Praktische Theologie

Hans Schaeffer/Jan Martijn Abrahamse/Karen Zwijze-Koning/Stefan Paas (Hg.): Visions of the Good Life

Hans Schaeffer/Jan Martijn Abrahamse/Karen Zwijze-Koning/Stefan Paas (Hg.): Visions of the Good Life. Salvation, Church, and Mission in the Secular West, Brill: Leiden, 2026, Pb., 341 S., € 82,50, ISBN ‏978-90-04-72495-2


Der vorliegende Sammelband resultiert aus dem Forschungsprogramm „Salvation in the 21st Century“ des „Centre for Church and Mission in the West“ der Theologischen Universiteit Utrecht. Verschiedene (evangelikal-) protestantische Praktische Theologen und Missiologen beschäftigen sich darin mit der Frage: „what is the ‚good‘ that Christian faith envisions and how is this to be lived and formulated within the context of the secularized West?” (2).

Im Fokus stehen „practices of salvation“, also die Frage, wie Heil (in den Aufsätzen bewusst unterschiedlich interpretiert) konkret erlebt wird (3-4). Dies sei wesentlich, da auch spätmoderne, westliche Menschen auf der Suche nach Heil(ung), Hoffnung, Frieden, Identität und Sinn sind, viele Christen aber gleichzeitig unter einer Sprachlosigkeit leiden, die christliche Antwort des Evangeliums im veränderten Kontext angemessen und lebensnah zu kommunizieren.

Die drei Teile des Buches beschäftigen sich mit dem post-christlichen Westen als Kontext missionaler Praxis (19-126), der Erneuerung kirchlicher Praxis (127-195) und den soteriologischen Überzeugungen und der gelebten Soteriologie missionaler Praktiker (197-318).

Im ersten Abschnitt plädiert Marsh (21-35) dafür, das Evangelium angesichts des menschlichen Bedürfnisses nach salvation narratives als bessere Erzählung für das „gute Leben“ zu kommunizieren. Nach Abrahamse (36-52) sind die Suche nach dem „authentic self“ und das Scheitern, sich selbst zu realisieren, aktuelle Anküpfpunkte für das Evangelium. Aždajić (53-68) betont die Notwendigkeit einer embodied spiritual formation im Gegensatz zu einer rein verbalen Evangeliumskommunikation, die der gegenwärtigen Erwartung, dass Heil im Hier und Jetzt relevant und erlebbar sein muss, nicht gerecht würde. Ähnlich präsentiert Adebayo (69-88) das afrikanisch-pfingstliche ganzheitliche Heilsverständnis als Lernmöglichkeit für westliche Kirchen. Bartholomä (89–107) sieht in Rosas Resonanztheorie Chancen für die Evangeliumskommunikation. Der Wunsch nach Resonanz verweist theologisch auf die Sehnsucht des Menschen nach einem Leben mit Gott. Resonanz sollte als antizipatorisch erfahrbare Dimension des Heils in der kirchlichen Praxis stärker berücksichtigt werden. Bakker (108-126) beleuchtet dann kritisch das Phänomen des White Christian Nationalism ausgehend vom neutestamentlichen Konzept des Königreich Gottes.

Im zweiten Teil beschreibt Rooms (129-144) vier Dimensionen des aktuellen westlichen Kontextes und ihre Folgen für missionale Praxis. Zwijze-Koning und Schaeffer (145-162) sowie Van den Toren-Lekkerkerker (163-176) untersuchen Heilserfahrungen im Rahmen des Erneuerungsprozesses „Kerk2030“ bzw. in zwei christlichen Gemeinschaften in Groningen (NL) und in Bunia (DRK). Zuletzt reflektiert Barentsen (177-195) anhand der biblischen Motive des Hirten, Priesters und Dieners den Zusammenhang unterschiedlicher christlicher Leitungsstile mit Heilskonzeptionen.

Den dritten Teil beginnt James (199-220) mit einer Diskussion des Heilsverständnisses des Kirchenmodells der neighborhood churches, welches seinen empirischen Studien in Seattle, Vancouver und Wisconsin entspringt. Stoppels (221-233) beobachtet, dass Heil und Erlösung bei vielen niederländischen Pastoren und Pionieren vor allem auf die Gegenwart bezogen bleiben und ein Leben nach dem Tod oft keine große Rolle spielt. Ähnliches beobachten auch De Jonge (234-266) – derzufolge missionale Praxis ein theologisches Umdenken von „classic-evangelical beliefs“ (bspw. des Lausanne Covenant) zu „a more broader perspective“ (245-256) bedingt – sowie Butler und Ross (285-300) in ihrer Untersuchung von Fresh Expressions in England. In den verbleibenden Beiträgen stellen Roor und van Duffelen (248-266) unterschiedliche soteriologische Schwerpunkte und Erfahrungen in niederländischen „pioneering communities“ fest, Kwiyani skizziert Spezifika der afrikanisch-pfingstlichen Soteriologie (267-284) und Lockhart reflektiert Evangeliumskommunikation in Vancouver im Kontext der Klimakrise (301-318).

