Historische Theologie

Johann Arndt: Sämtliche Leichenpredigten und Trostschriften

Johann Arndt: Sämtliche Leichenpredigten und Trostschriften. Philipp Jakob Spener: Schriften, Sonderreihe VIII = Johann Arndt-Archiv Bd. V, hg. Johann Anselm Steiger; Mitarb. Marita Gruner, Ralf Schuster, Anika Zimmer, Baden-Baden: Georg Olms Verlag, 2024, geb., 404 S., € 178,– , ISBN 978-3-487-16715-2


Nach Martin Luther steht der Name von Johann Arndt (1555–1621) wie kein zweiter für die Erneuerung der Frömmigkeit in den evangelischen Kirchen Deutschlands. Aus diesem Grund ist es sehr zu begrüßen und überaus sinnvoll, dass seit 2005 in die Sonderreihe der Schriften Philipp Jakob Speners ein „Johann Arndt-Archiv“ integriert wurde.

„Arndt – schön und gut“, mag der geneigte Leser sagen. „Aber warum sollte sich irgendwer für seine vor vierhundert Jahren gehaltenen Leichenpredigten interessieren?“

Die erste Antwort auf diese Frage wäre die Gegenfrage: Warum soll sich jemand heute für Traueransprachen, die wir Pastoren auf dem Friedhof halten, interessieren? Darauf wird vermutlich geantwortet: „Weil wir den Verstorbenen gekannt haben und seinen Tod beklagen“; „weil wir ihm die letzte Ehre erzeigen und der Witwe in dieser Situation, aber auch später, beistehen wollen“; „weil wir gemeinsam mit den Angehörigen angesichts der letzten Not unseres Lebens, angesichts des Todes, durch Gottes Wort getröstet werden und dadurch auch für das christliche Leben etwas lernen wollen“. – Bis auf den Trost der inzwischen verstorbenen Angehörigen könnten wir dieselben Gründe nennen, weshalb die Lektüre alter Trauerpredigten aufschlussreich sein könnte. Nun bedarf es allerdings auch neuer Ausgaben, durch die auf die Existenz dieser Schriften überhaupt erst hingewiesen wird, so dass sie dann auch zugänglich sind und gelesen werden.

Auf das Desiderat notwendiger neuer Leseausgaben folgt die zweite Antwort: Besonders für die Erforschung der Literatur in der Barockzeit sind Neudrucke und kritische Editionen der Originaltexte wichtig. In dieser Hinsicht sieht es in der Barocktheologie nicht gut aus, auch wenn sich die Situation gegenüber 2005 verbessert hat. Damals hat der Herausgeber Johann Anselm Steiger im Anhang zum 1. Band des Johann Arndt-Archivs festgestellt, dass die „nicht gerade erfreuliche Editionslage“ auf dem Gebiet der lutherischen Orthodoxie bekannt sei (Johann Arndt-Archiv 1, 381): „Bis auf wenige Ausnahmen sind die Werke selbst der bedeutendsten Vertreter der lutherischen Theologie des 17. Jahrhunderts bislang unediert geblieben“ (a.a.O., 381–382). „Auch von den Schriften Arndts gibt es bislang keine kritische Edition auch nur eines Werkes und nicht einmal eine die Erstdrucke darbietende Reprintedition“, weshalb eine kritische Edition dringend nötig sei (a.a.O., 382).

Steiger selbst ist nicht untätig geblieben, hat er doch schon seit 1997 mit der Reihe Doctrina et Pietas (DeP) eine Neuedition der Werke von Johann Gerhard eingeleitet. In dieser Reihe erschienen 2001 elf Leichenpredigten und Trostschriften des bedeutendsten altprotestantischen Dogmatikers. 2006 erschien in dieser Reihe die kritisch kommentierte Ausgabe von Leonhard Hütters (1563–1616) in vielen Ausgaben verbreiteten dogmatisches Lehrbuch Compendium Locorum Theologicorum ex Scripturis Sacris et Libro Concordiae (DeP Abt. II: Varia, Bd. 3,1–2). Mit zahlreichen Veröffentlichungen von Studien und Quellen in den Verlagen de Gruyter, Schnell & Steiner sowie Freimund und weiteren belegt Steiger, dass Frömmigkeit und Lehrbildung in der evangelischen Theologie der Barockzeit nicht zu trennen sind. – Erwähnt werden muss an dieser Stelle auch das von Andreas Stegmann herausgegebene und übersetzte Kompendium Theologia positiva acroamatica (1664; Tübingen: Mohr Siebeck, 2006) des damaligen Rostocker Theologieprofessors Johann Friedrich König (1619–1664).

Die Texte der neun von Arndt selbst veröffentlichten Leichenpredigten und Trostschriften bilden den Hauptteil von Steigers kritischer Edition (7–279). Als erste Schrift im Anhang des Bandes wird die deutsche Übersetzung der lateinischen Trostschrift zum Tod von Barbara Gerhard, der früh verstorbenen Frau des mit Arndt befreundeten Theologen Johann Gerhard, abgedruckt (283–285). Die Konstituierung und Darbietung der neun von 1603 bis 1617 publizierten Schriften folgt den Richtlinien der schon erschienenen Bände in der vorliegenden Reihe Johann Arndt-Archiv (355, 357).

Das Verzeichnis der zugrundegelegten Drucke (287–304), Abbildungen der Anfangs- bzw. Titelseiten von Arndts Predigten (305–314), ein Verzeichnis der Emendationen (315–324), das umfangreiche Quellen- und Literaturverzeichnis zur Edition (325–353) und ein knapper Editorischer Bericht (355) sind dem inhaltlich aufschlussreichen Nachwort vorangestellt (357–376). Hier informiert der Herausgeber über die Vorarbeiten von Inge Mager, die eine Leseausgabe von Arndts Trauerschriften veranstalten wollte (357, 359).

Die in den Nachrufschriften gewürdigten Verstorbenen waren primär großbürgerlicher Herkunft. Drei gehörten dem Adel an, die anderen zu den städtischen Eliten. Arndt verfasste seine Ansprachen und Trostschriften, als er in Braunschweig, Eisleben und Celle seelsorgerisch tätig war. Die neun Texte zeigen, dass er das in seiner Zeit verwendete klassische Schema Klage – Lob – Trost aus der Ars rhetorica des Ps.-Dionysious von Halikarnassos kennt, aber in großer Freiheit des jeweiligen Aufbaus einer Traueransprache die Themen zur Sprache bringt, die Angehörige in dieser kräftezehrenden Situation bewegen: Leiden, Sterben, Tod und Trost.

Die ausführliche Leichenpredigt auf Ernst II. von Braunschweig-Lüneburg (1564–1611), die Arndt in Celle gehalten hat, akzentuiert Klage und Trauer, weil das ganze Land des verstorbenen Fürsten durch seinen Tod „hochbetrübt“ hinterlassen wurde (95, 97). Sie trauern in gleicher Weise wie die Sterne am Himmel, wenn eine Sonnen- oder Mondfinsternis eintritt (97). Die Worte von Psalm 85,10–14 geben in dieser Situation den Hinterbliebenen einen angemessenen Trost (96). In den folgenden drei Teilen verschränkt Arndt Auslegung des Bibelwortes und Anwendung auf die Trauergemeinde. Im dritten Teil erklärt Arndt den dreifachen hohen Nutzen, den das Land durch die praktizierten Tugenden des Regenten erfahren hat und unter seinem Nachfolger bewahren soll: geistlicher Segen, Fruchtbarkeit der Erde und beständige Gerechtigkeit (124). Den Segen illustriert Arndt mit einem zweitsprachig wiedergegebenen Bernhard-Zitat aus der Vita prima des Gottfried von Auxerre: „Der Tod ist ein sanfter Ausgang (Mors piorum est beata emigratio): Von der Arbeit zur Ruhe / Von der Hoffnung zur Belohnung / Von Streit zur Krönung / Vom Glauben zum Anschauen / Von der Pilgerschaft zum Vaterland / Aus der Welt zum Vater / Aus dem Tode zum Leben.“ (126) Der Lebenslauf mit dem Bericht vom seligen Sterben des Fürsten beschließt den Text (128–144).

