Patrick Todjeras / Michael Herbst / Bernhard Schröder (Hg.): Regiolokal
Patrick Todjeras / Michael Herbst / Bernhard Schröder (Hg.): Regiolokal. Als Kirche aufblühen und zusammenwachsen, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2026, Pb., 210 S., € 29,–, ISBN 978-3-374-07990-2
Die Gemeindelandschaft in Deutschland ändert sich; tiefgreifend und rasant. Das ist bekannt. Das ist insbesondere in den Landeskirchen aktuell auch an der Basis erfahrbar. Die klassischen und territorialen Säulen (u. a. Pfarrperson, Kirchenbezirke) brechen weg und zugleich entstehen neue, größere Einheiten, multiprofessionelle Teams, regionale Kooperationen und sogenannte neue Formen kirchlicher Präsenz. Regiolokale Kirchenentwicklung ist darin ein umstrittener Ansatz in den landeskirchlichen Umbau- und Abbau-Maßnahmen.
Einen Gegenpol zu einem negativ-kirchlichen „Abgesang“ möchten die Autoren in ihrem Sammelband präsentieren, der bereits in zweiter Auflage vorliegt, da die Erstauflage schon im April vergriffen war. Die Darstellung erfolgt in drei Hauptteilen, die sich in eine theoretische und theologische Grundlegung, eine Sammlung kritisch reflektierter Haltungen und eine von unterschiedlichen Seiten beleuchtete Auseinandersetzung der Anwendung und Umsetzung gliedern. Mit einem Geleitwort beginnt Prof. Michael Domsgen, der auf den Begriff der Verantwortungsgemeinschaft im Gegensatz zur Versorgungseinheit hinweist. Die Herausgeber folgen mit einem Vorwort, in dem sie auf die Veränderungen seit der Erstpublikation im Jahr 2017 verweisen. Im Rahmen ihres Forschungsprojekts und nach ihrer Beteiligung an Forschungspublikationen zu Human Flourishing in 2025 (u. a. „Religiosity and Flourishing in Europe: Evidence from the Global Flourishing Study“ und „Wie geht’s denn der Gemeinde? Die Messbarkeit von Well-Being in der Gemeinde – Eine Perspektive kirchenentwickelnden Handelns“) veröffentlichen die Autoren mit Bernhard Schröder hier nun eine auf reflektierte Praxis orientierte Zusammenstellung zur Ermutigung im Umbruch. Die etablierten Innovatoren im praktisch-theologischen Bereich, die nach ihrer Dienstzeit an der Universität Greifswald nun im Institut zur Erforschung von Mission und Kirche (IMK) gemeinsam forschen, bilden zusammen mit Bernhard Schröder (u. a. theologischer Referent beim genannten Institut) und weiteren 15 Autorinnen und Autoren eine anregende und motivierende, tief reflektierte Gegenseite, indem sie in eine durchaus breite Bearbeitung des Themas einsteigen.
Die theoretische Grundlegung im ersten Teil setzt dabei die Einführung der Human-Flourishing-Forschung in die dt. Praktische Theologie fort und vertieft sie, was einem Novum gleichkommt, da erstmals eine Übertragung auf die Kirchenentwicklung erfolgt. Während andere theologische Fachbereiche (vgl. NT: Joshua W. Jipp, „Pauline Theology as a Way of Life: A Vision of Human Flourishing in Christ“) bereits Gedanken dieser Forschung aufgegriffen haben, gelingt es den Autoren hier in überzeugender Weise, mit einem eigenen theologischen Modell die Argumente und Forschungsergebnisse für Gemeindeentwicklung und -gestaltung zu adaptieren. Als Kennzeichen von florierenden (lebendigen) Gemeinden bilden die Aspekte Evangelium, Gnade, Christus und der Heilige Geist die Mitte. Ringsum gruppieren sich die Felder Wachstum des Einzelnen, gute tragfähige Beziehungen untereinander, eine kompetente, integre und inspirierende Leitung, sinnvolle und funktionierende Strukturen und Praktiken, Zufriedenheit mit der Gemeinschaft und eine Willkommenskultur sowie eine starke, von allen geteilte Mission. Dabei wird die Mission der Autoren erkennbar, dass mit dem Blick auf den Herrn der Kirche eine drohende „Problem-Trance“ überwunden werden (48) kann. Für diese Überwindung greifen sie auch auf das Modell des israelisch-amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Daniel Kahneman vom schnellen und langsamen Denken zurück, das bei bewussteren Entscheidungsfindungen helfen soll, und plädieren für eine „langsame Kirchenentwicklung“, die eingefahrene Wege verlässt und sich auf neues, bewussteres Denken einlässt – sozusagen eine langsame Kirchenentwicklung in schnellen Veränderungsprozessen. Wer sich bisher noch nicht mit regiolokaler Kirchenentwicklung auseinandergesetzt hat, findet hier nun eine gute aktualisierte Zusammenfassung und eine Zusammenstellung der acht Kernaspekte (52 ff.).
