Neues Testament

Wolfgang-Michael Klein: Evangelikale Bibelhermeneutik

Wolfgang-Michael Klein: Evangelikale Bibelhermeneutik. Zentrale Entwürfe von Hochschullehrern im deutschsprachigen Raum, Religionswissenschaft 57, Bielefeld: transcript Verlag, 2025, kt., 396 S., € 58,–, ISBN 978-3-8376-7986-1. Open-Access: www.transcript-verlag.de/978-3-8376-7986-1/evangelikale-bibelhermeneutik/


Das Buch ist eine an der Universität Heidelberg eingereichte Dissertation. Der Autor arbeitet dort als wissenschaftlicher Mitarbeiter für Systematische Theologie. Klein hat das Ziel die evangelikale Bibelhermeneutik seit dem Jahr 1990 differenziert darzustellen (339). – Zur Transparenz: ich schreibe diese Rezension als evangelikaler Theologe, dessen Hermeneutik und Ethik sich von Kleins Positionen deutlich unterscheiden.

Die Arbeit ist in zwei Hauptteile gegliedert. Im ersten Teil geht es um die Kontextualisierung, um zentrale Begriffe, die evangelikalen Institutionen und Bezugsentwürfe evangelikaler Hermeneutiken wie Semler, Troeltsch und Bultmann. Im zweiten Teil versucht der Autor evangelikale Bibelhermeneutiken darzustellen. Gegliedert sind diese nach dem Subjekt der Auslegung (Kap 4) und dem Gegenstand der Auslegung (Kap 5). Als Praxisbezug wählt der Autor das Thema Homosexualität, dem er 40 Seiten widmet (Kap 6) bevor er abschließend zu seinen Ergebnissen kommt.

Klein beschäftigt sich mit mehreren prägenden evangelikalen Theologen. Neben Gerhard Maier widmet er sich Armin Sierszyn, Helge Stadelmann, Jacob Thiessen, Heinzpeter Hempelmann und Christoph Raedel. Darüber hinaus zählt Klein auch Thorsten Dietz zu den Evangelikalen und bezeichnet ihn (entgegen seiner eigenen Selbstbezeichnung) als einen evangelikalen Vermittlungstheologen (288).

Nachdem sich Klein mit den Begrifflichkeiten und Institutionen auseinandergesetzt hat, beschreibt er prägende Theologien, mit denen sich evangelikale Theologen auseinandersetzten. Anschließend behandelt er im zweiten Teil in Kapitel 4 die Rolle des Auslegers in evangelikalen Entwürfen. Hier sieht er Eigenschaften wie Gehorsam, Demut und Vertrauen, sowie Glauben als eine Voraussetzung gefordert. Dazu kommen das Vertrauen, die Geistwirkung und die Schöpfungsordnung. In Bezug auf den Topos der Auslegung fällt ihm auf, dass evangelikale Theologen von einer hohen Schriftlehre ausgehen, welche die Bibel als von Gottes Geist inspiriertes Gotteswort verstehen. Hier sieht Klein ein Sicherungsmoment der Autoren (296) und eine Art der Selbstimmunisierung gegen Kritik (227). In diesem Kapitel bemängelt Klein auch, dass sich viele der vorgestellten Autoren von dem Begriff der „historisch kritischen Exegese“ distanzieren. Positiv wird Thorsten Dietz angeführt, welchen er als moderat bezeichnet (294). Ausführlich beschäftigt sich Klein mit dem Thema Homosexualität. Er beginnt damit, dass er festhält, dass es sich für ihn bei jeglicher Form der biblischen Beschreibung von homosexuellen Handlungen ausschließlich um Tätigkeiten der Gewalt, Missbrauch, Ehebruch und Machtformen handelt. Von diesem Axiom ausgehend werden alle evangelikalen Autoren deutlich kritisiert und dagegen Thorsten Dietz als ein positives Vorbild dargestellt. Im letzten Kapitel kommt Klein zu dem Fazit, dass evangelikalen Bibelhermeneutiken das wissenschaftliche Niveau abzusprechen sei (358).

Der Aufbau dieser Arbeit ist generell durchdacht und in sich stimmig. Hier folgt Klein einer grundsätzlichen Logik. Das stärkste Kapitel von Klein ist die Beschreibung der Theologien von Semler, Troeltsch und Bultmann als Gegenbezugspunkte für evangelikale Theologien. Hier wird eine fundierte Kenntnis des Autors erkennbar. Leider übersieht dieser Bereich die Vorbilder für evangelikale Theologen wie Schlatter und Beck, die beide in Tübingen lehrten, vollkommen. Wie eine Kontextualisierung gelingen soll, die theologische Vorbilder und Einflüsse ignoriert, wird offengelassen. 