Anders geht Arndt beim Abschiedsgottesdienst für die Mutter von Herzog Ernst II., Dorothea von Braunschweig-Lüneburg geb. Prinzessin von Dänemark (1546–1617) vor. Aus Jes. 26,19 formt er einen „Trostspiegel“, den er in sechs „Trostbildern“ der Trauergemeinde vor Augen stellt (233–279): „Die seligen Toten 1. sind in Gottes Verwahrung. / 2. erwarten die Lebendigmachung / 3. ihrer eigenen Leiber Auferstehung. / 4. Sie schlafen bis zur Auferweckung. / 5. wachen auf mit fröhlicher Jubilierung. / 6. Empfinden des göttlichen Taus Erquickung“. Im anschließenden Lebenslauf (272–279) erwähnt Arndt lobend unter anderem den Gottesdienstbesuch und das ausführliche Morgen- und Abendgebet der Verstorbenen sowie ihre Lektüre tröstender Literatur (275).

Arndts Traueransprache für Maria von Schöppenstedt (7–40) ist in gleicher Weise gegliedert: Psalm 73,25f („das ist ihr Spruch gewesen“) wird in fünf Punkten und Schlussabschnitt ausgelegt; die Conclusio betont die Frömmigkeit der Verstorbenen auch in Krankheit, Schwäche und im Sterben, immer wieder „Kreuz“ genannt (Leiden, 33, 36, 38f).

In der Trostschrift für die Angehörigen des Braunschweiger Arztes Anton Machold (41–54) lässt Arndt einen Holzschnitt des Gekreuzigten auf die Versoseite des Titelblattes drucken und betrachtet – in Nachfolge von Bernhard von Clairvaux (ihm folgend: Paul Gerhardt) – die sieben Wunden des Gekreuzigten als Ruheort des Gläubigen (362). Einen ausführlichen Lebenslauf Macholds druckt Arndt nicht ab, weil sein Können allgemein bekannt sei und gerühmt werde (46). – Die Predigt auf der Abdankung des Eislebener Amtsschreibers Christoph Körner (55–84) legt dagegen die konkrete Bibelstelle aus Psalm 16,5 aus (65–80), nachdem Arndt vorher alle elf Verse des „Güldenen Kleinods Davids“ „summarisch“-paraphrasierend in Erinnerung gerufen hat (58–65). In dieser Predigt steht der Lebenslauf am Ende des Textes (81–84).

Die fünf hier genannten Trauertexte zeigen, wie vielfältig Arndt Trost zuspricht und bei Klage sowie Eloge zu Person und Lebenswerk in angemessenem Umfang Akzente setzt.

Auf das Nachwort folgen die Register der Bibelstellen (377-384), Personen (385–395) und Abkürzungen (397f), Hinweise des Herausgebers und Danksagungen (gerichtet an Inge Mager, sowie die Mitarbeiter des Teams Marita Gruner, Ralf Schuster, Anika Zimmer sowie Thomas Illg und Stefan von der Lieth) (399).

Der vorliegende Band bestätigt die Wichtigkeit der Entscheidung, das Lebenswerk eines Autors nicht nur anhand seiner erbaulichen oder gar dogmatisch-theologischen Hauptschrift darzustellen und zu beurteilen. So können Fehlurteile von einer späteren, vermeintlich höheren Warte aus vermieden werden. Johann Anselm Steiger gebührt großes Lob und herzlicher Dank für die vorzügliche kritische Ausgabe von Arndts Trauerschriften. Sie richtet sich vor allem an fachwissenschaftliche Leser – warum sollte sie nicht Ausgangspunkt der von Inge Mager anvisierten Leseausgabe barocker Trauerschriften werden?


Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim