Malte Cramer: Paulus und die Schriften Israels
Malte Cramer: Paulus und die Schriften Israels. Methodologie – Analysen – Kontextualisierung, BWANT 239, Stuttgart: Kohlhammer, 2023, kt., 387 S., € 99,–, ISBN 978-3-17-042584-2
Beim Durchsehen der Inhaltsverzeichnisse jüngerer Standardwerke und Sammelbände zu Paulus und paulinischer Theologie fällt auf, dass dem Thema „paulinische Schriftrezeption“ oftmals kein eigenständiges Kapitel gewidmet wird (so beispielhaft etwa in Wischmeyer / Becker [2021] oder Barclay [2015]). Das ist durchaus überraschend, wurde doch diesem Forschungsfeld trotz vieler Beachtung in den letzten Jahrzehnten noch keine abschließende Klärung zuteil.
Mit seiner 2021 bei Peter Wick eingereichten und nun als Teil der BWANT-Reihe publizierten Dissertation leistet Malte Cramer (wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Exegese und Theologie des NT und Geschichte des Urchristentums an der Ruhr-Universität Bochum) einen wichtigen Beitrag zu diesem Forschungsfeld. Das Kernanliegen seiner Arbeit ist die Entwicklung einer Methodologie zur Analyse des paulinischen Schriftgebrauchs, welche anschließend beispielhaft in der Analyse der Schriftauslegung in Röm 4 und Gal 3,6–14 angewandt wird, sowie eine Kontextualisierung der paulinischen Methodik innerhalb der frühjüdischen Schriftauslegung (16–17).
Der Forschungsüberblick (der erste aktuelle deutschsprachige seiner Art, 19) stellt die wichtigsten Monografien seit den Anfängen der Forschung zum paulinischen Schriftgebrauch im 19. Jhdt. und besonders der vergangenen dreißig Jahre (23–58) chronologisch vor und situiert die Arbeit innerhalb der Erforschung der eigentlichen Methodik mit Schwerpunkt auf der historischen und literaturwissenschaftlichen Ebene (58–62), wobei aus den Desideraten des Überblicks die Anliegen der Arbeit formuliert werden (66–69). Der zweite große Teil enthält zum einen die methodologischen Vorüberlegungen, bei denen nach einer gründlichen Reflexion der Intertextualitätstheorie eine Auswahl der eigenen Analyseperspektiven besprochen und schematisch dargestellt wird (71–128); zum anderen eine Verortung des paulinischen Schriftgebrauchs in den soziokulturellen und biografischen Vorbedingungen (129–152), in deren Resümee vor allem „die jüdische Identität des Paulus als conditio sine qua non“ (152) betont wird.
Der dritte Hauptteil der Arbeit bildet die Analyse der beiden Beispieltexte (begründet wird die Textauswahl mit der hohen Konzentration von Schriftbezügen, 154), wobei nach der jeweiligen exegetischen Untersuchung die Analysen der Methodik des jeweiligen Schriftgebrauchs erfolgen (156–249). In der Zusammenfassung (250–262) wird unter anderem hervorgehoben, dass Paulus’ Argumentation tief in den Schriften verankert ist, er dabei auf eine Bandbreite von Prätexten zurückgreift (die mehrheitlich unter Berücksichtigung des ursprünglichen Kontexts gebraucht werden) und dass die Schriftbezüge literarische und theologische Funktionen haben.
Im letzten großen Teil bringt Cramer die Ergebnisse der Analyse ins Gespräch mit gängigen Verfahren frühjüdischer Schriftrezeption (263–323), woraus die Schlussfolgerung gezogen wird: Paulus „überschreitet […] in keinster Weise die Grenzen des exegetischen Diskursrahmens […] des Frühjudentums auf formal-hermeneutischer oder exegetisch-methodischer Ebene“ (322, Hervorhebung im Original). Der Schlussteil enthält neben einer Zusammenfassung der Ergebnisse (325–337) einen abrundenden Epilog (338–347).
Cramers Arbeit bildet eine äußerst detaillierte Gesamtdarstellung der Methoden des paulinischen Schriftgebrauchs. Der lückenlose Forschungsüberblick bietet eine gute Einführung in das Themenfeld. Das methodologische Kapitel zeugt von einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem komplexen Thema Intertextualität. Das darin erarbeitete Instrumentarium erweitert die in der Exegese bereits bekannten Ansätze, bündelt diese übersichtlich (126–127) und wendet sie in der Analyse der beiden Beispieltexte konsequent und im ausgewogenen Dialog mit der Fachliteratur an. Dabei führt Cramers Integration von literaturwissenschaftlichen Perspektiven zu neuen Ergebnissen – etwa, dass auch ohne formelhafte Einleitungen eine explizite Markierung eines Textbezugs vorliegen kann (214). Aufgrund der methodischen Beschränkung der Arbeit auf das „Wie“ der paulinischen Schriftrezeption und dem damit verbundenen Ausblenden von Fragen nach dem „Was“ und „Warum“ (15) decken sich die Ergebnisse der Analyse weitgehend mit dem Konsens von Tiwald (2008) und ähnlichen aktuellen Studien.
Aufgrund der hohen Genauigkeit der Studie erhofft man stellenweise etwas mehr. Der umfangreiche Forschungsüberblick expliziert zwar die wesentlichen Beiträge der rezipierten Arbeiten – dass „nach wie vor viele Fragestellungen umstritten sind, kontrovers bewertet werden, Neuansätze fordern“ etc. (63) geht jedoch m. E. nicht in dieser Schärfe daraus hervor. In der exemplarischen Analyse findet eine kritische Auseinandersetzung mit anderen Positionen statt (z. B. mit Christopher Stanley oder Dietrich-Alex Koch, 217), dennoch fällt in der Untersuchung des alttestamentlichen Kontextes der Schriftbezüge auf – besonders von Gal 3,6–14 (228–233) –, dass es (zumindest für eine Studie des Themas Schriftrezeption) relativ wenig Berücksichtigung von AT-Forschern gibt. Möglicherweise würde z. B. die Bewertung, Dtn 21,23 sei eher losgelöst vom ursprünglichen Kontext rezipiert worden (233), bei einer gründlicheren Berücksichtigung von Dtn-Experten anders ausfallen.
Ein kleines Manko ist die Fehlerhäufigkeit, etwa Fußnoten in Fußnoten (28–29), Fußnoten, die dasselbe zitieren wie im Fließtext (35, 46) sowie Rechtschreibfehler in (insbesondere fremdsprachigen) Zitaten („Isianic“, 180; „desicion“, 184; „im Lochte“, 203; „isrealitischen“, 244). Unklarheiten gibt es zudem, wenn die Arbeit sich entgegen der eigentlichen Zielsetzung stärker mit dem „Was“ der paulinischen Schriftrezeption beschäftigt, etwa bei den intertextuellen Funktionen im methodologischen Kapitel – so wird z. B. nicht näher definiert, was der „transformative Funktionstypus“ (119) ist, während die „theologischen Perspektiven“ (120–122) lediglich eine eher knappe und unkritische Auseinandersetzung mit Beale (2014) bilden. Das Desiderat einer ähnlich gründlichen Studie zur paulinischen Schrifthermeneutik drängt sich förmlich auf (wird jedoch bei den Desideraten der Arbeit nicht explizit erwähnt).
„Paulus und die Schriften Israels“ leistet einen methodologischen Beitrag im Bereich der Intertextualitätsforschung im Neuen Testament und wird aufgrund der akkurat erreichten eigenen Zielsetzung auch im Bereich der paulinischen Schriftrezeption und Theologie sicherlich als Referenz für zukünftige Studien dienen – auch wenn darin keine neuen Standards gesetzt werden. Für die evangelikale Theologie ist unter anderem der Beitrag der Arbeit (nomen est omen) zur Würdigung des Alten Testaments von Bedeutung. Cramer demonstriert überzeugend, dass der paulinische Schriftgebrauch, der „im Einzelfall der Explikation oder dem tieferen Verständnis eines Prätextes an sich“ dient (262), sich methodisch und formal-hermeneutisch innerhalb der jüdischen Schriftrezeption bewegt (315–323) und weitgehend den ursprünglichen Kontext berücksichtigt (z. B. 280). Explizit wird das im Epilog der Arbeit betont: „Die intertextuelle, im Gespräch mit den biblischen Schriften vollzogene Interpretation, wie sie auch Paulus in seinen Briefen vornimmt, erweist sich als adäquate Form der Schriftauslegung“ (340) – und damit potenziell als ein Paradigma für die christliche Schriftauslegung überhaupt.
Alexander Dalinger, Doktorand an der TU Utrecht / FTH Gießen, Dozent an der Bibelschule Brake und Gastdozent an diversen theologischen Ausbildungsstätten in der ehemaligen UdSSR.