Praktische Theologie

Fritz Lienhard: Die Zukunft der evangelischen Kirchen

Fritz Lienhard: Die Zukunft der evangelischen Kirchen. Religiöse Entwicklungen und kirchliche Reformen, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Pb., 360 S., € 35,, ISBN 978-3-374-07933-9


Nichts Geringeres als die „Zukunft der evangelischen Kirchen“ ist Gegenstand des vom Ordinarius für Praktische Theologie in Heidelberg, Fritz Lienhard, als „Essay“ (10) bezeichneten Buches, dessen Sicht stark systematisch-theologisch geprägt ist. Aufgrund seiner Pfarr- und Lehrtätigkeit in Frankreich kann der Vf. für seine Überlegungen auf zwei Länder und zwei voneinander sehr verschiedene religiöse Kontexte zurückblicken und diese Perspektiven integrieren. Ausführlich setzt sich Lienhard dabei mit den Untersuchungen der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU VI) auseinander. 

Lienhard gliedert sein Buch in zwei Hauptteile und analysiert zunächst die „Marginalisierung der Kirchen“ (25) bevor er über die „Rückkehr des Religiösen?“ (91) in veränderter Form spricht. Im zweiten Teil des Buches wendet er sich der Spiritualität und der ihr naheliegenden Pneumatologie zu. Ausführungen zur Kommunikation des Evangeliums und zur Identität als Kirche beschließen den zweiten Teil. Final folgt ein Ausblick und auf weniger als zwei Seiten eine Darstellung „Was ist also zu tun?“ (331f).

Lienhard bezeichnet Pluralisierung, funktionelle Differenzierung und Aufkommen des Atheismus als „die drei Ursachen der modernen und postmodernen Marginalisierung der Kirchen“ (320). Dass diese Phänomene trotz der je unterschiedlichen Gegebenheiten in Frankreich und Deutschland als „Grundtendenzen der religiösen Situation“ (83) verbreitet sind, zeigt Lienhard stringent auf.

Lienhard ist überzeugt, dass Glauben und Religion in Europa nicht völlig verschwinden und lehnt deshalb die Säkularisierungsthese in ihrer Reinform ab. Vielmehr nimmt er wahr, dass Raum für „neue Formen von ‚so etwas wie Religion‘ […] entweder als fluide Religiositäten oder als individuelle Formen des Christentums innerhalb und außerhalb der traditionellen Kirchen“ (91) entstehe.

Als Reaktion auf die geänderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen plädiert Lienhard für eine „hermeneutische Theologie“ (161), welche sowohl den Kontext wie auch das „Ziel der Kommunikation des Evangeliums“ (162) im Blick behält.

Lienhard entwirft eine Spiritualität, die Innerlichkeit und Äußerlichkeit verbindet, die zwischen Heiligem Geist und Jesus Christus in einem „reziproke[n]“ (166) Verhältnis steht. Der Vf. plädiert also für eine weiterhin starke Akzentuierung der Theologie, praktisch empfiehlt er dabei rezeptionsästhetische Ansätze, eine Verbindung von Glaube und Kunst in ihren vielfältigen Formen und einen Fokus auf „hybride kirchliche Aktivitäten“ (300), die neben dezidiert christlichen Anteilen auch „Dimensionen des individuellen und gesellschaftlichen Lebens“ (306) berücksichtigt. Dabei votiert er für ein von Begegnung geprägtes Verständnis von Mission sowie einen bewussten Verzicht auf „Unterscheidung zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern“ (303).

Die gewählte thematische Eingrenzung in diesem selbst so bezeichneten „Essay“ mag pragmatischen Gründen folgen. Eine Nichtberücksichtigung der weiteren Kirchenlandschaft, zu der gerade auch evangelische Freikirchen gehören – man denke an ICF sowie die etablierten freikirchlichen Verbünde in Deutschland – offenbart eine einseitige Betrachtung.

Ebenso fällt als Leerstelle auf, dass die Ausführung zu Evangelisation bzw. „Evangelisierung“ (239) den neuen Forschungsdiskurs sowie die Erkenntnisse des Zentrums für Mission in der Region und des IEEG in Greifswald nicht berücksichtigt.

Die Analyse der gegenwärtigen kirchlichen Situation und Lienhards ekklesiologische Reflexionen überzeugen weitgehend. Unbestritten ist dem Vf. recht zu geben, wenn er sagt, dass die Kirche Jesu Christi „ihrerseits in guten Händen“ (332) und lediglich menschengemachte Strukturen und Formen „bedroht“ (ebd.) seien. Dennoch vermisst man als Leser konkrete, innovative, überzeugende Anknüpfungspunkte für eine sich erneuernde kirchliche Praxis.


Andreas Schmierer, Pfarrer der Württ. Landeskirche, Studienassistent im Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen und Doktorand an der STH Basel