Systematische Theologie

Ulvi Karagedik: Hadithhermeneutik

Ulvi Karagedik: Hadithhermeneutik. Methoden, Grundlagen und Praxis, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2022, Pb., 316 S., € 35,–, ISBN 978-3-8252-5763-7


Die Bedeutung der Hadithe kann kaum überschätzt werden. Diese kurzen Erzählungen aus Muhammads Leben „beinhalten eine große Bandbreite an Informationen, die über Aussagen des Propheten zur religiösen Praxis oder zu Glaubensinhalten hinaus auch eine Vielzahl von geschichtlich relevanten Inhalten, beginnend bei Angaben zum Leben des Propheten sowie zu seinem Aussehen […] bis hin zu Berichten von Prophetengefährten […] und deren Nachfolgern zu bieten beanspruchen“ (75). In und mit diesen Erzählungen finden Muslime Wegweisung, wie sie Muhammads Leben in weichenstellenden Fragen von Glauben und Alltag folgen können, beispielsweise wie sie beten sollen.

Die Bedeutung der Hadithe wird nur von ihrer nahezu kompletten Marginalisierung in der westlichen Literatur und Reflexion über den Islam übertroffen. Das ältere Werk von Ignaz Goldziher, Muhammedanische Studien, 2 Bde., Halle: Niemeyer, 1888, 1890, jüngere Veröffentlichungen von Marco Schöller, die eine oder andere Übersetzung von ausgewählten Hadithsammlungen oder Hadithen und ein paar Werke zur Forschung zum Hadith ändern an dieser Realität wenig bis gar nichts. Das gilt auch und nicht zuletzt in der christlichen Literatur und Reflexion über den Islam. Ihre Bedeutung für die Begegnung mit Muslimen wird nicht nur unterschätzt; sie existiert in der Regel nicht. Auch die „innertheologische Auseinandersetzung mit dem Forschungsgegenstand des Hadiths steckt vor allem im deutschsprachigen Raum noch in den Kinderschuhen.“ Hier nimmt Karadegiks Arbeit seinen Ausgangspunkt, um danach „auf essenzielle Beispiele aus der einschlägigen fremdsprachigen Fachliteratur“ (24) einzugehen. So soll auch aufgezeigt werden, welchen Weg der deutschsprachige Raum noch vor sich hat. Nicht zuletzt merkt er einen Bedarf an „gegenwartsbezogener (und kritisch kommentierter) Hadithübersetzungen beziehungsweise Hadithsammlungen gerade in deutscher Sprache“ (29) an.

Nach einem Vorwort und einigen technischen Hinweisen (11–17) führt Karagedik in den Forschungsstand ein, identifiziert Forschungslücken und nennt seine drei Forschungsfragen (18–35): „Welche hermeneutische Methode eignet sich für den Umgang mit Hadithliteratur? […] Wie verlief der Umgang mit den Hadithtradierungen in der islamischen Wirkungsgeschichte und welche Folgen zeitigte er für das gegenwärtige Hadithverständnis? […] Wie lässt sich ein innovativer hadithhermeneutischer Ansatz in der Gegenwart (am Beispiel der Apostasietradierungen) konkret anwenden?“ (34f). Auf dem Hintergrund der drei Forschungsfragen ist gut nachvollziehbar, warum Karagedik sich nicht intensiver mit Arbeiten wie der von Christine Schirrmacher zur Apostasiefrage auseinandersetzt. Schirrmacher klammert „die fachspezifische Behandlung des Kernproblems in diesem Themenfeld – die theologisch eingehende Untersuchung und Auswertung der zugrunde liegenden Apostasiehadithe – ebenso aus […] wie die Frage nach einem innovativen theologischen Umgang mit diesen“ (32). Mit dieser Begründung wird gleichzeitig sehr anschaulich, welche Bedeutung die Hadithwissenschaften haben (können) und wie viel Arbeit auf diesem Gebiet, nicht zuletzt im deutschsprachigen Raum noch zu leisten ist.

