Historische Theologie

Justus Samuel Scharschmid: Eine Autobiographie

Justus Samuel Scharschmid. Eine Autobiographie, hrsg. von Sebastian W. Stork in Zusammenarbeit mit Thomas Hübner, Hallesche Quellenpublikationen und Repertorien 16, Halle: Verlag der Franckeschen Stiftungen; Wiesbaden: Harrassowitz Verlag, 2025, geb., 285 S., € 68,–, ISBN 978-3-447-11082-2


Wer das hier zu besprechende Buch in die Hände bekommt und nur einige Seiten liest, wird gewiss an eine Jugendlektüre erinnert: Jules Vernes „Der Kurier des Zaren“ – mit dem Unterschied, dass es sich hierbei nicht um einen Roman, sondern um ein Tagebuch – oder besser: einen Reisebericht bzw. eine Autobiographie handelt, die erst nach den beschriebenen Ereignissen zusammengestellt wurde.

Um den Autor und die beschriebenen Ereignisse historisch einzuordnen: Justus Samuel Scharschmid (1664–1724) gehörte zu den Vertretern der ersten pietistischen Bewegung in Leipzig, die im Jahr 1689 für Aufsehen gesorgt hatte, und war seit dieser Zeit mit August Hermann Francke verbunden. Im Jahr 1694 wurde er auf Empfehlung Philipp Jakob Speners zunächst Hauslehrer in Königsberg, wo der fromme Holzkümmerer Theodor Gehr lebte, der mit Spener in engem Briefkontakt stand. Bald folgten weitere Hauslehrertätigkeiten und Besuche u. a. in Dorpat, Riga, Narva, bevor Scharschmid nach Moskau kam (1697). Die einzelnen Stationen können hier nicht aufgezählt werden. Eine Rückreise nach Deutschland mit dem Ziel, sich ordinieren zu lassen, entwickelte sich als mühsam, so dass er erst im Jahr 1700 in Berlin seine Ordination erhalten konnte.

Zurück in Moskau währte sein Aufenthalt nicht allzu lange, denn weitere Reisen führten ihn weiter nach Osten, u. a. nach Kasan und Astrachan, um nur die bekanntesten Orte zu nennen. In den Jahren 1703 bis 1716 wechselte er im russischen Reich häufig die Dienstorte als Pastor. Dabei kehrte er mehrfach nach Kasan und Astrachan zurück und hielt sich immer wieder in Moskau auf. Zeitweise war er Feldprediger (in Smolensk und Kiew) und Pastor in den Eisenwerken Ugodka. Im Jahr 1716 kehrte Scharschmid über Königsberg, Danzig und Berlin zunächst in seine Heimatstadt Quedlinburg zurück, bevor er Ende 1718 Pastor in Halle wurde. 1724 verstarb er ebenda.

Dieser Reisebericht bietet dem Leser neben den teilweise abenteuerlichen Erfahrungen (zu Land und zu Wasser) vor allem zwei wichtige Einblicke: Der erste ist kirchenhistorischer Art. Die Verbindungen August Hermann Franckes und des Franckeschen Waisenhauses nach Russland sind ein fester Bestandteil der Darstellungen des Hallischen Pietismus. Eine wesentliche Quelle dafür ist jeweils der Bericht Scharschmids. Nun liegt die Quelle als eigene Edition vor. Damit wird ein Blick hinter das Bild einer kirchenhistorischen Beschreibung gewährt. Freilich handelt es sich hierbei auch nicht um ein Tagebuch, das gewissermaßen in der beschriebenen Situation selbst verfasst ist, sondern um einen nachträglich zusammengestellten Reisebericht (Autobiographie), der zudem aus zwei unterschiedlich langen Überlieferungen besteht (dazu unten mehr). Es lässt sich nicht erkennen, dass der Bericht ursprünglich für eine Veröffentlichung gedacht war. Dies macht ihn recht authentisch. Auf jeden Fall wird deutlich, dass die „Russlandarbeit“ des Franckeschen Waisenhauses (zumindest in der Zeit Scharschmids) keine feste strukturierte „Organisation“ war, die für Menschen, die dorthin kamen, verantwortlich gewesen wäre. Nichtsdestotrotz verstand sich Scharschmid als Vertreter des Pietismus, wie er ihn in Leipzig, Erfurt und Halle erlebt hatte. Ebenso wurde er auch von den lutherischen Pastoren in den Städten, in die er kam, als solcher wahrgenommen – und beargwöhnt. Seine Rückreise nach Berlin, die sich durch unterschiedliche Vorkommnisse sehr in die Länge zog, war unter anderem dadurch veranlasst, dass Schar sich als ordinierter lutherischer Geistlicher beauftragen und berufen zu lassen.

Der zweite Einblick, der durch die Beschreibung gewährt wird, ist theologischer Natur. Dass Scharschmid nach gut Hallischem Muster recht rigorose ethische Einstellungen vertrat, sei nur am Rande vermerkt. Auffallend ist vor allem aber die Art und Weise, wie sich das Thema „Berufung“ bei seinen Reisen und Aufenthalten zeigt. Immer wieder wusste er sich – auch nach nur kurzem Aufenthalt an einem Ort, an dem er sich gerade befand – in eine andere geistliche Aufgabe berufen, die er glaubte, nach dem Willen Gottes annehmen zu müssen. Dabei kam es mehrfach vor, dass er noch auf dem Weg an den Ort, an den er berufen worden war, eine neue „Berufung“ erfuhr, die er – als „Zwischenstopp“ – annehmen zu müssen glaubte. Ob dies am Charakter Scharschmids oder an der Frömmigkeit, durch die er geprägt war, lag, mag dahingestellt sein. Auch wenn damit die Aufgabe einer Rezension überschritten wird, lässt sich am Leben Scharschmids die volatile Frage nach der Göttlichkeit von Berufungserfahrungen erkennen.

Was bietet der Band? Der Text der Autobiographie Scharschmids wird nach der „Berliner Version“ dargeboten (1–178). Es handelt sich hierbei um eine Handschrift aus der Berliner Staatsbibliothek (Quelle B), die mehr als doppelt so lang ist wie eine weitere Handschrift, die im Archiv der Franckeschen überliefert ist. Die Länge der ersten Version, die auf Grund umfassenderer Darstellungen und ausführlicherer Zitate aus anderen Dokumenten resultiert (XVI), kann als Argument angesehen werden, diese Version als Grundlage für die Edition zu nehmen, obwohl im Vorwort mit Gründen dargelegt ist, dass die Version in Halle (Quelle H) von Scharschmid selbst zusammengestellt wurde (XVI). Der Vergleich beider Quellen zeigt, dass es nur wenige und kurze identische Textpassagen gibt, die deutlich werden lassen, dass sie unabhängig voneinander entstanden sind (XV). Der Text selbst enthält zahlreiche Texte, unter anderem Briefe aus der Korrespondenz mit Spener, und andere Dokumente. Als Anhang sind sechs „ergänzende Dokumente“ veröffentlicht (179–194), auch die deutsche Übersetzung eines Briefes und eines Rechtsgutachtens, die in der Autobiographie im lateinischen Original aufgenommen sind. Ein chronologischer Lebenslauf Scharschmids (195–196) ist eine weitere hilfreiche Ergänzung. Eine Skizze der Reiseroute(n) Scharschmids, die dem Leser zur besseren Einordnung geholfen hätte, fehlt leider. Neben den notwendigen Quellen- und Literaturverzeichnissen und den Personen- und Ortsregistern sind schließlich noch ein „Verzeichnis der von Scharschmid zitierten Dokumente“ und ein Glossar in den Band aufgenommen.

Die Kommentierung ist recht knapp gehalten. Es ist nachvollziehbar, dass nicht alle erwähnten Personen identifiziert werden konnten. Verweise auf Dokumente, die im Archiv der Franckeschen Stiftungen überliefert sind, werden, wenn sie sich anbieten, vorgenommen. Eventuell hätte man hier jedoch nicht nur die Archivsignatur angeben können, sondern auch eine knappe inhaltliche Zusammenfassung des für die kommentierte Aussage relevanten Abschnittes. Am Anmerkungsapparat war „in starkem Maße und in verschiedener Hinsicht“ Thomas Hübner beteiligt, der vor allem die theologischen und philologischen Fragestellungen bearbeitete, zudem weitere Stücke (Glossar, Verzeichnis der zitierten Dokumente) beisteuerte und die Transkription durchsah (IX). Druckfehler u. ä. können hier nicht umfassend angemerkt werden (Beispiele: fehlendes „der“ vor „Gründung“ in Anm. 32 und „Badeborn“ statt „Badborn“ in Anm. 49).

Der Band ist sowohl wegen seiner kirchenhistorischen Einsichten als auch als Autobiographie eines Pioniers der pietistischen Frömmigkeit im weiteren Russland anregend zu lesen.


Dr. theol. Klaus vom Orde, Halle (Saale)