Systematische Theologie

Markus Stohldreier: Prädestination

Markus Stohldreier: Prädestination. Entwicklung und Aktualität eines umstrittenen Begriffs, Stuttgart: Kohlhammer, 2025, Pb., 400 S., € 59,–, ISBN 978-3-17-045757-7


Markus Stohldreier wagt sich mit seiner systematisch-theologischen Studie in eines der weitesten und zugleich coram hominibus schwierigsten Felder der christlichen Theologie- und Dogmengeschichte. Das „decretum aeternum“ (vgl. Calvin, Inst. 3, 21–24 in der Endfassung von 1559) stellt vor die unausweichliche Frage nach der Verantwortlichkeit des Menschen und der Allmacht Gottes in Fragen der Heilsbestimmung und darüber hinaus. Wichtige Topoi, wie z. B. die Christologie, Soteriologie und Anthropologie der christlichen Theologie- und Dogmengeschichte sind entweder offensichtlich oder sublim mit dieser grundlegenden Fragestellung verbunden. Daher, vorneweg, lohnt sich die Lektüre dieses diachronisch angelegten Studienbuches in jedem Fall. Stohldreier verfolgt die groben Linienführungen ganz und gar klassisch über die biblischen Grundlagen (AT und NT), die Patristik, das Mittelalter und die Neuzeit bis zu den großen Entwürfen des 20. und 21. Jahrhunderts. Es handelt sich mit anderen Worten um einen großen „Wurf“, bedenkt man, wie weitläufig und zugleich tiefgründig die Thematik in der christlichen Theologiegeschichte der letzten 2000 Jahre verwurzelt ist. Bereits die antike Philosophie kannte die Frage nach menschlicher Verantwortung und göttlicher Allmacht in allen ihren Spielarten und entwickelte dementsprechend gedankliche Muster und Lehrmeinungen, die zu Schulbildungen führten.

Stohldreier beginnt mit der Feststellung aus dem Wörterbuch der philosophischen Begriffe, dass die Prädestination „in der Theologie die Lehre [ist], dass das menschliche Wollen vollständig durch Gott bewirkt und bestimmt wird“ (7). Diese Definition wirft Fragen auf, und leitet über zu der fundamentalen Unterscheidung von formaler und materialer Freiheit, wie sie z. B. Wilfried Joest et al. propagiert haben, im Rahmen der Besinnung über die menschlichen Möglichkeiten von finaler Heilsbestimmung und persönlicher Lebensgestaltung.

Wie es um diese Verhältnisbestimmung bestellt ist, ist von alters her umstritten. Kontroverse Diskussionen prägen das Sujet. Bereits das spätantike Christentum beschäftigte sich intensiv mit dieser Fragestellung. Augustinus entwickelte programmatisch in der Frühzeit der Theologie- und Dogmengeschichte eine systematische Prädestinationslehre, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind und immer noch rezipiert werden. Nach der kurzen Erörterung biblischer Aussagen kommt daher die Patristik mit ihren unterschiedlichen Auffassungen, wie z. B. die der Apostolischen Väter, sowie wichtiger griechischer und lateinischer Autoren zu Wort. Im frühen Mittelalter – so Stohldreier – kam es dann im 9. Jahrhundert zu einem großen Prädestinationsstreit, der von Gottschalk von Orbais ausgelöst wurde und daher behandelt wird.

Danach kommt die klassische mittelalterliche Tradition mit Autoren des 11. bis 13. Jahrhunderts zur Sprache (Anselm von Canterbury, Thomas von Aquin, Bonaventura und Duns Scotus) und daran anschließend Theorien des 14. und 15. Jahrhunderts, die teils noch in der scholastischen Tradition standen (Wilhelm von Ockham) und teils von den nachfolgenden Reformatoren als ihre eigenen „Vorläufer“ betrachtet wurden (John Wyclif, Jan Hus). Angemerkt werden muss, dass das Vorläufer- oder auch Wegbereiter-Konzept von der neueren reformationsgeschichtlichen Forschung mehrfach problematisiert wurde. Im Rahmen der Reformation werden die einflussreichen Theorien Luthers, Calvins und Melanchthons erwähnt. Folgerichtig behandelt Stohldreier die katholischen gegen- sowie die innerreformatorischen Kontroversen des 16. und 17. Jahrhunderts zur Sache. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf die Philosophie des 17. bis 19. Jahrhunderts gelegt, da diese Zeit durch einen fortschreitenden Prozess der Trennung von Philosophie und Theologie gekennzeichnet war und sich nun die Frage stellte, wie zunehmend „säkulare“ Philosophen die Prädestinationsproblematik traktieren und bewerten sollten (betrachtet werden Baruch de Spinoza, Gottfried Wilhelm Leibniz, Immanuel Kant etc.). Auf theologischer Seite herrschten im 18. Jahrhundert die inzwischen fixierten konfessionellen Positionen. Die Diskussion setzte erst im 19. Jahrhundert wieder erneut ein und stellte vor – man darf sagen – innovative theologische Auswege aus den althergebrachten Alternativen. Hierbei kommt Schleiermachers bedeutendes Werk zur Sprache, aber auch Johann Adam Möhlers Theorie als gewichtiger katholischer Beitrag und die teilweise schwer zu deutenden Ausführungen Søren Kierkegaards mit ihrer spezifischen Betonung des menschlichen Freiheitsbegriffs.

Auf die Entwicklung des 20. und 21. Jahrhunderts hatte Karl Barths praeter propter „universalistische“ Prädestinationslehre maßgeblichen Einfluss. Henri de Lubac als katholisches Pendant nahm bereits wichtige Elemente von Barths Lehre voraus und wird deshalb – nicht streng chronologisch – vor dieser behandelt. Anschließend werden noch diverse Auseinandersetzungen zu Barth erörtert, sowie die Frage nach Neuansätzen und die für die neuzeitliche Ökumene bedeutsame „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ (GER). Im Rahmen der weiterführenden ökumenischen Überlegungen zu diesem Topos (345f) wäre ein Hinweis auf die grundlegenden Arbeiten von Edmund Schlink unter Umständen hilfreich gewesen. In Ökumenische Dogmatik. Grundzüge. 4. Aufl.,Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2005, 793–804, ganz am Schluss bietet er unter dem Titel „Der Liebesratschluß Gottes“ eine konzise Zusammenfassung der Problematik aus der Sicht interkonfessionell-ausbalancierter, Syllogismen überwindender neuzeitlicher Theologie. Innerhalb einer inserierten Zusammenfassung mit der Überschrift „Gottes Gnadenwirken und das menschliche Tun“ findet sich daneben ein nach wie vor lesenswerter kurzer historischer Überblick zu den theologie- und dogmengeschichtlichen Konturen seit Augustinus und Pelagius, der die Entwicklung bis in das 17. Jahrhundert nachzeichnet (471–474).

Zu den behandelten Themen bei Stohldreier kommen jeweils am Ende des Abschnittes „Anregungen für die heutige und zukünftige Diskussion“ zur Sprache. Sie beenden jedes Kapitel stringent. Dies ist ein Spezifikum dieser Studie, das konsequent und vorbildlich durchgehalten wird. Hierin liegt m. E. die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche der Studie, da sie hierdurch Gegenwartsrelevanz avanciert und voraussetzt, aber auch die Frage nach der Anschlussfähigkeit theologischer Topoi aus längst vergangenen Tagen neu stellt.

In allen Detailzeichnungen ist die Grundthese tragend, dass unter Zugrundelegung des biblischen Befundes die Annahme einer „doppelten Prädestination“, die gerne und landläufig mit Johannes Calvin und der reformierten Orthodoxie verbunden wird, aufgegeben werden muss. Die Conclusio lautet: Das individuelle Schicksal der Gläubigen entscheidet sich erst im endzeitlichen Gericht und nicht zuvor in metaphysischen Spekulationen. Die zentralen Aussagen hierzu werden scholastisch-thesenartig – man wird unweigerlich an die konkludierenden „Stellingen“ in niederländischen Dissertationen erinnert – am Ende beigegeben (348–357). Die analytische Auffassungsgabe ist hierbei gefordert und hilft bei der Synthese der schwierigen Thematik und ihrer Divergenzen.

Eine fundamentale Differenzierung zwischen den Begriffen „Prädestination“ und „Erwählung“ aufgrund der biblischen Sprachbasis ist notwendig und erhellend, um vorhandene Missverständnisse zu vermeiden, so Stohldreier (357f). Diese Beobachtung ist sicher richtig, entlässt aber nicht aus der Generalaufgabe der Philosophie/Theologie, biblische oder auch religiöse Grundbegriffe in universelle Theologumena zu überführen, die dem menschlichen Abstraktionsdrang und der hiermit verbundenen begrifflichen Klärung der Termini entgegenkommt. Calvin lässt wiederum grüßen, der in juristischer Manier die Eindeutigkeit und Präzision theologischer Termini zu bestimmen suchte (im Bewusstsein, dass menschliche Sprache immer nur vorläufig göttliche Mysterien zu verhüllen mag).

Betrachtet man die getroffene, umfangreiche Literaturauswahl, fällt auf, dass neben der aktuellen und international ausgewerteten wissenschaftlichen Literatur auch weniger bekannte oder ältere Titel hin und wieder zitiert werden. Dies muss kein Manko sein, sollte aber zumindest bedacht werden. Im Fall der extensiv genutzten patristischen Literatur liegen jedoch des Öfteren aktuellere wissenschaftliche Editionen vor, die über die überkommenen, immer noch verdienstvollen Editionen von Jacques-Paul Migne der Patrologia Graeca (PG) oder auch Patrologia Latina (PL) hinaus gehen. Insbesondere im Hinblick auf die Prädestinationsthematik muss jedoch auf die Mignes Mammutprojekt zugrundeliegende, zuweilen tendenziöse Mauriner-Ausgabe hingewiesen werden. Bedenkt man nur die politisch angespannte Lage der Zeit, stand doch schnell die Vermutung im Raum, die neue Edition der „Väter“ wäre jansenistisch angehaucht. Immerhin versuchten die gallikanisch orientierten Jansenisten, ihre verworfene Gnaden- und Erwählungslehre mithilfe der Lehren des Augustinus zu rehabilitieren.

Schwierig zu beantworten ist die Frage, ob historische Theorien, insbesondere zur Prädestinationssauffassung oder auch anderen Loci, immer anschlussfähig sind oder sein müssen. Schaut man z. B. nur genauer die scharfen, vielschichtigen Kontroversen des 9. Jahrhunderts um Gottschalk von Orbais und seiner Lehre von der „gemina praedestinatio“ an (55–60) – den nachhaltigen Begriff entlehnte er wohl Isidor von Sevilla – so erscheint eine mögliche Anschlussfähigkeit hier als sehr fragwürdig. Es bleibt stattdessen die den modernen Leser zutiefst verstörende Fremdheit und Distanz zu Leben, Lehre und Schicksal Gottschalk des Sachsen zurück.

Die Studie bietet, wie bereits angedeutet, einen großen und wertvollen Überblick ad locum an. Auf Kosten einer solchen „Reise“ durch die christliche Theologie- und Dogmengeschichte bleiben Details jedoch manchmal auf der Strecke. Dies zu kritisieren ist jedoch kleinlich. Der Generalüberblick entfaltet die großen Zusammenhänge der christlichen Prädestinationsauffassung und ihr kontroverstheologisches und konfessionelles Potential. Zu beachten ist noch der grundlegende Unterschied zwischen Ost- und Westkirche, hat doch die Erstere keine lehramtliche Definition entworfen, deren Fixierungen wahrscheinlich zu Spaltungen und erbitterten Auseinandersetzungen geführt hätten, wie im Fall der lateinisch-westlichen Tradition.

Das klassische Lehrbuch glänzt durch seinen Lehrbuchcharakter und den Verdienst, die „Aktualität“ eines alten, umstrittenen Begriffes neu hervorzuheben. Die Frage bleibt dabei bestehen, ob die ideengeschichtlichen Prämissen und die historischen Mikrokontexte immer aktualisierbar sind und sein müssen. Nur am Rande sei angemerkt: Register zum Erschließen der weiten Materie wären hilfreich gewesen.

In Summe: Letztlich bleibt der Eindruck zurück, dass das gut und flüssig zu lesende Lehrbuch laviert zwischen dem Fachgebiet der Systematischen Theologie und der Historischen Theologie, die hinter der Entwicklung der großen „Systeme“ nach zeitgebundenen Lebenswelten und zeitgenössischen Denkmustern fragt, die nicht immer ohne Weiteres für heutige Leser nachvollziehbar, geschweige denn übertragbar sind.


Dr. Thomas Klöckner, Pastor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Kaiserslautern, Habilitationsprojekt in Arbeit an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Johannes Gutenberg-Universität Mainz