Systematische Theologie

Zekirija Sejdini / Jonas Kolb: Wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in der Islamischen Theologie

Zekirija Sejdini / Jonas Kolb: Wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in der Islamischen Theologie. Eine Einführung, Paderborn: Brill Schöningh, 2023, Pb., 308 S., € 28,–, ISBN 978-3-8252-5900-6


Was kann und was muss eine Einführung in wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in einem geisteswissenschaftlichen Fachgebiet leisten? Das muss sicherlich auf dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte des Faches und seines institutionellen Umfelds beantwortet werden. Im Falle der islamischen Theologie muss wohl auch noch die Frage bedacht werden, wie sich das Verhältnis einer solchen Theologie zu der Glaubensgemeinschaft gestaltet. Die damit verbundene Gemengelage im deutschsprachigen Raum führt zu herausfordernden Startbedingungen für eine wissenschaftliche Einführung in dieses Fachgebiet. Die islamische Theologie hat erst vor wenigen Jahren einen Platz an deutschsprachigen Universitäten erhalten und wurde selten und wenig von islamischen Glaubensgemeinschaften öffentlich unterstützt. Wenn das Verhältnis Thema wurde, zeigte sich häufig eine kritische Distanz zu dem, was an der Universität gesagt und getan wurde. Dieses Spannungsfeld wirkt sich vielfältig auf die Lehr- und Lernsituation im Studium aus, und es ist nicht überraschend, dass die Autoren aus persönlicher Erfahrung feststellen, „dass in puncto wissenschaftliches Forschen und Arbeiten in dieser Disziplin noch Verbesserungsbedarf besteht.“ (9) Die Autoren wollen mit dieser Einführung einen Beitrag zu dem noch laufenden Etablierungsprozess dieser Disziplin an den Universitäten leisten. Dabei besteht i. E. eine besondere Herausforderung darin, „zwischen den Prinzipien der traditionellen islamischen Gelehrsamkeit und heutigen akademischen Herangehensweisen zu vermitteln“ (9). Die Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten, Freiburg: Kalam, 2019 von Dina el Omari und Daniel Roters begreifen sie als „wichtige Vorarbeit“ und wollen grundlegende Fragen für das wissenschaftliche Arbeiten thematisieren sowie insbesondere „den Ablauf des Forschungsprozesses, die Methoden des Forschens und die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens“ (10). Zurecht vermerken die beiden auch, dass Forschungserfahrungen und Methodenkenntnisse am besten „durch das aktive Forschen und die schrittweise Anwendung von Forschungsmethoden“ erlernt werden (11). Diese Anmerkung scheint die Bedeutung des vorliegenden Buches auf treffende Weise auf den Punkt zu bringen.

Der Aufbau des Buches und die einzelnen Abschnitte erheben den Anspruch, umfassend in das Feld Islamischer Theologie einzuführen. In Teil I wird das Verhältnis von Wissenschaft und Theologie (19–43) bedacht, die Diskussion um den Begriff Islamische Theologie angerissen und in die derzeitige Entwicklung im deutschsprachigen Kontext eingezeichnet (45–54). Die Phasen eines Forschungsprozesses mit Vorbereitung (55–71), Planung (73–76), Analyse (77–80) und Präsentation (81f) finden ihren Platz in Teil II. Teil III stellt Methoden des Forschens vor, wobei textanalytische Methoden gut 35 Seiten erhalten (85–120) und empirische Verfahren fast 60 Seiten (121–179), bevor diese verglichen werden (181–190). Die Techniken des wissenschaftlichen Arbeitens, also Recherchieren (191–205), Lesen (207–225), Schreiben (225–245), Argumentieren (247–257) und Zitieren (259–280), werden in Teil IV behandelt.

Sejdini und Kolb wollen mit ihrer Darstellung außerdem noch „einen Grundstein zur Etablierung einer empirischen Theologie […] legen. Die Tradition der empirischen Theologie (Dinter / Heimbrock / Söderblom 2007) verfolgt grundsätzlich das Anliegen, dass theologische Reflexionen im engen Dialog mit empirischen Befunden und den alltagspraktischen Bedürfnissen der Gläubigen stehen sollen“ (11). Mit diesem Ziel wird ein Anliegen der Einführung sichtbar, das sich in der Vorstellung verschiedener Methodenschritte, der Beschreibung der Vorbereitung und dem Umfang einzelner Abschnitte niederschlägt. Mit dem Stichwort „empirische Theologie“ verorten sie sich an der Schnittstelle zwischen empirischer Sozialforschung, also einer qualitativer und / oder quantitativen Erhebung, Analyse und Beschreibung sozialer Wirklichkeiten, und einer textbezogenen Wissenschaft.

