Christopher A. Nunn / Frederike van Oorschot (Hg.): Kompendium Computational Theology
Christopher A. Nunn / Frederike van Oorschot (Hg.): Kompendium Computational Theology. Bd. 2 Potentiale Digitaler Forschung in der Theologie, Heidelberg: heiBOOKS, 2026, Pb., 524 S., € 52,–, ISBN 978-3-911056-58-8. Open-Access: https://doi.org/10.11588/heibooks.1715
Dr. Christopher A. Nunn (Qualitätsmanagementbeauftragter und Programmkoordinator für den Masterstudiengang Theological Studies an der Universität Heidelberg) und Privatdozentin Dr. Frederike van Oorschot (Leiterin des Arbeitsbereichs „Religion, Recht und Kultur“ an der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft e.V., FEST, Heidelberg) legen mit diesem zweiten Sammelband Ergebnisse und Beiträge vor, die im Umfeld des TheoLab an der Universität Heidelberg zu verorten sind. Diese Forschungsaktivitäten liegen zwischen der Theologie und den Digital Humanities (DH) und werden von den Herausgebern als „Computational Theology“ bezeichnet.
Dieser Begriff ist nach den eigenen Angaben von den Herausgebern im ersten Band maßgeblich geprägt und entwickelt worden (dort 9). Das Anliegen dieses zweiten Bandes ist nun, die Perspektiven auf dieses von den Herausgebern selbst definierte Gebiet aus der Sicht der Theologie zu beschreiben. Ihr weiteres Vorgehen und die Hintergründe legen die Herausgeber in ihrem ersten Beitrag „Kompendium Computational Theology. Eine Hin- und Weiterführung“ und im ganzen Teil I des Bandes dar. Dabei gehen sie davon aus, dass sie Pionierarbeit leisten: „Die Beiträge bieten Explorationen an den Stellen, an denen in der Theologie bisher wenige oder keine Berührungspunkte mit digital gestützten Technologien vorhanden sind, wie etwa in weiten Teilen der Systematischen Theologie oder der Interkulturellen Theologie.“ (3) Das ist so natürlich nicht richtig, und so zeigt sich bei der Diskussion der einzelnen Beiträge im weiteren korrekt: In der Bibelwissenschaft hat der Einsatz digitaler Methoden schon eine jahrzehntelange Tradition – wobei der Aufsatz „Digitale Hermeneutik. Eine Einführung in hermeneutische und wissenschaftstheoretische Herausforderungen der Computational Theology“ schon ein gutes Beispiel dafür ist, wie einseitig dieser Einsatz teilweise erfolgt, nämlich ohne jegliche interdisziplinäre Perspektiven. So fehlen Betrachtungen anderer Disziplinen, die Hermeneutik benutzen und anwenden, ebenso wie eine Perspektive der Informatik. Gleiches gilt für den Bereich der Kirchengeschichte. Die systematische Theologie wird dabei weitestgehend aus deutscher Perspektive betrachtet und verpasst die Chance, auch Impulse aus der Theologie hinaus zu setzen. Dies gelingt in Ansätzen in den letzten vier Beiträgen des II. Teils, die nicht nur zu den innovativsten gehören, sondern die sich auch inhaltlich entsprechend positionieren können.
Der III. Teil des Bandes beschäftigt sich mit Werkstattberichten. Diese sind teilweise spannend zu lesen, lassen aber eine interdisziplinäre Perspektive ebenso wie eine internationale Verortung vermissen. Gleiches gilt für die Beiträge im IV. Teil, der sich mit fachübergreifenden Fragen beschäftigen will. Dies ist bei den Beiträgen zum Evangelischen Kirchenrecht und „Offene Infrastruktur für Theologie und Religionswissenschaft im Kontext von Open Science und KI“ durchaus gelungen.
Der V. Abschnitt versucht sich an einem Ausblick. Lesenswert ist der Aufsatz von Evans, der wesentliche interdisziplinäre Aspekte beschreibt. Er resümiert, „dass die Computational Theology keine neue Art von Theologie ist, so wie die Befreiungstheologie oder die kontextuelle Theologie Theologien sind; sie ist vielmehr eine neue Methodologie, um Theologie zu betreiben. Sie ist die Theologie, die mit und durch computergestützte Ansätze erforscht wird.“ (560) Dadurch verliert er allerdings ebenso – und das erscheint symptomatisch für diesen Band – die Perspektive auf den eigentlichen Beitrag der Theologie auf diese Forschungsfelder. Dass auch er im Abschnitt „LLMs als theologische Kooperationspartner nutzen“ von einem sehr ungenauen und simplifizierenden Verständnis von LLMs ausgeht, zeigt beispielhaft, dass deutlich mehr interdisziplinäre Arbeit in diesem Feld nötig wäre. Sein Anliegen ist es, eine „wettbewerbsfähige und robuste Präsenz innerhalb des größeren DH-Schirmes aufrecht[zu]erhalten“ (569). Ebenfalls lesenswert ist der Aufsatz von Markschies, der vor dem Zeichnen von Utopien oder Dystopien warnt: „Von solchen Vorstellungen und Bildern sollte sich theologische Forschung als seriöse Forschung fernhalten, beziehungsweise sich zu diesen in ein kritisches Verhältnis setzen. Theologische Forschung könnte auf diese Weise einer ganzen Wissenschaftswelt mit dabei helfen, sich von solchen Versuchungen einer wertenden Überzeichnung der Analyse fernzuhalten.“ (587) Doch führt er leider nicht aus, wie dies konkret ausgestaltet werden könnte.
Es bleibt unklar, wie die im ersten Band (nicht) gesehene Anschlussfähigkeit an die Digital Humanities nun konkret ausgestaltet werden soll. Nicht nur stellen sich die Autoren erneut gegen den international bereits etablierten Begriff „Digital Theology“ und grenzen sich mit ihrer „Computational Theology“ davon ab. Die vielfältigen weiteren Überschneidungen zu anderen Gebieten wie der Philosophie des Digitalen und den Computational Social Sciences werden erneut nicht beachtet, ebenso die internationalen Beiträge. Hierzu tragen die Beiträge – so lesenswert auch einzelne sind – letztlich auch nicht bei, sondern verbleiben in ihrer eigenen Echokammer. Insofern bleibt die neue Begriffseinführung letztlich unklar und erschwert den Zugang für Außenstehende.
Die Herausgeber konnten auch im zweiten Band in mehreren thematischen Abschnitten verschiedene Beiträge mit ganz unterschiedlicher Qualität zusammenstellen. Entgegen dem Untertitel werden allerdings nicht abschließend „Potentiale Digitaler Forschung in der Theologie“ vorgestellt, sondern erneut liegt der Fokus auf der Arbeit mit textuellen Daten, auch wenn hier deutlich mehr Disziplinen vertreten sind als im ersten Band. Gleichzeitig ist die Auswahl entgegen der bereits diskutierten methodischen Bandbreite der Theologie, über die DH hinausgehend, hier nicht abgebildet.
Auch weitere inhaltliche und vor allem interdisziplinäre Beiträge zu aktuellen Themen, beispielsweise zur Künstlichen Intelligenz, fehlen ebenso wie im ersten Band. Erneut scheut der Sammelband davor zurück, konkrete methodische Einführungen und fachlich aussagekräftige Diskussionen zu liefern. Neben der thematischen Engführung, der inhaltlichen und methodischen Sorglosigkeit und der Entkopplung von relevanten Praxisbezügen (allerdings deutlich weniger als im ersten Band) ist letztlich die fehlende Beschäftigung mit informatischen und mathematischen Grundlagen ein signifikantes Problemfeld des Sammelbandes. Man hätte sich von den Herausgebern entweder eine verständlichere Begründung oder eine gelungenere Auswahl der Themen gewünscht.
Somit bleibt wie im ersten Band die Frage nach der Zielgruppe dieses Buches. Für Studierende und Forschende im Bereich der Digital Humanities und anderer Geisteswissenschaften gibt es bereits einige gute Einführungen. Hier mag sich zumindest der erste Band gut einreihen, auch wenn die Passgenauigkeit der einzelnen Beiträge für die Arbeit mit Studierenden vorher individuell geprüft werden muss. Für Studierende und Forschende der Theologie fehlt die nötige thematische Bandbreite über den Schwerpunkt Textanalyse hinaus, ebenso wie grundlegende methodische Inhalte. Der zweite Band schwächelt bei der Betrachtung der praktischen sowie praktisch-methodischen Perspektive. Zur Begriffsbestimmung der Theologie und der digitalen Methoden gibt es bereits vielfältige internationale Beiträge, die durchweg weniger einseitig ausfallen. Insofern dokumentiert dieser – trotz aller Kritik lesenswerte – Band vor allem eine deutschsprachige Perspektive.
Das Werk ist in deutscher Sprache verfasst, sprachlich zugänglich, auch wenn es sich definitiv an Fachkundige und nur am Rande an interessierte Laien richtet. Eine englischsprachige Version ist ebenfalls erhältlich (https://books.ub.uni-heidelberg.de/heibooks/catalog/volume/CCT2024), wobei sich diese Rezension auf die deutsche Ausgabe bezieht. Eine Bibliographie findet sich in jedem Beitrag und ein Glossar rundet das Werk ab. Der Textsatz des Buches ist gut lesbar, wobei viele Beiträge von weiteren Abbildungen und Illustrationen profitieren könnten. Das Werk ist als Open Access Publikation kostenfrei und ohne Zugangsbeschränkungen lesbar.
PD Dr. Jens Dörpinghaus, Research Associate, University of Pretoria, Faculty of Theology and Religion, Hatfield, Pretoria, South Africa. Privatdozent an der Universität Koblenz, Fachbereich 4, Informatik.