Frank Lüdke / Torsten Uhlig (Hg.): Herz und Hand vereint zusammen
Frank Lüdke / Torsten Uhlig (Hg.): Herz und Hand vereint zusammen. Soziale Verantwortung im Neupietismus, Pietas et Scientia 3, Freiburg: WBG Academic / Herder, 2026, geb., 194 S., € 42,–, ISBN 978-3-534-64300-4; E-Book € 32,99, ISBN 978-3-534-64301-1
Im vorliegenden Band haben Frank Lüdke und Torsten Uhlig die Vorträge des 8. Symposiums der Forschungsstelle Neupietismus an der Marburger Evangelischen Hochschule Tabor (Februar 2023) zusammengestellt. Der Kongress stand unter der Leitfrage: Welche Rolle spielt die soziale Veranwortung im neupietistischen Segment des Protestantismus? (Einleitung, 7). Sozialdiakonische Unternehmungen waren seit dem 19. Jahrhundert im Rahmen der Inneren Mission mit evangelistischen Bemühungen besonders um die gesellschaftliche Unterschicht verbunden. Werkzeug dieser Aufgaben war der 1897 als Sammelbecken gleichgesinnter Kräfte gegründete Deutsche Verband für Gemeinschaftspflege und Evangelisation. Das sozialdiakonische Engagement stand allerdings nicht an erster Stelle, wie schon der Name des Verbands deutlich macht (Einl., ebd.). Das Symposium hat sich deshalb zum Ziel gesetzt, den Ort diakonischer Anstrengungen in den neueren pietistischen Gruppierungen näher zu bestimmen (Einl., 7–8).
Nach der Einleitung von Frank Lüdke sind die folgenden elf Beiträge veröffentlicht: Bischöfin Beate Hofmann, Kassel: „Diakonische Arbeit als missionarische Gelegenheit?“ (11–20); Frieder Schaefer, Bildungscampus Malche: „Zum Verhältnis von Diakonie und Evangelisation in der Gemeinschaftsbewegung vor dem Hintergrund der Anliegen Wicherns“ (21–40); Prof. Frank Lüdke, Tabor: „‚Die Hauptsache ist, dass die Hauptsache die Hauptsache bleibt!‘ Zum Verhältnis von Diakonie und Evangelisation im deutschen Gemeinschaft-Diakonieverband“ (41–50); Prof. Ruth Albrecht, Hamburg: „Diakonissen in der Literatur des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts“ (51–89); Prof. Norbert Schmidt, Tabor: „Mission und soziale Verantwortung als Thema des Lausanner Kongresses 1974 und seine (Nicht-)Rezeption in der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung“ (91–100); Prof. Bianca Dümling, Tabor: „Diakonisches Handeln in und von evangelisch-charismatischen Migrationskirchen in Deutschland“ (101–110); Dekan Prof. Johannes Zimmermann, Vaihingen/Enz: „Diakonische Herausforderungen für die Gemeinschaftsbewegung in der ,Gesellschaft der Singularitäten‘“ (111–122); Präses Steffen Kern, Kassel: „,Eine schöne Erinnerung an die Zukunft‘. Hoffnung als Leitbegriff ekklesialer Existenz zwischen Eschatologie und Ethik“ (123–136); Kirchenrat i. R. Dr. Werner Schmückle: „Elias Schrenk und die Frage nach den Wurzeln und der Prägung der von ihm praktizierten Evangelisation“ (127–153); Pastor Karl Heinz Voigt, Bremen: „Der württembergische Pietismus und die Anfänge Gnadaus“ (155–173); Prof. Eduard Ferderder, Bad Liebenzell: „Fluch oder Segen? Die Berliner Erklärung von 1909 als ein überbewertetes Dokument“ (175–192). – Die drei am Ende des Bandes abgedruckten Beiträge von Schmückle, Voigt und Ferderer beziehen sich nicht auf das Kongressthema, sondern auf vorangegangene Publikationen der Marburger Hochschulreihe (10).
Die acht Aufsätze zum Thema Soziale Verantwortung im Neupietismus können in einer einzigen These zusammengefasst werden: Gemeinschaftsarbeit und Evangelisation hatten immer Priorität, sowohl im Selbstverständnis als auch im Handeln neupietistischer Gruppierungen. Diese Überzeugung drückt sich in der bekannten Formulierung aus, dass „die Hauptsache die Hauptsache bleiben“ solle (vgl. 41) und Seelenrettung, „kein Allotria“ (ebd.), der Auftrag sei. Im diakonischen Bereich hieß das mit einem Löhe-Zitat: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf“ (ausführlich 68).
Auch diakonisch-soziale Einrichtungen hatten eine evangelistische Komponente, die als wichtigster Teil der Arbeit empfunden wurde: Menschen für den Glauben an Jesus und somit für das ewige Heil zu gewinnen und dann der Gemeinschaft der Gläubigen zuzuführen. Zugrunde lag dieser Handlungsweise die Überzeugung, dass durch die christologische Ausrichtung der sozialdiakonischen Arbeit alle Lebensbereiche des Menschen aus einem neuen Blickwinkel verstanden werden und Hilfe in ganzheitlicher Dimension verwirklicht wird.
So wird das diakonische Wirken der Diakonissen in pflegerischen und Erziehungsberufen nur von der Glaubensüberzeugung der Schwestern her richtig eingeordnet. Dies wird am umfangreichsten Beitrag der Sammlung aus der Feder der Hamburger Pietismusforscherin Ruth Albrecht deutlich (51–89). Sie arbeitet heraus, wie vielfältige Aspekte der Betätigung von Diakonissen (historisch oft auch „Diakonissinnen“!) in verschiedenen literarischen Gattungen thematisiert wurden (51). Ihr Engagement durchdrang die Gesellschaft und führte dazu, dass die als vorbildlich erlebte Schwestern-Arbeit zu neuen Berufungen und somit zu kontinuierlicher Erneuerung des Diakonissenstandes führte (52). Eine tendenziöse „Heldinnengeschichtsschreibung“ im „Bild einer idealen Diakonisse“ konnte natürlich nicht ausbleiben (54) – doch welche mitfühlend-empathischen Darstellungen christlicher Lebens- und Berufsbilder kommen ohne Klischees aus? Man sollte dem mündigen Leser durchaus zutrauen, kritisch solche Elemente zu erkennen.
Immerhin waren im Deutschen Reich um 1912 etwa 188.000 DiakonissInnen tätig! So musste es auf der anderen Seite auch negative Erfahrungen geben, und „Kritische Blicke“ wurden „auf Diakonissen und Mutterhäuser“ (78–87) geworfen. Doch findet man umgekehrt auch Kritik, die von Diakonissen ausgeht. Paula Keding, Diakonisse in der Großstadt Berlin, beklagte außergewöhnlich und unverhohlen sozialkritisch die Tendenz von Standespersonen, sich – noch vor Erfindung der social media – im Kontext der Armenhilfe öffentlich als reiche Gönner zu inszenieren, ohne selbst je auch nur eine Hand anzulegen:
„Ihr törichten Mitbrüder und Mitschwestern alle, ihr, die ihr aus einer Scheinfreude zur anderen jagt, hört und glaubet mir, daß keine Freude so groß, so beseligend und so rein und dauernd ist, wie die, welche selbstlose Taten der Nächstenliebe uns bereiten. Ihr schwärmt in allen Tönen von unvergleichlichen Sonnenuntergängen im Gebirge, am Meer, oder gar am Nordkap, ach, ihr Armen, die ihr wähnt, daß es nichts Schöneres gebe! Ich sage Euch, ein einziger Blick aus einem gequälten Menschenantlitz ist mehr wert als alles andere.“ (Großstadtkind, 22)
Wahrscheinlich wusste die Verfasserin nicht, dass sie mit dieser Feststellung der Schönheit von Gott erwählter Menschen am Rande der Gesellschaft das Zentrum christlicher Kreuzestheologie in augustinisch-lutherischer Tradition markiert, das Martin Luther in der 28. These aus der Theologie seiner Heidelberger Disputation von 1518 beschrieben hat (WA 1, 365, 1–20).
In diesem Zusammenhang kann man darauf hinweisen, dass mit der Diakonissenberufung eigentlich nur eine Variante des in der Alten Kirche hoch geschätzten „Standes“ der Jungfrauschaft geschaffen wurde. In einer gewissen evangelischen Betriebsblindheit werden die im Katholizismus als grundlegend verstandenen Aussagen bei Paulus (1Kor 7,25–40) ebenso gerne ausgeblendet wie die Tatsache, dass es mit der Einsegnung unverheirateter Missionarinnen seit etwa 150 Jahren eine modernisierte evangelische Variante des „Standes“ römisch-katholischer Missionsschwestern gibt: Kontinuitäten durch die Jahrhunderte.
So eröffnet der Aufsatzband viele neue Ein- und Durchblicke bei einem ganzen Bündel von Diakonie-Themen, die keineswegs erschöpfend, aber ansprechend und mit Erkenntnisgewinn zu lesen sind. Leider wird auf das Verhältnis neupietistischer institutioneller Diakonie zur informellen oder gemeindlichen nicht-institutionellen Diakonie – die oft von der Seelsorge nicht zu trennen ist –, nur im Essay über die Migrationskirchen eingegangen (101–110). Die reformatorische Erkenntnis, dass jeder Christ die evangelistischen Liebeswerke nicht erst nach einer speziellen Beauftragung und Einsegnung, sondern zuallererst schon in seinem „Stand“ am Arbeitsplatz oder in Haus und Hof ausübt und ausüben soll, – diese wichtige Dimension des Themas hätte ausführlicher in ihrem Verhältnis zur institutionellen Diakonie behandelt werden sollen.
Zuletzt ist noch anzumerken: Der gewählte Schriftgrad und das Großoktav-Format der in Pietas et Scientia publizierten Bände ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Doch spätestens beim nächsten (interessanten!) Band über Judenmission (Kongressthema 2025) wird sich der Leser daran gewöhnt haben.
Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim