Religionspädagogik & Katechetik

Jens Beljan, Expressive Bildung

Jens Beljan, Expressive Bildung: Über Ausdruck, Entfremdung und die Fähigkeit zu lernen. Mit einem Vorwort von Charles Taylor, Weinheim: Beltz Juventa, 2025, 171 S., Pb., € 38,– , ISBN 978-3-7799-8894-6


Bildung gehört eindeutig zu den wichtigeren Vokabeln der deutschen Sprache. Das Wort hat nicht nur eine beeindruckende kulturprägende Vorgeschichte, sondern auch eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Doch so selbsterklärend der Begriff auch scheinen mag, es gibt noch immer vernachlässigte Facetten. In der vorliegenden Studie präsentiert der habilitierte Erziehungswissenschaftler Jens Beljan eine anregende Auseinandersetzung mit der expressiven Dimension der Pädagogik.

Nach einem Vorwort des kanadischen Philosophen Charles Taylor gibt Beljan in Teil 1 des Buches einen einleitenden Überblick über sein Anliegen und seine Argumentationslinie. Indem er den Fokus auf das Lernen im Ausdrucksprozess legt, schließt er an die phänomenologische Lerntheorie an, grenzt sich von essentialistischen Pädagogiken ab und erweitert die entsprechenden Perspektiven von Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus, Neurowissenschaft und Sozialisationstheorie.

Der Pädagoge geht programmatisch davon aus, „dass die Art und Weise, wie etwas zum Ausdruck kommt, entscheidend dafür ist, was ausgedrückt wird. Gefühle, Gedanken, Absichten und Ideale sind nicht schon da, bevor sie geäußert werden, sie entstehen vielmehr im Ausdrucksakt und durch Artikulationsprozesse.“ (17, Hervorhebung im Original)

In Teil 2 („Expressivität und kulturelles Lernen“) arbeitet Beljan heraus, dass Expressivität ein Bildungsinhalt ist, den viele bildungspolitische Konzepte nur eingeschränkt aufgreifen. Dass sich Menschen einerseits Kultur aneignen und von ihr geformt werden, andererseits sie erschaffen und gestalten, unterstreicht für Beljan einen tieferen anthropologischen und sozialen Sachverhalt, der sich beobachten, gliedern und bewerten lässt. Der Pädagoge zeichnet die sozialwissenschaftlichen Strömungen nach, an die er anschließt, und benennt die Grenzen etablierter Ansätze der Erziehungswissenschaften. Positiv gesprochen möchte er an die Leerstellen der Resonanzpädagogik anknüpfen und mit der Expressivität eine neue pädagogische Schlüsselkategorie etablieren.

Der ausführlichste Abschnitt ist Teil 3 („Expression als Basiselement“). Um gewissermaßen die messbare Grundeinheit seiner Überlegungen zu beschreiben, definiert Beljan Expressionen „als bedeutungsvolle und sinnhafte Verkörperungen“ (45) und Bildung wiederum „als die Selbstexpression des Menschen in Wechselwirkung mit den Expressionen der Welt.“ (47) Den eigentlichen Lernprozess, in dem Verkörperungen und Deutungsvorgänge zusammenkommen, untersucht er detailliert anhand von sieben Strukturmerkmalen: Figuration, Präzisierung, Explikation, Transformation, Kreation, Exploration und Disputation.

Eine besonders wichtige Einsicht laut Autor ist, dass zentrale menschliche Entwicklungsabläufe zwischen zwei wechselseitig, dynamisch verbundenen Expressionsebenen passieren: Gespürte Bedeutungen sind implizit und erfahren einen sinnlichen Ausdruck. Symbolische Deutungen sind wiederum explizit und drücken sich in sinnhafter Artikulation aus. Beljan geht ferner auf kulturspezifische Unterschiede ein, bevor er mit Blick auf die menschliche Entwicklung anhand einiger Beispiele eine praktische Ausdruckspädagogik umschreibt.

Obwohl er die leibliche Ausdrucksebene betont, erläutert der Pädagoge auch ausführlicher jene Artikulationsprozesse, die in der Auseinandersetzung einer Person mit sich selbst, ihren Mitmenschen und mit der Welt vorgehen. Anschließend diskutiert Beljan drei Spannungsfelder, die er als Daseinslücken bezeichnet und die zugleich Veränderungsprozesse begünstigen. Dazu gehört die potenzielle Überschussdifferenz (eines Mehr an Sinnlichkeit oder an Sinnhaftigkeit), die Erfahrung des Entzugs (aufgrund der Begrenztheit der eigenen Expressionsmöglichkeiten) und schließlich die immense Vielfalt und Multioptionalität von Expressionen überhaupt.

Mit Teil 4 („Störungen, Verzerrungen, Pathologien“) richtet Beljan den Blick auf potenziell verfehlte, defizitäre oder problematische Bildungsprozesse. Als Ideal plädiert der Autor jedoch weder für ein Maximum an Expressionen in der individuellen Lebensgestaltung, da diese auch fehlgeleitet sein können, noch möchte er die Qualität von menschlichem Ausdruck und Artikulation von bestimmten Inhalten abhängig machen. Überhaupt ist Beljan skeptisch bis ablehnend gegenüber Entwürfen eingestellt, die den Menschen auf eine irgendwie geartete Essenz oder äußerliche Norm festlegen könnten. Als Anknüpfungspunkt und Kriterium entscheidet er sich für das Konzept der Entfremdung, das er allerdings von der Wechselwirkung zwischen Ich und Welt abhängig macht.

Angesichts der Vieldeutigkeit des Entfremdungsbegriffs konkretisiert er diesen anhand der Entwürfe von Rahel Jaeggi und Hartmut Rosa. Während Rosa mit seinem Resonanzbegriff „nach den Voraussetzungen und Bedingungen einer nicht-entfremdeten Existenzweise“ (106) fragt, geht es Jaeggi mit ihrem Konzept der Aneignung eher um die „formalen Strukturen der Bezugnahme“ (ebd.) im Selbst-Welt-Verhältnis. Zwar sind die beiden Entwürfe „normativ sparsam“ (ebd.) und leisten wichtige Vorarbeiten für Beljans Bildungstheorie, doch sind sie nicht komplett adaptierbar, sodass sie eher als zielführende Umwege dienen.

Mit Bezug auf Dewey und Vertreter der transformatorischen Bildungstheorie formuliert Beljan schließlich drei Kriterien für eine gute expressive Bildung: Es geht ihm um ergebnisoffene Wachstumsprozesse, die (1.) eine Anschlussfähigkeit für Wechselwirkungen mit sich und der Welt erzeugen, (2.) eine Beweglichkeit im Weltverhältnis fördern, und (3.) zu einer Erweiterung eines „angemesseneren Selbst- und Weltverhältnisses führen“ (121).

Dem wiederum stehen für Beljan zwei negative Phänomene expressiver Entfremdung gegenüber. Zum einen ist da die Repression, die ihrerseits Ausschluss, Verhärtung und Verengung fördert und laut Autor noch heute in vielen Verhaltensweisen, Erziehungsstilen und Regierungsformen zu finden sei. Zum anderen beschreibt er das Phänomen der Reduktion, die durch Ablösung, Entleerung und Verdinglichung vielerorts im Bildungssystem und im Alltag „die Selbstexpression in Wechselwirkung mit den Expressionen der Welt“ begrenze oder unterbinde. Gleichzeitig erkennt Beljan aber auch die produktive Seite moderater Repression und Reduktion an, die unter gewissen Umständen gesunde Expression anstoßen. Die gleichzeitige Notwendigkeit von Fremdheit und Vertrautheit mit der Welt verweist in Beljans Theorie somit auf ein dialektisches Pendel.

In Teil 5 („Ausblick“) fasst der Autor seine Hauptgedanken noch einmal zusammen, geht auf etwaige Missverständnisse ein und benennt weiteres Forschungspotenzial. Besonders verweist er auf das Feld der Persönlichkeitsbildung und auf gesellschaftliche Ausdruckssphären wie z.B. Politik und Religion, in denen vertiefende Studien zur Expressivität lohnend wären. Zugleich räumt er manche Ungenauigkeiten im Verhältnis zu etablierten Bildungstheorien ein und skizziert das Potenzial für die historische und empirische Bildungsforschung, für eine detaillierte gesellschaftskritische Sichtweise, wie auch für ein noch konkreteres Ethos des Expressiven.

Ein Fazit: Jens Beljan legt mit Expressive Bildung eine allgemeinpädagogische Studie vor, der es nach Empfinden des Rezensenten tatsächlich gelingt, die Expressivität als pädagogische Kategorie zu festigen. Der Autor interagiert mit Klassikern der Pädagogik wie auch mit neueren Entwürfen und integriert geschickt interdisziplinäre Einsichten. Generell legt er seine Denkvoraussetzungen offen und untermauert seine Thesen auf transparente Weise. Trotz einiger argumentativer Überlappungen zwischen den einzelnen Teilen ist das Buch logisch aufgebaut. Trotz der Komplexität ist es anregend und gut lesbar geschrieben, was u.a. an den griffigen Beispielen liegt, mit denen Beljan sowohl konzeptionelle als auch praktische Aspekte seiner Theorie verdeutlicht.

Einerseits ist die Studie mit unter 160 Seiten angenehm kompakt. Andererseits wäre es interessant gewesen, wenn der Autor einige offene Punkte aus seinem Ausblick weitergedacht hätte. Wie sollte man z.B. über Expressivität nachdenken, wenn es doch durchaus kulturelle Sphären oder Wissenschaftsbereiche mit klaren normativen Ansprüchen gibt, denen man aber nicht pauschal totalitäre Absichten unterstellen kann? Einerseits versucht Beljan, die Expressivität als eine universalanthropologische Konstante und Oberkategorie zu konstituieren, die transzendierende Facetten hat und somit normativ verstanden werden kann. Andererseits bleibt vieles dann doch bei v.a. funktionalen Beschreibungen, in denen der Einzelne rein immanent in mancherlei Sinn- und Weltbeziehungen einen Mittelweg zwischen einem expressiven Objektivismus und Individualismus finden muss.

Für wen lohnt sich die Lektüre? (1.) Christliche Pädagogen mit Vorwissen, die einen neueren, spannenden Ansatz kennenlernen möchten, werden Expressive Bildung mit Gewinn lesen und manche Punkte daraus positiv aufgreifen können. Inhaltlich wie formal lädt Beljans Studie zum Weiterdenken ein und gibt herausfordernde Denkimpulse für ein ausdrücklich christliches Verständnis von Bildung sowie für eine reflektierte religionspädagogische Praxis. (2.) Darüber hinaus können Lehrkräfte der Praktischen Theologie hier Anregungen für die eigene Forschung finden, z.B. in den Bereichen von Kulturhermeneutik und Säkularisierungstheorie, sogar in der Seelsorge, Homiletik und neueren Formen der Katechetik. (3.) Schließlich wären sogar systematische Theologen gefragt, um auf Beljans Prämissen mit Argumenten einer christlichen Ontologie, Epistemologie und Ethik zu antworten und somit dem Projekt einer christlichen Pädagogik gezielt zuzuarbeiten.


Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom