. Darüber hinaus wird die Rezeption der Gräfin rekonstruiert. Schließlich enthält es auch eine ausgezeichnete Einführung in die abgedruckten Texte. Das Literaturverzeichnis verlockt zur vertieften Weiterarbeit: Es enthält eine Bibliographie der Werke Schimmelmanns, der Veröffentlichungen über sie und schließlich theologische und andere Werke, die das Leben und Denken der Gräfin besser verstehen lassen.

Ich habe mich gefragt, was das Ziel des vorliegenden Buches ist. Es geht darin jedenfalls nicht primär um ihre evangelistische und diakonische Tätigkeit. Beides wäre sicher das, was Schimmelmann selbst auf Nachfrage als Zentrum ihres Lebens und als ihre Berufung genannt hätte. Herausgeberin und Herausgeber schauen aus einer ganz anderen – säkulareren – Perspektive auf ihr Leben und Werk und nehmen damit einen Trend auf, den die Pietismusforschung der letzten Jahrzehnte mehr und mehr prägt. Theologische Untersuchungen treten gegenüber kulturwissenschaftlichen und feministischen Perspektiven zurück. Albrecht und Rosenkranz fragen, inwiefern das erzwungene Schicksal eines Aufenthalts in der Psychiatrie in der damaligen Zeit paradigmatisch für zunehmend emanzipierte Frauen war und welche Folgerungen sich daraus für die Aufarbeitung der Geschichte der Frau ergeben. Solange es eine zusätzliche Perspektive bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Problematisch wird es für mich, wenn darüber theologisch-spirituelle Zugänge in Vergessenheit geraten. Dies umso mehr, wenn die Titelheldin selbst von sich und ihrer Lebensberufung eine ganz andere Auffassung vertrat. Immerhin hat sich Schimmelmann Zeit ihres Lebens dagegen gewehrt, zur Frauenrechtsbewegung gezählt zu werden.


Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig