Systematische Theologie

Oswald Bayer: Vernunft und Vertrauen

Oswald Bayer: Vernunft und Vertrauen. Zur Grundorientierung lutherischer Theologie, Theologische Bibliothek Töpelmann 200, Berlin: De Gruyter, 2022, geb., 628 S., € 139,95, ISBN 978-3-11-076823-7


Beim Lesen von Oswald Bayers Vernunft und Vertrauen hält reformatorische Frischluft Einzug. Der 38 Aufsätze umfassende Sammelband des emeritierten Tübinger Systematikers enthält ein breites Spektrum an dogmatischen, ethischen und religionsphilosophischen Überlegungen. Geeint werden die Texte durch die im Untertitel des Werkes angesprochene lutherische Grundorientierung: Immer geht es „um das, worauf es in der Theologie ankommt: um den Vorlauf dessen, der mich samt allen Kreaturen so anredet, daß ich ihm vertrauen, mich auf ihn hin verlassen kann“ (VI). Spezifisch lutherisch ist diese Orientierung in dem Sinne, dass sie sich mit Luther konsequent an der Selbstzusage Gottes, „Ich bin der Herr, dein Gott!“ (Ex 20,2) als „Inbegriff allen Versprechens“ (VII) orientiert.

Das Werk gliedert sich in 5 Teile, von denen die Aufsätze in Teil I: Aufmerken und Nachdenken (3–54) dem ausgangspunktgebenden Verständnis des Gesamttitels Vernunft und Vertrauen gewidmet sind (V). Vernunft ist für Bayer sprachlich verfasste, „mitgeteilte Gabe“ (V). Sie verdankt sich einer vorausgehenden Anrede, die dem Menschen von außen her zukommt. Diese Anrede ist in ihrer äußersten Weite die „durch Gottes allmächtiges Wort geschaffene Wirklichkeit“ (22). Schöpfung ist „Rede an die Kreatur durch die Kreatur“ (22), in welcher der Schöpfer sich selbst dem Geschöpf mitteilt, ja sich selbst verschenkt. Die naturgemäße Antwort auf diese Gemeinschaft stiftende Anrede ist das Gottvertrauen: „Wenn die Sünde nicht wäre, bestünde kein Unterschied zwischen Glaube und Vernunft“ (23). Diese Einheit erstirbt jedoch durch die Sünde, in der die Vernunft ihre „bleibend aufs Hören angewiesene Endlichkeit verleugnend“ (24) zur Unvernunft wird. Doch schafft Gott dem Menschen einen Ausweg, indem er ihn erneut anspricht, ja sich ihm selbst verspricht, wie in der eingangs aufgegriffenen Selbstzusage aus Ex 20,2, die uns im Leben und Sterben von Jesus – dem „Gott mit uns“ (5) – ein für alle Mal nahegekommen ist, um uns zurück in die vertrauensvolle Beziehung mit ihm zu rufen.

In Teil II: Wahrnehmungen des Wortes (77–173) finden sich daran anschließend Aufsätze zur Reflexion über den Umgang mit dem Wort Gottes, in denen Bayer vor allem Luthers Theologie des schöpferischen Gotteswortes, geprägt von seinem Umgang mit Johann Georg Hamann, aufnimmt und kontemporär verantwortet (V). Immer wieder plädiert Bayer für eine Wiedergewinnung der lutherischen Trias des Theologie Treibens – oratio, meditatio und tentatio – wobei er den theologischen Studienbetrieb bewusst innerhalb der meditatio, der Textmeditation der Schrift verortet (98). Er stellt sich damit entschieden gegen die Tradition des Neuprotestantismus, deren beim Menschen statt beim geschriebenen Text ansetzende Hermeneutik er als eine „Hermeneutik des Rückgangs“ (101) kritisiert. Dagegen sei unbedingt die „Subjektstellung der Heiligen Schrift“ (103) wieder zu beachten. Die besagte Trias hat dabei für Bayer ausdrücklich Potenzial, als „Brücke“ (111) zwischen lutherischer Orthodoxie und lutherischem Pietismus zu fungieren, worin wiederum ein erfreuliches Verständigungsmoment für die evangelikale Theologie liegt.

