Altes Testament

Markus Witte, Das Buch Hiob

Markus Witte, Das Buch Hiob, ATD 13, Göttingen: V&R, 2021, L+698 S., € 130,–, ISBN 978-3-525-51643-0


Markus Witte legt einen Kommentar zu Hiob vor, der fast 700 Textseiten umfasst. Seine Veröffentlichungen zum Hiobbuch umfassen nicht zuletzt seine Dissertation von 1994 oder auch einen Sammelband von Studien von 2018. Damit könnte diese Rezension auch schon ihr Ende finden, denn diese Eckdaten erzählen die Geschichte von jemanden, der mit diesem Bibelbuch gut 30 Jahre unterwegs ist, vieles gelesen, bewegt und diskutiert hat. Es sollte niemanden überraschen, dass mit diesem Kommentar ein wertvoller Gesprächspartner für alle vorliegt, die sich mit Hiob, mit der Rezeptionsgeschichte Hiobs oder alttestamentlicher Weisheit beschäftigen wollen.

Wittes Kommentar tritt an die Stelle von Artur Weisers Kommentar, 1951 erstmals erschienen, 1974 zuletzt durchgesehen, aber nicht grundlegend überarbeitet und seitdem nur nachgedruckt. Bei aller Wertschätzung für Weisers Kommentar begründet Witte seine „grundlegend neue Kommentierung“ mit den Veränderungen im Bild der biblischen Literatur- und Theologiegeschichte und der Anforderung, dass ein Kommentar den biblischen Text stets für seine Gegenwart auslegen muss. Sein Kommentar „ist in einem umfassenden Sinn redaktionsgeschichtlich […], verbindet die klassischen historisch-kritischen Fragen nach der Ursprungsintention und der Ursprungssituation der literarkritisch ermittelten Schichten mit den Fragen nach der literarischen und theologischen Funktion, welche die aufgenommen Texte in ihrem jeweils neuen literarischen und religionsgeschichtlichen Kontext haben. Zudem bezieht er die frühe Rezeptionsgeschichte ein.“ Damit bringt Witte sehr treffend auf den Punkt, was mit diesem Kommentar vorliegt. Vier Punkte ergeben sich daraus, denen ein besonderes Augenmerk gilt: 1. Fortschreibungen und Redaktionen tragen zu einem fortlaufenden Auslegungsprozess bei, wobei „in den jüngsten Fortschreibungsphasen die Übergänge von der Literatur- und Textgeschichte fließend sind“ (1); 2. Die Kommentierung geht vom masoretischen Text aus, aber die LXX wird als eigenständige Textform gesehen und Differenzen zwischen MT und LXX werden konsequent in den Blick genommen; 3. Die umfangreichen altorientalischen Texte zu Fragen der göttlichen Gerechtigkeit oder einer argumentativen Auseinandersetzung mit Göttern werden berücksichtigt, weil „bei aller literarischen und theologischen Originalität … das Hiobbuch tief in der vorderorientalischen und antiken griech. Mythologie sowie der israelitisch-jüdischen Literatur verankert [ist], mit denen es spielerisch und kreativ umgeht“ (2); 4. Die Wirkungsgeschichte des Hiobbuches kommt immer wieder beispielhaft in den Blick, weil sie sowohl ein Licht auf den Ursprungstext wirft als auch zum gegenwärtigen Verstehen beiträgt.

Diese vier Punkte beschreiben wichtige Facetten der Kommentierung und machen viele Überlegungen und Diskussionen von Witte nachvollziehbar. Man muss nicht alle diese Punkte teilen oder das jeweilige Phänomen auf dieselbe Art und Weise beschreiben, um von der jahrzehntelangen Beschäftigung Wittes bereichert, angeregt oder zum Widerspruch angestachelt zu werden. Diese vielfältigen Reaktionen auf einzelne Kommentierungen, Argumentationen oder Thesen werden sich wohl wechselhaft bei Leserinnen und Lesern des Kommentars einstellen. Das mag aber vielleicht weniger über Wittes Kommentar aussagen als über das Verhältnis, das in meiner Erfahrung und Beobachtung viele Menschen zum Hiobbuch pflegen. Ähnlich wie das beim Jonabuch der Fall ist, trifft man bei alttestamentlich interessierten Menschen immer wieder auf tiefe Überzeugungen, die sich nicht oder nur wenig durch Beobachtungen am Text, theologische oder geschichtliche oder wirkungsgeschichtliche Überlegungen beeindrucken oder gar erschüttern lassen. Neben diesem eigentümlichen Phänomen trägt auch das Hiobbuch selbst auf eine für mich eindrückliche Weise zu diesen vielfältigen Reaktionen bei. Das Zusammenspiel von einzelnen Teilen des Buches (Prolog, Hiob 3, die Freundesreden, Hiob 28, Hiob 29-31, die Elihureden, die Gottesreden, Epilog) zum Buchganzen lädt zu vielfältigen Perspektiven ein und fordert den Ausleger in einer Weise heraus, wie es wohl nur für wenige Bibelbücher der Fall ist. Ändert sich die Perspektive oder die Auslegung einer dieser Abschnitte, so hat das nicht selten Auswirkungen auf das Buchganze und umgekehrt. Das Zusammenspiel der einzelnen Buchteile ist ebenso eine Fundgrube für Bereicherung und Herausforderung. Kurzum, wenn Wittes Kommentar bereichert, anregt und zum Widerspruch anstachelt, sollte das nicht überraschen und sagt nicht nur etwas über seine Kommentierung aus. Beispielsweise würde ich engagiert über Wittes Bestimmung des Zentrums des Buches diskutieren. Für ihn stehen dort drei Fragen, also die Frage nach dem Sinn des Leidens, nach dem grundsätzlichen Wesen Gottes und des Menschen und die Frage nach Möglichkeiten der Erkenntnis Gottes und der angemessenen Rede von ihm (7). Für die erste Frage ist das Hiobbuch bekannt und wird gerne zu Rate gezogen, wenn diese Frage umtreibt, ob nun persönlich existenziell oder theologisch. Die beiden anderen Fragen spielen im Laufe des Buches eine wichtige Rolle, nicht zuletzt bei den Gottesreden, aber auch bei den Reden der Freunde über Gott oder Hiobs (Streit-)Reden mit Gott. Es kann also kein Zweifel daran bestehen, dass sie bei der Lektüre des Buches eine wichtige, teilweise weichenstellende Bedeutung haben. Aber warum sollte man sie als zentral beschreiben, gerade wenn die erste Frage m. E. letztlich im Buch nicht beantwortet wird und man mit Blick auf die dritte Frage überlegen muss, ob dies eine passende Frage für die Entstehungszeit des Buches ist?

Wer sich nicht auf die umfangreiche Kommentierung einlassen kann, sollte sich auf jeden Fall die über 70-seitige Einleitung gönnen und die Schätze, die mit Blick auf Sprache, Stil, altorientalische und griechische Parallelen oder Rezeptionsgeschichte zusammengestellt werden, entdecken. Witte fasst seine entstehungsgeschichtlichen Thesen kompakt auf Seite 45-59 (davon Tabellen auf 57–59) zusammen. Wer sich auf alle 700 Seiten einlässt, wird mit einer Vielzahl an wertvollen Beobachtungen und Überlegungen, anregenden Diskussionen und Perspektiven, diskussionswürdigen Positionen und Thesen und einem Schatz an rezeptionsgeschichtlichen Informationen beschenkt. Kurzum, es liegt ein Kommentar vor, der für ein Studium des Hiobbuches auf dem Schreibtisch oder neben dem Lesesessel liegen sollte.


Heiko Wenzel, Research Fellow University of Pretoria