Altes Testament

Hans-Christoph Aurin, Benno Jacob zu Levitikus

Hans-Christoph Aurin, Benno Jacob zu Levitikus. Eine Studie zu seinem Nachlass mit Edition des Manuskripts „Leviticus 17-20“, FAT II/134, Tübingen: Mohr Siebeck, 2022, XIV+461 S., € 109,–, ISBN 978-3-16-161036-3


Schon ein Hinweis darauf, dass unvollständige Manuskripte und Notizen von Benno Jacob zu Levitikus zugänglich gemacht werden, kann leicht Vorfreude bei all denen auslösen, die mit dem Genesis- oder Exoduskommentar von Benno Jacob gearbeitet haben. Seit 2013 arbeitet das Benno-Jacob-Editionsprojekt an der Hebräischen Universität in Jerusalem unter der Leitung von Shimon Gesundheit an der Herausgabe weiterer Schriften. Der erste Band kam 2021 unter dem Titel “Studien zur Thora” heraus, der einige frühe Studien von Jacob leicht zugänglich macht, einleitet und kommentiert. Mit Reinhard Gregor Kratz an der Universität Göttingen und weiteren Mitarbeitern gibt es seit 2017 einen deutschen Kooperationspartner.

Mit seiner Dissertation legt Hans-Christoph Aurin eine Vorstudie der geplanten und in Arbeit befindlichen Edition vor, in der er sich auf Jacobs Manuskript zu Lev 17–20 aus dem Jahre 1903 beschränkt. Dieses Manuskript wird editiert und „werkbiografisch, methodisch und exegetisch“ kommentiert (7). In Teil I findet sich „Werkbiografisches“ (13–36) und eine Charakterisierung von Jacob und seinem Werk („Ein konservativ-freisinniger Gelehrter“; 37–60). Im zweiten Teil stellt Aurin Textkritisches (63–78), die Auseinandersetzung mit Literarkritik (79–104) und mit religionsgeschichtlichen Entwicklungen (105–128) sowie Jacobs Verhältnis zur traditionellen jüdischen Exegese (129–153) dar. Im dritten Teil findet sich eine Darstellung und Auseinandersetzung mit Jacobs Exegese von Lev 17 (157–197), Lev 18 (198–228), Lev 19 (229–277) sowie eine kompakte Zusammenfassung dieser Teile seiner Arbeit (279–288) bevor die Edition von Lev 17–20 folgt (292–427).

Jacobs Arbeiten wurden von Martin Buber und Franz Rosenzweig sehr geschätzt. Gleiches gilt beispielsweise auch für Gerhard von Rad, Brevard Childs und Norbert Lohfink. Aurin beschreibt Jacobs Auslegungen als „werkimmanenten Interpretationsansatz“ (2), der sich in seiner Zeit (1862–1945) gegen Theorien der Quellenscheidung und religionsgeschichtlichen Entwicklungen stellte. Zurecht stellt Aurin heraus, dass Jacobs Lektüre von Gesetzestexten Robert Alters Werke zu Poesie und Narrativen um „The Art of Biblical Law“ ergänzt (5). Jacobs scharfe Polemik und konservative Tendenz haben dazu beigetragen, dass sein Werk viele Jahre wenig beachtet wurde, was sich aber in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert hat. Es ist das Verdienst u. a. von Almuth Jürgensen und Bernd Janowski, dass der Exoduskommentar 1997 erschienen ist und der Calwer Verlag drei Jahre später den Genesiskommentar wieder herausgegeben hat (Erstveröffentlichung 1934).

Die Bedeutung von Jacobs Werk sieht Aurin vor allem an zwei Stellen: „Sie liegt zum Einen in seiner philologisch genauen Einzelexegese, die eine große Zahl wertvoller Beobachtungen am biblischen Text vereint.“ (4) Norbert Lohfink begründete bereits 1971 in einem Gutachten nicht zuletzt damit seine Unterstützung für die Veröffentlichung von Jacobs Exoduskommentar: „Bei B. Jacob ist eine bestimmte Konstellation von Bildungsvoraussetzungen und Interessenrichtungen gegeben, die nicht wiederholbar ist, selbst nicht bei heute lebenden jüdischen Gelehrten. Es wäre gut, wenn jeder Bibelwissenschaftler, der über das Buch Exodus arbeitet, durch die Existenz des Jacobschen Kommentars gezwungen wäre, sich dieser kritischen Instanz zu stellen.“ (ebd.). Dies kann in gleichem Maße nicht für das vorliegende Levitikus-Manuskript gelten, weil dieses unvollständig ist und das Zusammenspiel von vielen Einzelbeobachtungen und einer Lektüre größerer Abschnitte und des gesamten Buches nur eingeschränkt sichtbar wird. Dem Wert einer aufmerksamen und reflektierten Lektüre des masoretischen Texten kann man sich aber auch bei dem unvollständigen Manuskript kaum entziehen.

Die Bedeutung von Jacobs Schriften liegt sicherlich auch darin begründet, dass er verschiedene Fronten mehr oder minder gleichzeitig bearbeitet. Seine Auslegung erfolgt im Gegenüber und immer wieder auch in Abgrenzung zu einer historischen Kritik, zu antisemitischen Tendenzen und zu einer gewissen Form der Orthodoxie: „Ebenso unmöglich ist eine orthodoxe Wissenschaft des Judentums, die man neuerdings etablieren möchte. Es kann wohl eine orthodoxe Gelehrsamkeit geben, aber eine freie Forschung, der schon am Anfang das Resultat feststeht, ist ein innerer Widerspruch.“ (so Jacob in Das Judentum und die Ergebnisse der Assyriologie I im Jahre 1902, zitiert von Aurin, 44). Diese Distanz ist wohl auch im Offenbarungsbegriff begründet, „der menschliche Einsicht mit göttlicher Offenbarung verbindet“ (44). Jacob selbst sagt: „Ob eine Satzung göttlich ist, darüber entscheidet nach meiner Ansicht niemals eine äußere Beglaubigung, sie sei noch ehrwürdig durch ihr alter, klangvoll durch ihren Namen, kein äußeres Zeugnis, sondern nur das innere Zeugnis, ihre innere Wahrheit, ihr inneres sittliches Vermögen, es entscheidet darüber, ob sie bestanden hat und bestehen kann vor dem Richterstuhl der Vernunft, der Stimmes des Gewissens, an dem Prüfstein der thatsächlichen Bewährung und einer weisen Pietät.“ (zitiert bei Aurin, 45, Fn. 39).

Christoph Dohmens Exoduskommentar hatte mich vor Jahren auf Jacobs Fährte gebracht und es ist immer wieder eine große Bereicherung einer Kommentierung von Benno Jacob zu lauschen, noch einmal zum biblischen Text zurückzukommen und seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen hin- und her zu bewegen. Es ist eine Freude zu sehen, dass Benno Jacobs Beiträge inzwischen einem größeren Kreis von Interessierten zugänglich ist. Leider war es Benno Jacob und uns später Geborenen nicht vergönnt, vergleichbare Ausgaben zu Numeri oder Deuteronomium in den Händen zu halten. Man kann mit Spannung erwarten, welche Schätze das Editionsprojekt zutage fördern wird. Hans-Christoph Aurin hat die Mühe auf sich genommen, nicht nur Manuskripte, sondern auch Fragmente und Notizen zu sammeln, zu sichten und in seiner Dissertation auszuwerten. Ihm gilt das Verdienst, damit einen weiteren Teil von Jacobs eindrücklichem und wertvollem Schaffen späteren Generationen zugänglich zu machen und viele Beobachtungen, Überlegungen und Einsichten zu Levitikus. Wer diese Zusammenstellung, Erschließung und Kommentierungen von Benno Jacobs Ausführungen und Überlegungen zu Levitikus in die Hand nimmt, wird nicht nur in seiner Lektüre von Levitikus bereichert werden, sondern ist einem Gelehrten auf der Spur, der um akademische und gesellschaftliche Herausforderungen seiner Zeit weiß und sich engagiert sowohl mit diesen wie auch mit biblischen Texten auseinandersetzt, um seinen Weg ringt und nicht von dem Applaus anderer gelebt hat.


Heiko Wenzel, Research Fellow University of Pretoria