Bei der Bewertung der evangelikalen Theologen fällt generell auf, dass Klein hier mit einem gewissen perspektivischen Bias zu schreiben scheint, welcher einen ausgewogenen Dialog erschwert. In seiner Kritik an evangelikalen Positionen lässt er fundierte und kritische Würdigungen vermissen. Die evangelikale Wertschätzung einer hohen Schrift- und Inspirationslehre wertet er ab, ohne ihre Legitimität im Hinblick auf Bibel und Kirchengeschichte zu prüfen. Auch in der Darstellung der evangelikalen Entwürfe betreibt Klein häufig eine Verzeichnung, was für eine Dissertation ungewöhnlich ist. So unterstellt er Sierszyn und Thiessen, dass sie Methodenschritte für unnötig erachten und über keine Sensibilität für den Ausleger verfügen (357), Maier wird unterstellt, textkritische Arbeit für unnötig zu erachten (221). Klein ignoriert dazu die gründlichen historischen und exegetischen Werke von den aufgeführten Autoren. Dass Gerhard Maier die Kommentarreihe HTA herausgegeben hat, die eine wissenschaftlich fundierte Exegese betreibt, wird auch vollkommen verschwiegen. Hinzu kommt, dass die große Streitfrage, die im Verhältnis von Offenbarung und Geschichte zu finden ist, nicht ansatzweise behandelt wird. Auch dies kann ein weiterer Grund dafür sein, dass er die evangelikalen Ansätze falsch interpretiert, oder inhaltlich nicht vollständig durchdrungen hat. Eine gründliche und umfassende Lektüre der Veröffentlichungen der von ihm besprochenen Theologen hätte diese Erkenntnislücke eigentlich schließen müssen. Generell wird eine gründliche Recherche der von diesen evangelikalen Theologen publizierte Literatur in dieser Arbeit schmerzlich vermisst. Bereits ein Blick in das übersichtliche Literaturverzeichnis macht dies deutlich. Beispielhaft werden von den zahlreichen Veröffentlichungen Gerhard Maiers gerade drei Quellen verwendet (eine davon ist ein Grußwort!).

In dem Kapitel zur Ethik zeigt Klein eine Tendenz, welche schwache Argumente für die von ihm vertretene Position nicht kritisch zu hinterfragen scheint und starke Positionen, die seiner Weltanschauung nicht entsprechen, nicht würdigt. So werden populärtheologische Vorträge bei „Worthaus“ als Quelle verwendet und als umfängliche Auslegung gelobt (331), obwohl deren Thesen historisch und exegetisch durchaus umstritten und in ihren Grundthesen widerlegt sind (Siehe z. B. Matthias Becker. Ehe, Familie und Agamie. Die Begründung von Lebensformen angesichts gesellschaftlicher Pluralität im Neuen Testament und heute. Tübingen: Mohr Siebeck, 2024). Auch die Attestierung einer Demut bei der ethischen Position von Dietz ist erstaunlich, da diese anderen Autoren, die zu anderen Ergebnissen kommen, abgesprochen wurde (333–334). Es soll selbstverständlich jedweder Autor zu einer eigenen Meinung gelangen, unabhängig davon wie valide diese ist. Gleichzeitig sollte aber selbstverständlich sein, dass man eine nicht hinreichende Argumentation nicht deshalb positiv bewerten sollte, nur weil sie die eigene Sichtweise unterstützt. Dies geschieht bei Klein bedauerlicherweise.

Auffallend ist darüber hinaus der scharfe Ton in der Behandlung von evangelikalen Theologen. Beispielhaft in der Beschreibung und Bewertung von Raedels Position fallen häufig abwertende Begriffe. So spricht Klein von einer „Tendenzexegese“, einer „Ignoranz“ sowie einer „Ordnungsfiktion“ und attestiert ihm, sich jenseits der Bücher nicht mit den Menschen auseinandergesetzt zu haben (323). Hinzu kommen Unterstellungen, etwa dass Raedel ein „patriarchales Familienbild“ habe, bei welchem der Mann in der Sorgearbeit für die Kinder keine aktive Rolle zu haben brauche (350). Auch attestiert ihm Klein ein „radikal klassisches Familienbild“ (353). Bedauerlicherweise kommen ähnliche Ausfälle der Sprache und der notwendigen wissenschaftlichen Sachlichkeit häufiger vor.

Dem Verfasser ist zugutezuhalten, dass er sich um eine breite Darstellung der evangelikalen Hermeneutik bemüht hat und zumindest die außerevangelikalen Entwürfe ordentlich nachzeichnete. Leider scheint seine Kenntnis der evangelikalen Zugehörigkeiten ausbaufähig zu sein, was auch einer gewissen Unübersichtlichkeit der Gemengelage in der vielschichtigen evangelikalen Bewegung geschuldet sein könnte, die bei einer oberflächlichen Betrachtung möglicherweise schwer zu durchdringen sein könnte. Allerdings können bei Klein auch tendenziöse Vorentscheidungen gesehen werden (beispielhaft seine sexualethischen Axiome, die eine strittige Exegese für eine Beurteilung als gegeben voraussetzen), die mit einer schwer zu übersehenden Emotionalität verschriftlicht zu sein scheinen. Dies führt dazu, dass seine Argumentation aufgrund ihrer polemischen Zuspitzungen dem Anspruch akademischer Sachlichkeit und Professionalität nicht immer gerecht wird. Leider muss im Gesamten konstatiert werden, dass diese Arbeit mehr über verbreitete Vorurteile gegenüber evangelikalen Theologen aussagt, als dass die Thematik möglichst vorurteilsfrei und dem wissenschaftlichen Ethos entsprechend dargestellt wird. Als Fazit lässt sich festhalten, dass der Verfasser durchaus einige evangelikale Hochschullehrer darzustellen versucht und ihm dies in Teilen auch gelingt. Aber selbst mit großem Wohlwollen kann nur schwerlich von einer fairen Darstellung und differenzierten Arbeit gesprochen werden. Hierzu würde eine umfangreichere Erfassung und Durchdringung der veröffentlichten Literatur und eine sachlich treffendere Beschreibung der Positionen notwendig sein. So ist das Buch zwar hilfreich um eine verbreitete Fremdwahrnehmung der evangelikalen Theologie zu verstehen, nicht aber für die Durchdringung und Würdigung evangelikaler Hermeneutiken selbst.


Johannes Traichel, Pastor der FeG Donaueschingen und Dozent am ISTL Karlsruhe.