Wenn es um eine (christliche) Theologie in westlicher Tradition geht, ist dies in der Geschichte der Theologie fast ausschließlich bis in die (Post-) Moderne ein Umgang mit Quellen, die in großer Mehrheit schriftlich vorliegen. In der islamischen Tradition dominieren ebenso schriftliche Quellen, wenn es um philosophische oder rechtswissenschaftliche Fragen geht. Die Verortung an der Schnittstelle ist gut nachvollziehbar – „Evidenzbasierte Analysen sind demnach als wichtige Impulse zu sehen, um theologische Auseinandersetzungen zu veranschaulichen, sie lebensnah zu führen sowie sie zu befruchten und zu bereichern“ (11) – und leistet einen wertvollen Beitrag in dem Etablierungsprozess der Fachdisziplin, weil nicht zuletzt das Verhältnis von universitärem theologischen Forschen und Arbeiten zu den Glaubensgemeinschaften von großer Bedeutung ist. Die Einführung in evidenzbasierte Analysen ist gut nachvollziehbar und dank der Beispiele anschaulich. Die Verortung an der Schnittstelle ist mutig und mag zumindest für das Verhältnis zu den Glaubensgemeinschaften wegweisend sein. Für eine Einführung in das Arbeiten in der Islamischen Theologie, die nicht nur vom Titel, sondern auch von den einzelnen Abschnitten her einen umfassenden Anspruch erhebt, wäre es hilfreich, diese Verortung vertiefend zu reflektieren und die damit verbundenen Möglichkeiten und Grenzen (selbst-) kritisch zu beleuchten.

Bei der Beschreibung der Vorbereitung gewinnt man beispielsweise immer wieder den Eindruck, dass vor allem empirische Verfahren vor Augen stehen. Mit dem Gedanken, dass „Maßstäbe, die für standardisierte empirische Methoden vorgesehen sind, nicht ohne Weiteres an qualitative oder textanalytische Verfahren angelegt werden“ (29), wird deutlich, dass sich Sejdini und Kolb einschlägiger Unterschiede bewusst sind. Es ist aber bedauerlich, dass eine vertiefende Reflexion, wie sich beispielsweise Forschungsfrage und -ziel im Zuge einer Untersuchung vor allem bei textbasierten Zugängen auch grundlegend ändern können oder manche Forschungsfrage / – ziel erst unterwegs entsteht, leider nicht zu finden sind. Manche Betreuer von textbasierten Dissertation raten dazu, die Einleitung als letztes zu schreiben, um sicher zu stellen, dass man passenderweise erläutert, was schließlich – bei aller Planung, Festlegung einer oder mehrerer Forschungsfragen oder vorläufigen Gliederung – entdeckt und verschriftlicht wurde. Ich lese die folgenden Sätze auf S. 22 und ahne, was sie damit sagen wollen und vor allem, wovor sie junge Studierende bewahren bzw. wie sie ihnen helfen wollen: „Kann wissenschaftliches Arbeiten richtungslos und ohne festes Ziel erfolgen? Diese Frage ist klar zu verneinen. Ein erstes Merkmal von wissenschaftlichen Formaten ist also, dass Erkenntnisinteressen beschrieben und offengelegt werden müssen.“ Aber irgendwie scheint mir das nicht ganz zu ergebnisoffener, textbasierter Forschung zu passen, bei der Texte nicht nur die Forschungsfrage verändern, sondern auch verwerfen können, wenn man sich von den Texten etwas sagen lässt.

Diese kritischen Anmerkungen sollen nicht den Beitrag der Autoren, den sie zu einem Etablierungsprozess ihrer Disziplin leisten wollen, grundsätzlich infrage stellen. Nach der „Vorarbeit“ von el Omari und Roters ist hier wieder eine Wegstrecke zurückgelegt worden. Sejdini und Kolb ist es gelungen, Wichtiges gut darzustellen und insbesondere solides Handwerkszeug für empirische Fragestellungen anzubieten, grundlegende Fragen anzureißen und viele weitere Wege anzudeuten, die noch gegangen werden müssen. Es wird nicht die letzte Einführung dieser Art sein.


Heiko Wenzel, Research Fellow University of Pretoria