Christoph W. Stenschke: Übergemeindliche Verbindungen in den Briefen der paulinischen Mission
Christoph W. Stenschke: Übergemeindliche Verbindungen in den Briefen der paulinischen Mission. Vorkommen, Bedeutung, Funktion und Plausibilität, WUNT 556, Tübingen: Mohr Siebeck, 2026, geb., XX+650 S., € 179,–, ISBN 978-3-16-200033-0
Christoph Stenschke ist Dozent an der Biblisch-Theologischen Akademie Forum Wiedenest in Bergneustadt, Privatdozent für Neues Testament an der Universität Bonn sowie Professor extraordinarius an der University of South Africa und der University of Pretoria. Seine Habilitationsschrift, die 2025 von der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn angenommen wurde, liegt nun als Monografie vor.
Der Fokus der Studie „liegt auf dem Vorkommen, der Funktion und der historischen Plausibilität der übergemeindlichen Verbindungen in der Argumentation der Briefe der paulinischen Mission“ (1). Sie basiert auf mehreren Aufsätzen des Verfassers zu übergemeindlichen Verbindungen in der Apg, in den Paulusbriefen und in der ntl. Wissenschaft, die nun in überarbeiteter Form zusammengefügt und mit der Einleitung und dem Schlusskapitel zu einem umfassenden Gesamtwerk erweitert sind. Nach der Einleitung folgen sieben Kapitel zu den allgemein anerkannten Paulusbriefen (Kap. 2–8), danach ein Kap. zur Apostelgeschichte sowie ein Schlusskapitel mit einer thematischen Zusammenfassung und weiterführenden Überlegungen.
Stenschke bietet in der Einleitung einen instruktiven skizzenartigen Überblick der Themenfelder der aktuellen neutestamentlichen Wissenschaft, bei denen übergemeindliche Verbindungen relevant sind. Im Einzelnen sind dies die übergemeindlichen Verbindungen als Differenzkriterium zu antiken Vereinen, ihre Rolle für die Geschichte des Urchristentums, ihre Bedeutung für die Einleitungswissenschaft sowie ihre Relevanz für die neutestamentliche Theologie und Ekklesiologie. Weiter wird gefragt nach der rhetorischen Funktion der übergemeindlichen Verbindungen, nach diesen als Ausdruck von gemeindlichen Netzwerken bis hin zu übergemeindlichen Verbindungen im Zusammenhang der Begründung heutiger Gemeindepraxis. Hinsichtlich der Methoden folgt Stenschke der historisch-philologischen Exegese. Auch literaturwissenschaftliche Aspekte (insbesondere rhetorical criticism und Argumentationsanalyse) werden aufgegriffen. Ein wichtiger Abschnitt beschäftigt sich mit der Rolle von Paulus und seinen Mitarbeitenden. Als Ausdruck der übergemeindlichen Verbindungen werden auch die Briefe und deren Überbringer wahrgenommen. Schließlich wird nach dem Wesen der Briefe gefragt, für deren Abfassung ein Einfluss der Gemeinden vor Ort gesehen wird und die mehrheitlich als Gemeinschaftsproduktion erkannt werden. Stenschke spricht folgerichtig von den „Briefen der paulinischen Mission“, da die Gemeinden eingebunden waren und insofern „von der Mission verschiedener Gemeinden durch und mit Paulus, seinen Mitarbeitenden und den Gemeinden selbst“ (81) auszugehen ist.
Die Kapitel zu den einzelnen biblischen Büchern sind jeweils ähnlich aufgebaut. Nach einer Einführung werden die übergemeindlichen Verbindungen vor der Abfassung des Buches in den Blick genommen. Es folgt eine Analyse der relevanten Textstellen bzw. Themen. Nach einer Zusammenfassung der Ergebnisse wird nach der Funktion sowie der historischen Plausibilität der übergemeindlichen Verbindungen gefragt.
Aufgrund des Materialreichtums werden hier nur exemplarisch einige wichtige und interessante Aspekte ausgeführt. Im Römerbrief werden übergemeindliche Verbindungen in der Beteiligung und Unterstützung seitens der Gemeinde bei der paulinischen Mission erkennbar. Durch diese entstehen zugleich Verbindungen der Gemeinde in Rom mit den Gemeinden im Osten sowie den neu zu gründenden Gemeinden im Westen. Es wird gezeigt, dass die Mehrzahl der übergemeindlichen Verbindungen Paulus betrifft bzw. durch ihn hergestellt wird, dass daneben aber solche auch mit anderen Personen verknüpft sind. Überzeugend ist die Darstellung zur inhaltlichen Bestimmung der übergemeindlichen Verbindungen (Anteilnahme, Fürsorge, Stärkung, gemeinsam getragene Missionsarbeit etc.) und die Bestimmung des Römerbriefs auch als Werk zur Eingliederung der Empfänger in die Partnerschaft von Paulus und den Gemeinden seiner Mission sowie einer Fortsetzung, Erweiterung und Vertiefung derselben.
Beim 1. Korintherbrief wird aus Kap. 16 mit Recht abgeleitet, dass es für die Korinther um die „Übernahme von Verantwortung und finanziellen Einsatz für andere Gemeinden“ (167) ging. Dass es kein Mitglied aus Korinth innerhalb der in Apg 20,4f erwähnten Reisegruppe gegeben hat, ist zu diskutieren (Lukas und Gaius kommen zumindest in Betracht). Stenschke zeigt überzeugend, dass Paulus mit dem größeren Ganzen der christlichen Gemeinden und der Normativität ihrer Lehre und Praxis argumentiert. Paulus setze den Positionen der selbstgenügsamen Korinther betont den Konsens der Gemeinden entgegen. Stenschke sieht in 1Kor „das Bemühen um Herstellung bzw. Wiederherstellung von Einheit und Harmonie innerhalb der Gemeinde und mit anderen Gemeinden.“ (180)
Vielfältige übergemeindliche Verbindungen arbeitet Stenschke anhand 2Kor 8–9 heraus. Beispielhaft genannt seien hier der Verweis auf das Engagement der makedonischen Gemeinden, die Erwähnung des nicht namentlich genannten, bei allen Gemeinden anerkannten Bruders (2Kor 8,18) und die aus Vertretern verschiedener Gemeinden gebildete Delegation. Bei einzelnen Fragen kommen auch andere Antwortmöglichkeiten in Betracht. Wie sicher ist es z. B., dass Paulus Titus gesendet hat (2Kor 8,6), weil er das Ziel selbst nicht so gut erreichen hätte können? Immerhin ist zu diesem Zeitpunkt schon eine Versöhnung von Paulus mit der Gemeinde vollzogen.
Der Galaterbrief als Rundbrief an mehrere Gemeinden setzt überörtliche Verbindungen voraus. Mehrere Themen, u. a. eine Kollekte, betreffen solche. Stenschke macht stark, dass sich das „der Armen Gedenken“ (Gal 2,10) auf die Armen Jerusalems bezieht und dass „übergemeindliche materielle Hilfe als einzige Forderung der Jerusalemer von Anfang an einen hohen Stellenwert“ (279) hatte.
Die Abschnitte zum Philipperbrief, 1. Thessalonicherbrief und Philemonbrief folgen einem leicht geänderten Aufriss und sind stärker thematisch gegliedert. (Möglicherweise hätte dieses Vorgehen bei den zuvor untersuchten Briefen um der besseren Übersichtlichkeit willen ebenfalls verwendet werden können.) Zum Philipperbrief werden elf Themenfelder herausgearbeitet, die übergemeindliche Verbindungen erkennen lassen, u. a. „Gemeinschaft am Evangelium“, Gebet, Besuche, Gegner, Gaben für das Missionswerk und Grüße. Ähnlich gilt dies für 1Thess und Philemon, wobei für diese tw. andere Aspekte hervorgehoben werden, tw. gibt es auch Überschneidungen.
Das Kap. zur Apostelgeschichte ist nach der Abfolge der Textabschnitte im Buch strukturiert, was dessen narrativem Charakter geschuldet ist. Stenschke stellt heraus: „Das lukanische Doppelwerk ist sowohl von seiner Intention und Entstehung als auch seinem Anspruch und Inhalt her Ausdruck eines regen Informationsaustauschs unter den frühen Christusgläubigen.“ (446) Gezeichnet werde „das Bild einer Bewegung, die von Jerusalem ausgehend ein Netzwerk von miteinander verbundenen Gemeinden bildet“ (501) und die nach einer gemeinsamen Theologie und Praxis strebte, wobei die Rückbindung an Jerusalem für die Einheit der Kirche bedeutend war. So zeige sich in der Apg, dass übergemeindliche Verbindungen entscheidende Wegmarken bei der Ausbreitung des Evangeliums flankieren. Den Abschluss bildet ein Vergleich der übergemeindlichen Verbindungen in der Apg und in den Briefen, bei dem sich ein Überwiegen der Gemeinsamkeiten (Informationsaustausch, materielle Implikationen, Gebet, gemeinsame Mission u. a.) ergibt, auch wenn Unterschiede, z. B. hinsichtlich der Funktion der Grüße (Respektbekundung in der Apg, Ausdruck der Verbundenheit in den Briefen), festzuhalten sind.
Das Schlusskapitel bündelt die Ergebnisse. Wegweisend ist die vorsichtige Einordnung derselben, weil im NT sicherlich nicht alle übergemeindlichen Verbindungen zur Sprache kommen und weil manche nur beiläufig und deshalb knapp erwähnt werden, während andere für die Argumentation bedeutsam sind, weshalb umfassend über sie informiert wird. Sehr hilfreich ist die thematische Zusammenfassung der konkreten Aspekte und Vorkommen von übergemeindlichen Verbindungen (537–563). Der Informationsaustausch zeigt das gegenseitige Interesse und die Einbindung in das größere Ganze. Die Verbindungen der Gemeinden haben auch materielle Aspekte (Unterstützung der Mission, Kollekte). In den Blick genommen werden weiter der Austausch von Grüßen, das Gebet und das gemeinsam betriebene Missionswerk. Als Motive für übergemeindliche Verbindungen wurden u. a. herausgearbeitet: Stärkung und Belehrung, Sicherung des Missionserfolgs, Entstehung und Erhalt eines Lehrkonsens, Beteiligung an der Kollekte und die doxologische Dimension. Weitere Teilkapitel sind den „Gegnern“ des paulinischen Missionswerks, der rhetorischen Funktion, der historischen Plausibilität, der Entwicklung in den Vorkommen der übergemeindlichen Verbindungen und deren Eigenschaft als Katalysatoren für geschichtliche und theologische Entwicklungen gewidmet. Schließlich werden Implikationen für die heutige kirchliche Praxis und Ökumene in den Blick genommen. Gerade auch in persönlichen Begegnungen werde „das größere Ganze der Kirche Jesu Christi konkret erfahrbar“ (599). Impulse aus einer Kirche können Gemeinden in anderen Ländern neue Wege aufzeigen (z. B. Fresh Expressions of Church).
Der Studie ist ein Epilog angehängt, in dem der Wert übergemeindlicher Verbindungen angesichts wieder erstarkender Nationalismen und abgebrochener Kommunikation herausgestellt wird: „In Zeiten zunehmender Individualisierung, Vereinsamung, aber auch Orientierungslosigkeit ist das Bewusstsein und die fröhliche Erfahrung zu etwas Größerem zu gehören und so mit vielen Menschen verbunden zu sein, ein hohes Gut.“ (605)
Mit dem Stellen-, Namens- und Sachregister lassen sich sehr gut relevante Informationen erschließen.
Die Studie ist außerordentlich materialreich. Dabei werden immer wieder auch Fragen gestellt, auf die keine klaren Antworten gegeben werden. So unbefriedigend dies auf den ersten Blick erscheinen mag, es spiegelt die Vorsicht des Verfassers, nicht spekulierend über das hinauszugehen, was die Texte sagen. Trotz des maximalistischen Ansatzes, der alle möglichen übergemeindlichen Verbindungen aufgreift, geschieht eine fundierte Einordnung der Ergebnisse durch die nötige Vorsicht bei der Unterscheidung von sicheren und unsicheren Ergebnissen. Entstanden ist so ein äußerst wertvoller Gesamtüberblick, der nicht nur eine Forschungslücke schließt, sondern auch die grundlegende Relevanz übergemeindlicher Verbindungen bis heute aufzeigt und viele Anregungen für die Praxis gibt. So ist diese Habilitationsschrift eine inspirierende Lektüre für alle, die ihren Horizont weiten und über den eigenen Tellerrand hinausblicken wollen.
Dr. Detlef Häußer, Professor für Neues Testament an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg