Altes Testament

Michael Cox: Purge the Evil from among you

Michael Cox: Purge the Evil from among you. Deuteronomy’s Social Vision of Israel’s Social Boundaries, BZAR 28, Wiesbaden: Harrassowitz, 2024, geb., XX+374 S.,
€ 89,–, ISBN 978-3-447-12055-5


Die sogenannten „Purge“-Texte des Deuteronomiums – jene elf Stellen der Formel „du sollst das Böse aus deiner Mitte entfernen“ – wurden in der alttestamentlichen Forschung bisher entweder historisch-kritisch als Elemente der Redaktionsgeschichte interpretiert oder ethisch problematisiert, jedoch selten als zusammengehöriges Korpus untersucht. Hier setzt Michael Cox an. Seine Monografie, hervorgegangen aus einer Dissertation, die 2018 an der Trinity Evangelical Divinity School unter der Betreuung von Richard Averbeck abgeschlossen wurde, versteht die „purge formula“ (PF) nicht als Ausdruck archaischen Strafrechts, sondern als rhetorisches Instrument zur Aufrechterhaltung sozialer Grenzen innerhalb der deuteronomischen Bundesgemeinschaft.

Die Hauptthese lautet, dass im Hintergrund der PF nicht primär die moralische Schuld des Individuums steht, sondern der Schutz der Gemeinschaft vor identitätsbedrohenden Verhaltensweisen. Die PF fungiert somit als „boundary marker“ – also als Grenzmarkierung – sodass die einzelnen PF-Fälle als Variationen der Gefährdung der Bundesidentität Israels erscheinen.

Cox entfaltet seine Untersuchung in zwei großen Bewegungen: Zunächst entwickelt er in den Kapiteln 1–4 die theoretischen und methodischen Grundlagen. Daraufhin werden diese Grundlagen in den Kapiteln 6–9 auf die einzelnen PF-Texte im Deuteronomium angewendet. Abschließend weitet sich in Kapitel 10 der Blick auf die kanonische Rezeption der PF (Ps 78; 1Kor 5,13), bevor Kapitel 11 die Ergebnisse bündelt und ihre Bedeutung für Exegese und Ekklesiologie reflektiert.

Kapitel 1 bietet einen knappen Forschungsüberblick und entwickelt daraus die leitende These der Untersuchung.

Kapitel 2 verortet die Untersuchung grundlegend, indem Cox das Deuteronomium primär als rhetorisch gestaltetes Bundesdokument versteht, das eine „social vision“ der Gemeinschaft Israels als Bundesvolk entwirft. Damit schafft das Kapitel die Voraussetzung, die PF-Texte nicht primär als Strafrechtsbestimmungen, sondern als narrative Einübung gemeinschaftlicher Identitätsbewahrung zu lesen.

Kapitel 3 fragt nach der Sozialgestalt, die das Deuteronomium voraussetzt, denn nur wenn klar ist, wie diese Bundesgemeinschaft strukturiert ist, lässt sich verstehen, warum bestimmte PF-Vergehen als existenzielle Bedrohung erscheinen. Cox verortet Israel in der Sozialgestalt einer segmentären Gesellschaft, in der Zugehörigkeit über die ineinander verschachtelten Segmente von Volk, Stamm, Sippe und Haushalt vermittelt wird. Der Haushalt erscheint als grundlegende Identitätseinheit, in der Loyalität und Zugehörigkeit eingeübt werden und die durch familiäre Vergehen besonders exponiert ist. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum bestimmte Delikte nicht als individuelle Normverstöße, sondern als Gefährdungen der gesamten Bundesgemeinschaft erscheinen. Diese Sozialstruktur verbindet Cox mit der Bundesmetaphorik, in der das Verhältnis JHWH–Israel als Loyalitätsbeziehung zwischen Vater und Sohn gedacht ist, sodass Bundesbruch nicht bloß Normverstoß, sondern Loyalitätsbruch ist. 

Kapitel 4 ergänzt diese sozialgeschichtliche Perspektive durch sozial- und kognitionssoziologische Überlegungen zu Grenzen, Abweichungen und Fortbestand („Boundaries, Deviance, and Persistence“). Gruppen konstituieren sich demnach nicht primär als äußerlich greifbare Einheiten („things-in-the-world“), sondern als innerlich mentale Konstruktionen („things-in-the-mind“) in den Köpfen der Mitglieder. Damit verschiebt sich die Perspektive auf die PF entscheidend, da die PF-Texte so als Mittel erscheinen, um das Bewusstsein für die Grenzen der Gemeinschaft zu schärfen und kollektive Identitätsvorstellungen zu festigen. 

Kapitel 5 bündelt diese Vorüberlegungen und markiert den Übergang zur sprachlichen und exegetischen Analyse der einzelnen PF-Texte des Deuteronomiums (Kapitel 6–9).

Kapitel 6 bildet das methodische Zentrum der Studie mit einer kognitiv-semantischen Analyse der PF. Cox deutet die Bildsprache der PF als Containment-Schema, in dem die Gemeinschaft als abgegrenzter „Innenraum“ erscheint, dessen Integrität durch bestimmte Vergehen bedroht wird. Bestimmte Verfehlungen (Offense), die von Insidern begangen werden, müssen vom Kollektiv mitgetragen werden und bedrohen dadurch die Existenz der Gruppe. Dies erfordere, den betreffenden Insider (Offender) aus der Gemeinschaft auszuschließen. In den folgenden Kapiteln wird bei der Analyse der einzelnen Vorkommen der PF jeweils untersucht, wer als „Offender“ auftritt, worin die „Offense“ besteht und wer als „Offended“ davon betroffen ist.

Mit Kapitel 7 beginnt die eigentliche exegetische Durchführung, die die grundlegendste „Offense“ untersucht, die in Apostasie besteht (Dtn 13). Da Israel als Bundesvolk durch die exklusive JHWH-Verehrung konstituiert ist, gilt die Hinwendung zu anderen Göttern als grundlegendste Grenzverletzung.

Kapitel 8 behandelt die mit der PF sanktionierten Fälle aus dem Bereich von Recht, Gerechtigkeit und Blutschuld (17,2–7.8–13; 19,1–13.15–21; 21,1–9) unter dem Leitsatz aus Dtn 16,20 („Der Gerechtigkeit, nur der Gerechtigkeit sollst zu nachjagen“) und zeigt, dass hier die Gefährdung der gemeinschaftlichen Rechtsordnung im Zentrum steht.

Kapitel 9 behandelt Fälle aus dem Bereich von Familie und Haushalt (Dtn 21. 22. 24) und knüpft damit an die Bestimmung des Haushalts als grundlegender Identitätseinheit aus Kapitel 3 an. Vergehen wie der widerspenstige Sohn, sexuelle Delikte oder Menschenraub erscheinen als Angriffe auf diese Identitätszelle und damit mittelbar auf die gesamte Bundesgemeinschaft.

Kapitel 10 zeigt an Ps 78 und 1Kor 5,13 die kanonische Weiterwirkung dieser sozialen Logik, bevor Kapitel 11 die Ergebnisse bündelt und ihre Bedeutung für die Deuteronomiumsforschung und für ekklesiologische Fragestellungen.

Insgesamt wird die in der Einleitung formulierte These konsistent und plausibel begründet und entfaltet. Ob die PF jedoch tatsächlich primär als rhetorisches Instrument zur Formung kollektiver Identität zu verstehen ist, wird aus Sicht des Rezensenten dadurch in Frage gestellt, dass ein Vergleich der mit der PF sanktionierten Delikte mit den im übrigen Pentateuch anderweitig mit Todesstrafen belegten Vergehen erhebliche sachliche Überschneidungen erkennen lässt (siehe hierzu Artur Reiswich, Grenzen der Sühne. Eine exegetische Analyse nicht-sühnbarer Vergehen im alttestamentlichen Gesetz hinsichtlich ihrer Schwere und Kategorisierung (BZAR 34), Wiesbaden: Harrassowitz, 2026, 127–132; 213–215). Diese Parallelen sprechen dafür, dass auch für die PF-Texte eine reale Ausführbarkeit der Sanktion mitzudenken ist, wie sie für vergleichbare Fälle üblicherweise angenommen wird. Zwar bestreitet Cox an keiner Stelle ausdrücklich eine solche reale Sanktionsdimension, akzentuiert jedoch die rhetorisch-identitätsbildende Funktion der PF so stark, dass dieser Aspekt deutlich in den Hintergrund tritt. Bemerkenswerterweise tritt diese Spannung selbst in Cox eigenem Vergleich mit der kārēt-Formel im Exkurs (8.7) zutage: Während die PF zuvor vor allem als rhetorisches Mittel profiliert wird, legt die von Cox selbst herausgearbeitete Nähe zur kārēt-Formel eine deutlich stärker real-sanktionierende Funktion nahe. Diese Verschiebung der Akzentsetzung wird nicht ausdrücklich reflektiert und hätte der Argumentation zusätzliche Klarheit verleihen können.

Die Studie verlangt dem Leser aufgrund ihrer Länge und Detailfülle Geduld ab und setzt eine Vertrautheit mit linguistischen Modellen voraus. Der Ertrag der Studie besteht insbesondere darin, den Blick für die soziale Dimension der deuteronomischen Gesetzgebung und Sanktionierung zu schärfen.


Dr. Artur Reiswich, Pastor der EfG Haiger-Allendorf und Gastdozent für Altes Testament an verschiedenen Ausbildungsstätten