Paas (321-338) entwirft abschließend eine Soteriologie für den post-christlichen Westen rund um das biblische Motiv des Friedens. Dieses integriert unterschiedliche Heilsdimensionen wie Sündenvergebung, Heilung und Befreiung, sodass Gemeinden an der Mission Gottes teilhaben, wenn sie in ihrem Kontext zu „Friedensstiftern“ werden.

Visions of the Good Life enthält zahlreiche wesentliche Impulse für missionarische Praxis im gegenwärtigen westlichen Kontext. Gleichzeitig ruft der Band aus (m)einer evangelikal-freikirchlichen Perspektive auch kritische Anfragen hervor.

Wie ein roter Faden zieht sich die wichtige Erkenntnis durch den gesamten Band, dass Gottes Heil schon jetzt in allen Dimensionen des Lebens erlebbar ist. Dementsprechend muss die Kommunikation des Evangeliums das ganze Leben im Blick haben und vom Evangelium her eine Vision für gutes, gelingendes Leben entwerfen.

Diese Vorstellung von Heil als „flourishing“ oder „good life“ zieht allerdings die Fragen nach sich, ob alles, was zu gelingendem menschlichen Leben führt, als Heil zu verstehen ist und wie dabei die Zentralität von Christus, an den nach dem Neuen Testament alle Dimensionen des Heils gebunden sind, gewährleistet bleibt. Dies gilt insbesondere, da Heil in einigen Beiträgen fast ausschließlich immanent konzipiert wird und sich ohne den Bezug zu traditionellen Konzepten wie Umkehr, Gnade, Errettung etc. beispielsweise in harmonischem Zusammenleben und heilsamer Gemeinschaft realisiert. Können diese Aspekte in der Abwesenheit einer persönlichen Hinwendung zu Christus überhaupt als Heil verstanden werden?

Weiter frage ich mich, inwiefern der berechtigte Fokus auf „practices of salvation“ dazu führen könnte, dass die reformatorische Einsicht, wonach Heil durch Glauben unverdient geschenkt wird, unterbetont wird? Wenn Heil sich durch menschliches Streben nach dem guten Leben ergibt und beispielsweise in Aussagen wie „try to be the best person you can be. None of us are perfect“ (294) seinen Ausdruck findet, scheint mir das gefährlich nahe zu einer immanenten Werkgerechtigkeit. Gemeinsam mit Stoppels drängt sich dann die Frage auf, was eigentlich der „unique selling point“ des christlichen Glaubens ist (232).

Ein weiteres Verdienst der Artikel ist die Betonung und Veranschaulichung der Kontextualität von Evangeliumskommunikation. Soll Gottes Heil verstanden und erfahren werden, so muss christliche Praxis in kritischen Dialog mit anderen Lebensentwürfen treten, verstehen, welche Bedingungen menschliches (Zusammen-)Leben im 21. Jahrhundert im Westen prägen und das Evangelium entsprechend kontextualisieren.

Gemeinsam mit dem methodischen Fokus auf „practices of salvation“ kann so allerdings die normative Ebene biblischer Offenbarung unterreflektiert bleiben. So besteht die Gefahr, dass Evangeliumskommunikation zwar ernstnimmt, was Menschen als heilgebend und heilsam erfahren, aber Gottes Vorstellung von Heil seine kulturkritische Dimension verliert. Folglich wird die Akzeptanz von LGBTQ-Lebensformen als Auswirkung von Gottes Heil verstanden (202, 257), während „classic evangelical beliefs“ wie der Glaube, „that salvation comes only through the cross of Christ and that all must come, through repentance, to Him for salvation of their souls” angeblich für erfolgreiche Kontextualisierung aufgegeben werden müssen (238, 246). Denkt man über Heil im Rahmen von „visions of the good life“ nach, so muss auch reflektiert werden, wie biblisch-normierte kontextuelle Evangeliumskommunikation aussieht, wenn Gottes Vorstellung des guten Lebens westlich-säkularen Vorstellungen widerspricht.


Thomas Kräuter, MA, PhD-Student an der ETF Leuven und freikirchlicher Pastor in Wien