In Teil A legt Karagedik einen „Entwurf einer gegenwartsbezogenen Hadithhermeneutik“ (37–70) vor. In der klassischen Hadithwissenschaft galt die Frage nach der Zuverlässigkeit der Tradenten ein besonderes Interesse und inhaltlich drehte sich vieles um mögliche Widersprüche und Abrogationen. Karagedik will umso stärker die Fragen nach dem Verständnis und dem Umgang mit den Inhalten in den Vordergrund stellen (38). Dazu schließt er sich vor allem Überlegungen von Hans-Georg Gadamer an. Vorurteile werden positiv verstanden, stellen die Gesamtheit der Lebenserfahrungen dar und sind von Urteilen („objektive Bestimmung der Sachlage“) zu unterscheiden. Vorurteile nähern sich dem Text in seiner Andersheit an, „lassen sich vom Text etwas sagen“ und können so revidiert oder modifiziert werden. Der zeitliche Abstand vom Text muss dann kein Hindernis sein, sondern kann produktiv für den Prozess des Verstehens werden. Er resümiert seine Überlegungen mit sieben Analyseschritten: Wahrnehmung; Stellenwert; Korrelation und Herausarbeitung der Kontexte; Wirkungsgeschichte und Konfrontation der Denkwelten; Sinn einer Überlieferung im Gesamten hinterfragen; Verschmelzung der Wirkungsgeschichten und Bezug zur Lebensrealität; Weiterdenken (69f). Diese Ausführungen wirken gut reflektiert, engagiert und lassen erahnen, dass Hadithe und moderne, westliche Lebensrealitäten miteinander ins Gespräch kommen können. Ob das Muslime oder gar eine größere Anzahl von Muslimen im Westen auch wollen und leben können, was Karagedik vorschlägt, werden wohl erst die kommenden Jahre und Jahrzehnte zeigen.

Teil B führt zunächst in wichtige Begriffe und damit verbundene Aspekte ein (71–110) und gibt danach einen Abriss, wie mit Hadithen im Verlauf der islamischen Geschichtsschreibung umgegangen wurde (111–181). Im Teil C werden diese Überlegungen und Darstellungen einem Praxistest unterzogen, indem die Apostasiefrage im Kontext von Religionsfreiheit diskutiert wird (183–213) und dann zwei Hadithe als relevant identifiziert und dann diskutiert werden (214–274): „Wer seine Religion wechselt, den tötet“ und „Es ist nicht erlaubt, das Leben eines Muslims zu nehmen, […] außer in einem der folgenden drei Fälle“ (Ehebruch, Mord und Apostasie). In Anwendung seiner Analyseschritte und vor allem mit der Herausarbeitung der Kontexte und der Wirkungsgeschichte stellt er Folgendes heraus: „Nachweise einer praktischen Umsetzung durch den Propheten fehlen, Inhalte erweisen sich als mit Kampfkontexten und Auslegungen verwoben, ihre Umsetzung von Ambivalenz und Uneinigkeit getragen. Aus diesem Grund blieb auch eine völlig klare Etablierung der Hinrichtung von Apostaten als Rechtsstrafe […] aus. […] Die Bezüge zwischen der Auslegung der Apostasiestrafe und geschichtlichen Ereignissen zeugen klar von deren Historizität“ (273).

Auf dem Hintergrund der Marginalisierung dieses Forschungsgegenstandes ist Karagediks Buch wertvoll und sehr zu empfehlen. Wer mit islamischer Literatur, insbesondere auch gelehrter oder technischer Literatur, nicht allzu vertraut ist, wird hier in wichtige Aspekte islamischer Zivilisation, Gelehrsamkeit und Praxis eingeführt. Die Verortung dieser überarbeiteten Fassung von Karadegiks Dissertation im wissenschaftlichen Diskurs rückt dann in den Hintergrund. Wem allerdings mancher gelehrter Diskurs bekannt ist, wird bereits der ursprüngliche Titel der Promotionsschrift Hinweise geben, was man mit diesem Buch in den Händen hält: „Hadithhermeneutik zwischen Tradition und Innovation: Eine wirkungsgeschichtliche Untersuchung der Sunna und die Anwendung einer neuen Hermeneutik am Beispiel von Apostasietradierungen“.

Es ist erfreulich, dass Karagedik diese Dissertation verfasst und Vandenhoeck & Ruprecht sie gedruckt hat. Sie reiht sich in die Reihe einiger weniger Arbeiten zu dieser wichtigen Literaturgattung im Islam ein. Der Bedeutung dieser Gattung für das Leben und Denken von Muslimen wäre es angemessen, wenn sich weitere Arbeiten in den nächsten Jahren dazu gesellen und mit den Überlegungen Karagediks auseinandersetzen.


Heiko Wenzel, Research Fellow University of Pretoria