Klaus Scholtissek: Das Johannesevangelium
Klaus Scholtissek: Das Johannesevangelium. Ein Arbeitsbuch zu innovativen Forschungsperspektiven, Tübingen: Narr Francke Attempto, 2025, geb., 312 S., € 29,90, ISBN 978-382-526-409-3
Klaus Scholtissekist außerplanmäßiger Professor im Fach Neues Testament an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Der evangelische Theologe ist Geschäftsführer der Diakoniestiftung Weimar Bad Lobenstein und war bis 2004 Privatdozent für katholische Theologie an der Universität Würzburg. Scholtisseks Forschungsinteressen bilden neben dem Johannesevangelium auch die synoptischen Evangelien und biblische Diakonie. Diese Themen spiegeln sich auch in diesem Arbeitsbuch wider. Es basiert methodisch auf dem von ihm verfassten Band Textwelt und Theologie des Johannesevangeliums (WUNT 452, 2021) und deckt damit die aktuelle Forschung der Jahre 1996–2021 ab.
Ziel des Buches ist also, diese neuen Zugänge zum Johannesevangelium zugänglich zu machen. Denn: „[d]ie Fülle der wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Johannesevangelium hat in den letzten Jahrzehnten ein Maß erreicht, das geeignet ist, die Übersicht zu verlieren.“ (9) Neben einem „Nachzeichnen“ will der Autor aber auch eigene Impulse setzen und zur Weiterarbeit anregen. Dabei sieht er Einsteiger, Studierende und Theologinnen und Theologen als die Zielgruppe seines Bandes. Nach einer zweiseitigen Hinführung vertieft sich der Band in verschiedenen Themenkomplexen.
Kapitel 2 beschäftigt sich mit dem Johannesevangelium im frühen Christentum, basierend auf den Studien von Titus Nagel und Jörg Frey. Dabei geht dieser nicht von einer besonderen Nähe des Johannesevangeliums zur Gnosis aus, sondern begründet dessen Bedeutung vor allem ausgehend von der vielfältigen auslegenden Literatur: „Offensichtlich bestand in diesem Traditionsbereich ein starkes Interesse, das Johannesevangelium im eigenen Sinne ‚auszulegen‘ und damit […] zu vereinnahmen oder es polemisch zurückzuweisen“ (15). Weiterhin wird der Zusammenhang aller johanneischen Schriften im NT diskutiert. Ein erster Zugang zur besonderen Sprachwelt des Evangeliums findet sich in Kapitel 3 „Der Johannesprolog als Tür in die Sinnwelt des Johannesevangeliums“. Hier wird eine Verschlüsselung, Entschlüsselung und Neuverschlüsselung methodisch eingeführt – ein interessanter Ansatz, der sich auf das gesamte Evangelium übertragen lässt: „Die hochgradig verdichteten Aussagen des Johannesprologs dringen auf weitere Erschließung, auf weitere Vertiefung, um so die Aneignung der Botschaft, die ‚Aufnahme‘ Jesu im Glauben zu ermöglichen, auszuloten und zu sichern“ (47). Zurecht wird hier die Welt des Lesers mit aufgenommen und die Frage, ob diese den Weg mitgehen „können und wollen“ (46). Dieser Schritt wird in Kapitel 4 „Die Sprachwelt des Johannesevangeliums erkunden“ konsequent weitergegangen. Ohne theologisches Verständnis besteht die Gefahr das Johannesevangelium „theologisch und literarisch ganz erheblich zu unterschätzen“ (60). Dabei werden unter anderem Wiederholungen, Varianten, Ausweitungen, Entfaltungen, Ironie, Rollenwechsel, Bildwelten und Sinnbilder ausführlich gewürdigt und dargestellt.
Einen nächsten Schritt geht Kapitel 5 „Die Denkwelt des Johannesevangeliums nachzeichnen“. Zunächst wird hier auf die Schöpfung, auch als endzeitliche Neuschöpfung, eingegangen, mit deren Hilfe der Autor eine „grundlegende Verwurzelung der johanneischen Schöpfungstheologie in der Heiligen Schrift Israels einschließlich der frühjüdischen Zeugnisse“ (138) zeigt. Ebenso wird der Mensch mit Beziehungen und Teilhabe betrachtet, nicht nur als Geschöpf Gottes, sondern auch in Beziehung zu Gott, zueinander und zur Schöpfung. Dabei wird auch die Geschlechterrolle angerissen. Spannende Exkurse gibt es zum Thema „Antijudaismus im Johannesevangelium?“ und zu Konflikten im Johannesevangelium.
Im 6. Kapitel wird eine Zusammenfassung des umfangreichen Werkes gegeben: „Die literarische und theologische Kunst des Evangelisten“. Der Autor resümiert: „Ein erheblicher Teil der Forschungspositionen, die die Auslegung des vierten Evangeliums im 20. Jahrhundert und darüber hinaus geprägt haben und prägen, haben Ihre Plausibilität und Überzeugungskraft verloren. An ihre Stelle treten teils neue, teils neu reflektierte Thesen bzw. Hypothesen, die sich dem Diskurs und der Kritik stellen und sich darin bewähren müssen.“ (268) Und diesem ist zunächst wenig hinzuzufügen, denn dieser Aufgabe stellt sich das vorliegende Werk nachdrücklich und überzeugend. Zu den vorgestellten neuen Zugängen mag sich jeder eine eigene Meinung bilden, das vorliegende Arbeitsbuch lädt in jedem Fall zu einer Neu- oder Wiederbeschäftigung mit dem Johannesevangelium ein.
Das Werk ist in deutscher Sprache verfasst, sprachlich zugänglich, auch wenn es sich vermutlich eher an Fachkundige und nur am Rande an interessierte Laien richtet. Eine Auswahlbibliographie („Ausgewählte Literatur zum Johannesevangelium“) und ein Register in Auswahl runden das Werk ab. Der Textsatz des Buches ist gut lesbar, auch wenn die Druckqualität in den Graustufen auf manchen Seiten nicht sehr gut ist und Konturen verlaufen.
PD Dr. Jens Dörpinghaus, University of Pretoria, Faculty of Theology and Religion, Hatfield, Pretoria, South Africa; Universität Koblenz.