Historische Theologie

Andreas Tasche: Das Rittergut Hof in Sachsen

Andreas Tasche: Das Rittergut Hof in Sachsen. Auf den Spuren der Familie Zinzendorf, Neuendettelsau: Erlanger Verlag für Mission und Ökumene, 2025, Pb., 196 S., € 19,95, ISBN 978-3-87214-588-8


Obwohl ich mich mittlerweile fast ein halbes Jahrhundert mit Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700–1760) und der Herrnhuter Brüdergemeine beschäftigte, auch wissenschaftliche und populäre Bücher und Artikel über den Grafen und die Brüdergemeine veröffentlicht habe, ist mir der Name Rittergut Hof, das in der Pflege Lommatzsch in der Nähe von Meißen gelegen ist, noch nie bewusst begegnet. Dass es sich dabei um das Gut handelt, dass drei Generationen lang im Besitz der Familie Zinzendorf war und dass Georg Ludwig von Zinzendorf, der Vater des Begründers der Herrnhuter Brüdergemeine, wesentlich zu dessen Ausbau beigetragen hat, war mir gänzlich unbekannt. Es ist das Verdienst des früheren Pfarrers von Herrnhut, Andreas Tasche, mit dem vorliegenden Buch das Rittergut Hof in Sachsen der Vergessenheit entrissen zu haben und damit gleichzeitig die Verwurzelung der Zinzendorfs im Kurfürstentum und späteren Königreich Sachsen erforscht und bekannt gemacht zu haben.

Eine wesentliche Stärke des Buches liegt in seiner interdisziplinären Anlage: Neben historischen und genealogischen Einsichten werden auch Aspekte kunsthistorischer, kultur- und architekturgeschichtlicher, theologischer, politikwissenschaftlicher, ja sogar touristischer Natur vermittelt. Es versteht sich daher von selbst, dass sich der Autor an vielen Stellen auf die Ergebnisse der Forschungen von Fachvertretern der genannten Disziplinen stützen muss. Beeindruckend ist jedoch, dass er immer wieder selbst Tiefenbohrungen vorgenommen hat und uns im Buch Anteil an seinen z. T. überraschenden Neuentdeckungen gibt. Auf diese Weise ist ein kurzweilig zu lesendes Buch entstanden, das nicht nur die Geschichte des Gutes im 18. Jh., als es sich im Besitz der Familie von Zinzendorf befand, vor den Augen der Leserinnen und Leser anschaulich werden lässt, sondern auch dessen weiteres Schicksal bis in die Gegenwart nachzeichnet.

Nach einer Einleitung, in der der Autor den Zweck und das Ziel des vorliegenden Buches umreißt, wird in einem ersten Hauptkapitel zunächst die Geschichte des Gutes Hof bis zum Übergang in den Besitz der Grafen von Zinzendorf am Ende des 17. Jh. geschildert. Das nächste Kapitel stellt in gewisser Weise einen Exkurs dar: Tasche zeichnet darin den Weg der Grafen von Zinzendorf von Österreich nach Sachsen nach. Die Bestimmungen des Westfälischen Friedens am Ende des Dreißigjährigen Krieges erlaubten die Rekatholisierung Niederösterreichs, der Stammlande der Zinzendorfs, die dort jahrhundertelang über großen Besitz verfügten und wichtige Staatsämter innehatten. Nur die Herrschaft selbst durfte beim angestammten evangelischen Glauben verbleiben, während bis zu den Hausangestellten alle anderen Bewohnerinnen und Bewohner wieder katholisch werden mussten. Aus diesem Grund hat der Großvater Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs seine Heimat verlassen und ist „ins Reich“, wie man damals sagte, ins evangelische Franken in die Nähe von Nürnberg, gezogen. Erstaunlich ist, dass die Ausgewanderten ihren niederösterreichischen Besitz behalten durften, also durch die Emigration nicht in Armut gerieten. Sehr schnell gelang es den Zinzendorfs zudem, in den einheimischen Adel in Franken und später in Sachsen einzuheiraten. Daran wird deutlich, dass der alteuropäische Adel, der die politische Herrschaft in Europa bis zur Französischen Revolution ungebrochen ausübte, zusammenhielt. Schon der Vater Zinzendorfs, Georg Ludwig, stieg durch Heirat und Tüchtigkeit in die führende Adelsschicht Sachsens auf. Als Kabinettsminister August des Starken war er in vielfältigen diplomatischen Missionen unterwegs, gelangte zu Wohlstand, so dass er nicht nur das Rittergut Hof erwerben konnte, sondern auch ein reiches Stadthaus in Dresden in der Nähe des Altmarkts besaß. Als erster Besitzer von Gut Hof aus der Familie Zinzendorf hat er maßgeblich zu dessen Instandsetzung und weiteren Ausbau beigetragen.

Dies wird im folgenden Kapitel unter der Überschrift „Zwischen Pflicht und Neigung. Das Rittergut Hof unter Georg Ludwig von Zinzendorf“ näher beschrieben. Zinzendorfs Vater hat das Gut Hof von seinem ersten Schwiegervater erworben. Er war bereits dreißig Jahre nach der Emigration seines eigenen Vaters aus den Habsburgischen Landen im Kurfürstentum Sachsen zu einer Persönlichkeit arriviert, die hohes politisches Ansehen genoss und vermögend war. Seine Frömmigkeit war pietistisch geprägt. Ungefähr zeitgleich war Philipp Jakob Spener, der Vater des älteren Pietismus, in Dresden als Oberhofprediger tätig und hatte damit das höchste Amt inne, das der deutsche Protestantismus damals zu vergeben hatte. Es war jahrhundertelang nichts Außergewöhnliches, dass ein Adliger im Staatsdienst neben seinem Stadthaus Besitzungen auf dem Lande besaß, die gleichzeitig finanzielle Sicherheit und einen Rückzugsort boten. Die pietistische Gesinnung von Zinzendorfs Vater zeigte sich daran, dass er auf dem Gebiet des Rittergutes Hof zunächst eine neue Kirche errichten ließ und erst danach an den Neubau eines Schlosses ging. Als Gutsherr hatte er nicht nur die niedere bzw. mittlere Gerichtsbarkeit inne, sondern auch die Pflicht zum Unterhalt des Kirchgebäudes und das Recht zur Berufung des Pfarrers.

Nach dem Tod Georg Ludwig von Zinzendorfs erbte der ältere Stiefbruder Zinzendorfs, Friedrich Christian von Zinzendorf (1697–1756) aus dessen vorangegangener Ehe, das Gut Hof. Sein dortiges Wirken wird im nächsten Kapitel des Buches ausführlich beschrieben: „Auf der Suche nach Heimat und Halt: Das Rittergut Hof unter Friedrich Christian von Zinzendorf“. Dass die Familie Zinzendorf trotz Konfessionsverschiedenheit zusammenhielt, wird daran sichtbar, dass mit Friedrich Christian erstmals ein evangelisches Mitglied der Familie 1722 bis zu seinem Tode im Jahr 1756 als „senior familiae“ amtierte. Obwohl das Verhältnis zwischen den Halbbrüdern in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenalter zunächst gut und vertrauensvoll war – beide vertraten einen pietistisch geprägten Glauben – haben sie sich später auseinandergelebt. Friedrich Christian scheint sich zunächst zu einem „Weltmann“ entwickelt zu haben, während Nikolaus Ludwig – nicht zuletzt durch die Entstehung Herrnhuts – immer mehr in eine geistliche Lebensberufung hineinwuchs. Gleichzeitig vertrat die zweite Ehefrau von Zinzendorfs Bruder einen sehr engen Pietismus, dem dieser sich angeschlossen zu haben scheint. Zudem lebte der Halbbruder Zinzendorfs anders als dieser äußerst zurückgezogen auf seinen unterschiedlichen ländlichen Besitzungen, zu denen auch Schloss Gauernitz an der Elbe gehörte.

Nach dem Tod Friedrich Christians erbte Maximilian Erasmus von Zinzendorf d. J., der Neffe Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs, das Rittergut Hof. Sein Wirken dort wird im Kapitel unter der Überschrift „In Zeiten des Umbruchs. Das Rittergut Hof unter Maximilian Erasmus von Zinzendorf d. J.“ beschrieben. Maximilian Erasmus besaß das Gut von 1756 bis kurz vor seinem Tod 1775. Er musste bereits 1774 Konkurs anmelden, was im Folgejahr zur Versteigerung des Guts führte. Die damaligen Zeitläufte waren alles andere als einfach: Im Siebenjährigen Krieg, in dem Maximilian Erasmus als Oberst mitgekämpft hatte, war Sachsen Preußen unterlegen, wenn auch nicht von der Landkarte verschwunden. Dazu kamen Hungersnöte durch Missernten. Als Offizier kann Maximilian Erasmus nur selten auf seinem Gut gewesen sein. Sein Verhältnis zu seinem Onkel Nikolaus Ludwig und zu Herrnhut war ein viel besseres als das seines Vaters.

Das letzte Kapitel des Buches trägt den Titel „Ich war ein Zinzendorf“. In ihm vergleicht der Autor abschließend die drei Generationen von Zinzendorf, die das Gut Hof besaßen mit dem Weg Zinzendorfs und der Herrnhuter Brüdergemeine. Rein äußerlich bestand ein wesentlicher Unterschied darin, dass das Rittergut von Land-, Feld- und Viehwirtschaft lebte, während Herrnhut und die neu gegründeten anderen Brüdergemeinen von Handwerk, Handel und Gewerbe lebten. Ein weiterer Unterschied besteht für Tasche darin, dass Vater, Bruder und Neffe Nikolaus Ludwig von Zinzendorfs letztlich von einem adligen Elitebewusstsein durchdrungen waren, während es in der Brüdergemeine zu einem Überspielen der Standesschranken im täglichen Miteinander kam. Nikolaus Ludwig verstand den Adel primär als Verpflichtung zu verantwortlichem Leben in Kirche und Gesellschaft.

Das Buch stellt auch insofern ein Lesevergnügen dar, dass es nicht nur verständlich geschrieben, sondern auch reich, z. T. farbig, bebildert ist, eine Reihe von Karten enthält und statistisches Material zur besseren Orientierung aufweist. Ein Quellen- und Literaturverzeichnis lädt zur vertieften Beschäftigung – nicht nur mit der Familie Zinzendorf – ein. Das beigegebene Orts- und Personenregister verleiht dem Buch darüber hinaus den Charakter eines Nachschlagewerkes. Vor allem aber lässt es sich dadurch beim Besuch der beschriebenen Orte auch als Fremdenführer gebrauchen. Allen, die sich auf Spurensuche nach den unterschiedlichen Mitgliedern der Familie Zinzendorf in Hof, ja in Sachsen insgesamt (und sogar darüber hinaus), begeben wollen, sei die Lektüre des Buches von Tasche wärmstens empfohlen.


Professor Dr. Peter Zimmerling, Leipzig