Stefan Krauter / Manuel Nägele (Hg.): Reformatorische Paulusauslegungen
Stefan Krauter / Manuel Nägele (Hg.): Reformatorische Paulusauslegungen, History of Biblical Exegesis 5, Tübingen: Mohr Siebeck, 2023, IX+552 S., kt., € 119,–, ISBN 978-3-16-161822-2
Ein essentieller Bestandteil der sogenannten Neuen Paulusperspektive der vergangenen vier Jahrzehnte war die scharfe Kritik an bestimmten Aspekten von Martin Luthers Verständnis paulinischer Theologie. Darüber traten andere Aspekte der Paulusdeutung durch Luther, aber auch andere Begegnungen aus der Reformationszeit mit Paulus in den Hintergrund. Daher ist der vorliegende Sammelband zu begrüßen. Er hat seinen Ursprung in einer Tagung an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich im Oktober 2020.
Die Einleitung der Herausgeber skizziert knapp die Rezeptionsgeschichte der Paulusbriefe in der ntl. Forschung der letzten Jahrzehnte und zeigt, warum es sich lohnt, auch ältere Perspektiven einzubeziehen. Sie bietet eine nötige und wichtige Kritik am Umgang mit Luthers Paulusverständnis in der neueren ntl. Forschung (2–3). Die Hg. betonen zurecht, dass es „den Paulus“ der Reformationszeit nicht gibt „– ganz zu schweigen von den vielfältigen Auslegungen der folgenden Jahrhunderte; ‚There never was just one Paul‘. Spätmittelalterliche Traditionen, humanistische Aufbrüche, reformatorische Impulse und katholische Reformation bestimmten das Bild der Frühen Neuzeit ebenso wie die individuellen Vorlieben und Prägungen einzelner Exegeten. Insbesondere die reformatorische Auslegung ist in sich weitaus vielstimmiger, als es das Etikett ‚lutherische Paulusperspektive‘ vermuten ließe“ (4). Der Band setzt dabei zwei Akzente. Zum einen sollen nicht nur die „großen Namen“ vorkommen, sondern die große Vielfalt reformatorischer Paulusauslegung deutlich werden. Zum anderen soll bewusst über die bisherige Konzentration der Forschung auf den Römer- und Galaterbrief (in denen etwa Luther seine eigene Konfrontation mit der römischen Kirche vorgezeichnet fand, 6) um reformatorische Auslegungen anderer Paulusbriefe erweitert werden. Zudem soll untersucht werden, ob die „frühneuzeitlichen Interpreten zumindest eine ungefähre Vorstellung von der zeitlichen Abfolge der paulinischen Briefe und ihrem historischen Hintergrund [hatten], die sie bei ihren Interpretationen berücksichtigten“ (6).
Vier einführende Beiträge zeichnen die Kontexte der reformatorischen Paulusauslegungen nach: Ulrike Treusch, „Spätmittelalterliche Paulus-Auslegung als Kontext und Verstehenshorizont reformatorischer Paulus-Exegese“ (11–30) gibt einen Überblick über die vorreformatorische Paulusauslegung. Lothar Vogel, „Erasmus als Paulus-Kommentator“ (31–51), Greta Kroeker, „Erasmus and Paul“ (53–62) und Ulli Roth, „Soteriologische Aussagen in den Pauluskommentaren des Faber Stapulensis“ (63–81) untersuchen wichtige humanistische Paulusinterpretationen.
Nach dieser Einführung bietet der Band Einzelstudien, die die Paulusrezeption in den verschiedenen geografischen Zentren der Reformation untersuchen. Zur Paulusauslegung der Wittenberger Reformation erscheinen zunächst vier Beiträge zu Luther: Sven Grosse, „Römerbriefauslegung bei Origenes und Luther“ (85–101); Johannes Woyke, „De lege simpliciter et universaliter? ‚Werke des Gesetzes‘ in Thesen Martin Luthers zu Römer 3,28 für Disputationen 1535–1537 im Spiegel der Debatte um die Neue Paulusperspektive“ (103–135); Martin Bauspieß, „Auf der Suche nach der Sache der Schrift: Zur ‚lutherischen‘ Perspektive auf Paulus und Jakobus“ (137–158) und Benjamin Schliesser, „Martin Luthers Hebräerbriefvorlesung (1517–1518) als Paulusexegese: Zur Subjektivität und Existentialität des Glaubens“ (159–177).
Vier weitere Beiträge zeigen anhand der exegetischen Schriften anderer Reformatoren, die der Wittenberger Reformation zugerechnet werden, dass Wittenberg und Luther nicht gleichgesetzt werden dürfen und es über Luther hinaus weitere interessante Perspektiven gibt: Michael Wolter, „Philipp Melanchthons Römerbriefkommentar aus dem Jahr 1540“ (179–203); Tobias Jammerthai, „The Work of a Lifetime: Philip Melanchthon’s Commentaries on Pauline Epistles“ (205–222); Jonas Milde, „Doctor Pommer und Sankt Paul: Beobachtungen und Überlegungen zu Paulusbild, -verständnis und -rezeption in den reformatorischen Schriften Johannes Bugenhagens“ (223–246) und Stefan Krauter, „Die Pastoralbriefe im Dienst reformatorischer und antireformatorischer Polemik bei Caspar Cruciger dem Älteren und Ambrosius Catharinus“ (247–268).
Zur reformatorischen Paulusrezeption in Zürich und am Oberrhein erscheinen sechs Beiträge: Pierrick Hildebrand, „Geist und Buchstabe bei Zwingli: Auslegung eines paulinischen Grundgegensatzes“ (271–286); Luca Baschera, „Heinrich Bullinger’s Commentary on 1 Thessalonians: Purpose, Method, and Themes“ (287–333); Manuel Nägele, „Anthropologische Termini in Heinrich Bullingers Paulusauslegung“ (335–361); Jon Balserak, „Peter Martyr Vermigli’s Exegesis of the Pauline Letters“ (363–381); Alicia Batten, „Early Anabaptists and the Pauline Tradition“ (383–398) und Ueli Zahnd, „Early Basel Readings of Romans: Wolfgang Capito and Johannes Oecolampad“ (399–415).
Abschließend gelten fünf Beiträge der Paulusrezeption im Kontext der Genfer Reformation: R. Ward Holder, „Calvin, Paul, and the New Perspective“ (419–434); Esther Kobel, „New Perspective avant la lettre? Der historische Paulus in Calvins Römerbriefkommentar“ (435–453; Calvin zeigt „ganz in humanistischer Tradition ein ausdrückliches Bewusstsein für die historische Situation des Paulus“); Arthur Huiban, „Nemo censetur ignorare legem: The Inexcusability of the Atheist in Calvin’s Commentary on Rom 1,18–23 (1556)“ (455–477); Stephen J. Chester, „Faith and Family: Calvin, the Figure of Abraham, and the New Perspective on Paul“ (479–501) und Christine Gerber, „Paulus lebendig – und Paulus literarisch: Der Epheserbrief in der Lektüre Luthers und Calvins aus der Perspektive historisch-kritischer Exegese“ (503–533).
Die anregenden Beiträge dieses Bandes zeigen in der Tat, dass die neutestamentliche Exegese „von einer historisch kontextualisierenden Betrachtung der Paulusauslegung in den letzten 2000 Jahren und insbesondere in der frühen Neuzeit während der Reformation“ (7) profitieren kann und ihre eigenen Ergebnisse mit mehr Bescheidenheit vertreten darf. Mehrfach zeigt sich, dass die neuen Paulusperspektiven, die die heutige Diskussion bestimmen, zumindest bedeutende Vorläufer haben, auch wenn diese kaum bekannt sind.
Interessant wären auch Beiträge zur reformatorischen Beschäftigung mit Röm 13,1–7 und zu Röm 9–11 gewesen, ferner zur Auslegung der paulinischen Haustafeln, etwa in der reformatorischen Eheparänese. Mit Ausnahme von Peter Martyr Vermigli sind Paulusauslegungen außerhalb Deutschlands und der Schweiz nicht im Blick, etwa in England und Schottland. Der sog. „linke Flügel“ der Reformation kommt mit einem Beitrag zur frühen täuferischen Pauluslektüre zu kurz (auch wenn dies auch der Quellenlage geschuldet sein dürfte). Ferner wäre ein Überblick über römisch-katholische Paulusauslegungen im 16. Jhdt. und ihre Akzentuierungen als Vergleichsgröße hilfreich gewesen. Von wem und wie wurden Einsichten der Reformation übernommen bzw. wie wurde mit Paulus gegen sie argumentiert?
Prof. Dr. Christoph Stenschke, Biblisch-Theologische Akademie Wiedenest und Department of Biblical and Ancient Studies, University of South Africa