Teil III: Öffentliches Geheimnis (177–299) konzentriert sich auf christologische und soteriologische Schwerpunkte (V). Namensgebend für den Abschnitt ist die vor allem in den ersten drei Aufsätzen durchgeführte Reflexion über das Ineinander von bereits öffentlich gewordener Offenbarung und (noch) bestehenbleibendem Geheimnis Gottes im Heilswerk von Jesus. In kritischer Auseinandersetzung mit dem mystischen Schweigen vor Gott betont Bayer die freie, kondeszendente Selbstmitteilung Gottes, der seinem eigenen Bilderverbot zum Trotz „sich selbst ein definitives Bild gemacht hat“ (184). Diese Selbstoffenbarung Gottes darf aber im Anschluss an Luther und Hamann nicht einseitig, triumphalistisch falsch verstanden werden. Noch ist der Glaube eben nicht „jedermanns Ding“ (210) und auch die Glaubenden leben im Glauben, nicht im Schauen. So bleibt das Geheimnis der Verstockung, des Bösen und der Verborgenheit Gottes bis zu ihrer Aufhebung im Eschaton bestehen (209). Während diese, uns anfechtenden, Geheimnisse jedoch aufgehoben werden, gibt es ein Geheimnis, das ewig bestehen und zu bestaunen bleiben wird: das Geheimnis der Liebe Gottes (213).

Die Aufsätze in Teil IV: Glaube und Vernunftkritik (303–369) widmen sich dann explizit dem Denker, der bereits in den vorangegangenen Aufsätzen ein steter Gesprächspartner gewesen ist: Johann Georg Hamann. In vier Aufsätzen rezipiert Bayer Hamanns zeitgenössische Metakritik an Kants Kritik der reinen Vernunft. Im Kern steht dabei die, uns bereits von Bayer bekannte, Sprachlichkeit des Denkens: „alle Begriffe sind […] sprachlich, beruhen daher auf Erfahrung“ (306). Bayer gibt nicht nur einen pointierten Überblick über die Hauptmomente von Hamanns Denken, sondern legt auch immer wieder die lutherischen Denkvoraussetzungen Hamanns offen, der ausdrücklich die Idiomenkommunikation als hermeneutischen Schlüssel für sein Denken in Anspruch nahm (331). Wer sich selbst einmal an den nur mühsam zu lesenden Texten Hamanns versucht hat, wird diesen Dienst Bayers zu schätzen wissen.

Teil V: Gott und Gabe. Theologie in der Schule Luthers (373–521) legt den Fokus auf die Gotteslehre und „den Gabecharakter dessen, worauf es ankommt“ (VI). Bayer wirbt um eine präzise, zeitgenössische Aufnahme lutherischer Theologie, die von der gegenwärtigen Kirche „keineswegs eingeholt“ (518) sei, ja vielmehr wiedergewonnen werden müsse. Das zeitgenössische Schweigen der Kirche von Gottes Gericht „verharmlost“ (514) seine Liebe. Nur durch eine Wiedergewinnung der klaren Unterscheidung (und des gegenseitigen Bezugs) von Gesetz und Evangelium wird der Mensch frei von der Gesetzlichkeit der Neuzeit, die in ihrer „Verallgemeinerung des Evangeliums“ (459) zunächst antinomistisch sei, dem Menschen aber in der Konsequenz aufbürdet, nun aus sich heraus eben auch „frei, gut und spontan“ (460) zu sein.

Bayer kostet die Anstößigkeit lutherischer Theologie im vorliegenden Band voll aus; schreckt auch vor unliebsamen Themen wie dem Zorn als notwendiger Kehrseite der Liebe Gottes (246) oder der Unfreiheit des Willens als Konsequenz der geschenkten Existenz des Menschen (238) nicht zurück. Beliebte Sparringspartner wie Schleiermacher und der ihm folgende Neuprotestantismus werden immer wieder scharf, aber sachlich kritisiert.  Gleichzeitig demonstriert Bayer selbst die Fruchtbarkeit seines eigenen Ansatzes. Seine entschiedene Treue zur lutherischen Textmeditation hält ihn auch bei schwierigen Fragen – etwa der nach der Hoffnung auf Allversöhnung (255f) – davon ab, die erwünschte Aussage gegen den Text zu postulieren. Angesichts dessen kann man seinen ausdrücklichen Wunsch, die Theologie möge durch oratio, meditatio und tentatio ihre „genuine Prägung“ (VII) wiedererlangen, nur begrüßen. Gerade Studenten und Pastoren sei der Blick in die inzwischen erschienene Paperback Ausgabe (2024, € 29,95, ISBN 978-3-11-153093-2) ans Herz gelegt. Man wird mit gewinnbringendem Material für Theologie, pastorale Praxis und Apologetik belohnt.


Timo Lueg ist Pastor in Freiburg im Breisgau