Historische Theologie

Matthias Meinhardt / Stefan Michel (Hg.): Luthertum zwischen Tradition und Aufbruch

Matthias Meinhardt / Stefan Michel (Hg.): Luthertum zwischen Tradition und Aufbruch. Biographische und werkhistorische Erkundungen zu Abraham Calov (1612–1686), Leucorea-Studien zur Geschichte der Reformation und der Lutherischen Orthodoxie (LStRLO) 44, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, Hb., 472 S., € 98,–, ISBN 978-3-374-07806-6


„Abrahamus Calovius, ecclesiae orthodoxae Achilles“ – der streitbare, siegreiche Held der orthodoxen Kirche im 17. Jahrhundert wurde er genannt, beispielsweise noch im 19. Jahrhundert durch Eduard Preuss, den Herausgeber von Johann Gerhards Loci theologici und von J. W. Baiers Compendium Theologiae Positivae (dort in der Vita Baieri, S. VI, Berlin: Schlawitz, 1864). Das Lebenswerk des in Königsberg, Danzig und hauptsächlich in Wittenberg lehrenden bedeutenden Barock-Theologen zeichnete sich nicht nur durch seinen Umfang, sondern auch durch seinen dezidiert lutherisch-theologischen Standpunkt aus. Als rechtschaffener Kämpfer verteidigte er die lutherische Lehre gegen den „Synkretismus“ der calixitinischen Theologie, gegen Reformierte, Arminianer, Sozinianer und natürlich auch gegen die seit der Reformationszeit abgelehnten römisch-katholischen Irrlehren. Nicht umsonst nannte Johann Friedrich Mayer den Verstorbenen in seiner Leichenpredigt (Digitalisat: Nationalbibliothek Polen, Warschau) einen „zweiten Athanasius“ und nach seinem alttestamentlichen Namensvorbild einen „bis in seinen Tod Gottfürchtenden Abraham unserer Zeit“.

In den einschlägigen Kirchengeschichtskompendien wird der orthodoxe Kirchenmann, dessen Kollegien zeitweise von 500, ja sogar über 1.000 Zuhörern (J. Wallmann TRE 7, 564, 41f; 566, 15) besucht waren, vorwiegend als Kontroverstheologe wahrgenommen. Lang anhaltende Wirkung erzielte er jedoch auch durch seine dogmatischen Veröffentlichungen und vor allem durch seine exegetischen Werke. – Der vorliegende Band erschließt sechzehn Themen, die in Calovs Lebenswerk bisher noch nicht so ausführlich wie die genannten erforscht worden sind.

Im ersten Teil des Sammelbandes (11–52) fassen zwei Aufsätze den Forschungsstand und Forschungsperspektiven zu Leben und Werk Abraham Calovs zusammen. Die beiden Herausgeber Matthias Meinhardt und Stefan Michel eröffnen mit einleitenden Bemerkungen über die 2018 entstandene Reformationsgeschichtliche Forschungsbibliothek Wittenberg, wie es zu „Arbeitsgesprächen zur Lutherischen Orthodoxie“ kam, deren erstes (und ein weiteres) mit Calov der „ausgesprochen schlecht erforschten Zentralgestalt der lutherischen Theologie des 17. Jahrhunderts“ gewidmet war („Abraham Calov und das Luthertum im 17. Jahrhundert. Zur Einleitung“, 13–28). Calov war familiär, durch Lehrer-Schüler-Beziehungen und Gelehrtenbriefwechsel „außerordentlich vielfältig und räumlich weitgespannt vernetzt“ (25). Aufklärung und Pietismus verurteilten (von Gottfried Arnolds Meinung in der Kirchen- und Ketzerhistorie ausgehend) die lutherische Orthodoxie als „in Dogmatismus und Streitsucht befangen“, und August Tholuck sprach abwertend von „lutherischer Scholastik“ (26). Markus Matthias bewertet in seinem Essay „Forschungsgeschichte und Perspektiven zur Erforschung des Luthertums des 17. Jahrhunderts mit Schwerpunkt Wittenberg und Kursachsen“ (29–52) den Begriff „Konfessionskultur“, von dessen Verwendung er abrät (30). Er selber spricht von „Lutherischer Religionskultur“ (33), wenn er die vielfältigen gesellschaftlichen Wirkungen des konfessionellen Luthertums erfasst (33–41).

Der zweite Teil des Buchs (53–235) ist mit „Repräsentation und sozialer Kontext“ überschrieben. Silvia Schmitt-Maaß verfasste ihren Beitrag „Porträts von Abraham Calov: Zur Traditionsbildung im 17. Jahrhundert“ (55–81) eigens für den vorliegenden Sammelband (Vorwort, 5). – Mitherausgeber Stefan Michel führt in Calovs Korrespondenz aus den Jahren 1612 bis 1686 ein und stellt seine Bedeutung heraus (83–136). Zusätzlich ediert er einen Brief (96f) und veröffentlicht ein erstes Verzeichnis des Abraham-Calov-Briefwechsels (CBW) aus den Jahren 1637 bis 1686 (97–136). – Den liturgisch-hymnologischen Kontext von Calovs Tätigkeit beleuchtet Christine Blanken mit einem Aufsatz über „Johann Ulich (1634–1712) – Abraham Calovs Kantor, Organist und Musikdirektor in Wittenberg“ (137–185, mit Notenbeispielen von Ulichs Kompositionen: 180–185). – Jeremias Deutschmann (1634–1704) amtierte zu Calovs Zeit und darüber hinaus als predigender Archidiakon an der Wittenberger Stadtkirche („Lutherische Bücherwelt: Lebensweg und Bibliothek des Jeremias Deutschmann [1634–1704]“, 187–210). Der Mitherausgeber Matthias Meinhardt skizziert dessen Curriculum Vitae und versucht erstmals, Deutschmanns bedeutende und in großen Teilen in Wittenberg erhaltene Bibliothek zu rekonstruieren. – Schließlich stellt Klaus vom Orde, ausgewiesener Kenner der Spener-Korrespondenz, die inhaltlich wichtigen Auseinandersetzungen zwischen Philipp Jakob Spener und den Wittenberger Theologen dar (211–235). Johann Georg Neumann profilierte sich in besonderer Weise als Spener-Kritiker. Er unterstellte Spener, dass sein Chiliasmus subtilissimus alle wichtigen Themen der Lehre vergifte (225f). Das Kollegium der Wittenberger Theologischen Fakultät fand schließlich 1695 (Christ-lutherische Vorstellung) in Speners Werken nicht weniger als 284 Irrlehren – offensichtlich auf einer Linie mit dem „grimmigsten Gegner“ Speners, J. G. Neumann (229f).

Im dritten Teil sind neun Beiträge zusammengestellt, die sich Themen von Calovs Theologie und Werk widmen (239–448). Der erste Aufsatz von Lars Röser-Israel vergleicht orthodoxe theologische Lehrbücher: „Tradierung und Transformierung der Loci-Methodik in den Dogmatiken von Martin Chemnitz, Leonhard Hutter, Johann Gerhard und Abraham Calov“ (239–250). – Die „schlimmstmögliche Abweichung vom Christentum“, den Sozinianismus, hat Calov extensiv bekämpft (253). Sascha Salatowsky resümiert Calovs philosophische Kritik an dieser kirchenkritischen Bewegung und stellt ihre Folgen dar (251–279). Die „rationale“ Vernunft der Sozinianer soll durch die „fromme“ Philosophie überwunden werden, wobei beide auf der Grundlage der aristotelischen Schulphilosophie des 17. Jahrhunderts stehen (256). – In einem weiteren Beitrag behandelt Marcel Nieden „Abraham Calovs ,Isagoges ad Sacrosanctam Theologiam‘ (1652): Zur Frage der Traditionsbildung im frühneuzeitlichen Luthertum“ (281–301). In der Nachfolge von (Luther und) Johann Gerhard hat die Trias oratio – meditatio – tentatio einen prominenten Stellenwert (93–300). –

Calovs biblische Theologie fasst Volker Jung übersichtlich und prägnant zusammen (303–310). Bibelauslegung begleitet bei Calov die verschiedenen Arbeitsbereiche des Professors, Predigers, Seelsorgers und als Mitglied kirchenleitender Gremien. Die Bibel als göttliche Offenbarung ist Quelle jeder Theologie (308). – Jonathan Rehr weist in seinem Beitrag „Lutherische Traditionsbildung im interkonfessionellen Austausch: Die Gnadenstuhl-Motivik in Abraham Calovs Bibelwerken“ (311–326) nach, dass Calov gegen Grotius und Sozzini hilasterion in Römer 3,25 vom Neuen Testament her im Alten Testament typologisch und effektiv als Genugtuung, Sühne und Stellvertretung versteht und in den atl. Opfern vorfindet (325). –

Der Dresdener Kirchengeschichtsdozent und Mitherausgeber Stefan Michel ist auch in diesem Teil des Buchs, dieses Mal sogar mit zwei Aufsätzen, vertreten. Im ersten, Calovs Exegese gewidmeten, Beitrag beschäftigt er sich mit der „Lutherrezeption im frühneuzeitlichen Luthertum: Entstehung und Programm der Bibel ,nach S. Herrn D. Martini Lutheri Deutscher Dolmetschung‘ (1681/82) Abraham Calovs“ (327–352); der zweite Essay widmet sich dem wichtigen Aspekt des predigenden Theologen, namentlich anhand seiner Trauerreden: „Memoria Justorum Witebergensis: Der Leichenprediger Abraham Calov“ (423–455, Verzeichnis von 72 Leichenpredigten 435–455). Im bisher wenig erforschten und quellenmäßig schlecht belegten Bereich von Seelsorge und Predigt tritt ein anderer Calov zutage, der nicht nur Apologet und akademischer Theologe war: Die vorwiegend auf Tholucks einseitiger Deutung ausgewählter lutherisch-orthodoxer Quellen beruhenden Fehlurteile waren von dessen Absicht gesteuert, eine gemütvolle erweckte Herzensreligion auf dem verdunkelten Hintergrund der Orthodoxie um so heller strahlen zu lassen (434f, Anm. 48 u. 49; vgl. 86f, Anm. 14; 377, Anm. 90). –

Ein umfangreicher Artikel aus der Feder von Daniel Bohnert führt den Leser in das Disputationswesen ein („Calov und das Wittenberger Disputationswesen: Annäherungen an ein unübersichtliches Forschungsfeld; Mit einer Bibliographie der Dissertationen Calovs, 353–409). Bohnert konnte insgesamt 162 Dissertationen aus den Jahren 1632 bis 1685, die unter dem Vorsitz Calovs stattfanden, ermitteln (394–409) – Schließlich skizziert Tilman Pfuch die theologischen Gutachten der Wittenberger Fakultät, deren Professorenkollegium sich bewusst als Nachfolger auf der cathedra Lutheri (421) verstand („,die das Licht und Recht führten bis auf diesen Tag‘: Calov und die theologischen Consilia der Leucorea in der ersten Hälfte seiner Wittenberger Lehrtätigkeit, 411–422). – Der Aufsatzband schließt mit dem Autorenverzeichnis (457) und vorzüglichen Registern zu Orten und Personen (459–472).

Die sechzehn Aufsätze zu Calovs Biographie und Werkgeschichte tragen wesentlich dazu bei, die Tiefe und Weite seines gelehrten Lebenswerkes auszuloten. Sie machen aber auch erst richtig bewusst, wie wichtig die noch ausstehende umfassende Erschließung der Wittenberger Theologie von der Spätreformation bis zum Ende des 17. Jahrhunderts ist. Es bleibt zu hoffen, dass der altprotestantischen Orthodoxie durch weitere Veröffentlichungen historiographische Gerechtigkeit zuteil wird, so dass sie zukünftig nicht mehr durch die Brille ihrer rationalistischen, pietistischen und sektiererischen Gegner gesehen werden muss.


Pfarrer Dr. Jochen Eber, Schriesheim