Im zweiten Teil zum Themenfeld von Haltungen finden sich für den Ansatz unterstützende Einstellungen und Haltungen, wie auch kontraproduktiv wirkende (78 f.). Dazu gehören neben dem Festhalten an alten Geschichten, Überheblichkeit, Stolz und Arroganz ebenso Neid und Kirchturmdenken als Festhalten am Alten. Bemerkenswert, dass dem Neid und Abschiednehmen je ein eigenes Kapitel gewidmet werden. Das ist nötig, wenn an derselben Stelle davon die Rede ist, dass Vertrauen eingeübt werden muss und Schritte aufgezeigt werden, die unterstützen und einen Vertrauensvorschuss fördern. Mit Blick auf Paulus, der in Überfluss und Mangel alles durch den vermag, der ihn mächtig macht, wird auch der Umgang mit Knappheiten thematisiert, denn Kirche wird kleiner (82 f.). Durchgängig wird im Buch betont, dass sich die Rolle von Pfarrpersonen ändert. Zum einen werden Hauptamtliche mehr regionale Netzwerker sein als lokale Hirten (59), ebenso wird verdeutlicht, dass es lokale Leitungspersonen braucht (74). Es entstehen neue Dienstgemeinschaften im Spektrum von hauptamtlich, semi-professionell und ehrenamtlich (101; Hinweise zur Laienbegleitung der Church of England). Und es wird auf die Realität verwiesen, dass Pfarrer eine neue Rolle als theologische Paten oder Mentoren gewinnen, indem sich der Schwerpunkt weg von der Versorgung hin zur Befähigung der Ehrenamtlichen verlagert (119; 122). Für den freikirchlichen Bereich mag das befremdlich wirken, ist doch die gemeinsame Gestaltung der Gemeinde wie selbstverständlich. Doch auch freie Gemeinden werden hier sensibilisiert, insbesondere mit Blick auf pastorenzentrierte Perspektiven und Kooperationen im Bereich der regiolokalen Gemeindeentwicklung.
Der dritte Teil widmet sich ganz der Anwendungsseite, in die unterschiedliche Erfahrungswerte wie in einer „Collage“ einfließen. Mit gelungener Vielfalt versammeln sich hier Ansätze von seelsorgerlichem Besuchsdienst über etablierte Konzepte wie Kirche Kunterbunt bis Ansätze wie neumonastische Gemeinschaften. Auch wenn die Aspekte von Gesundheit und sozialen Beziehungen durchaus in den Praxisbeispielen eine Rolle spielen, wäre hier jedoch eine deutlichere Übertragung der Dimensionen aus der Flourishing-Forschung wünschenswert.
Die Stärke des Werkes zeigt sich in seiner multiperspektivischen Anlage: Unterschiedliche konfessionelle, regionale und institutionelle Erfahrungen kommen zur Sprache und erweitern den Horizont der Diskussion. Mit dem Band versuchen die Autoren keine Patentlösungen zu bieten, sondern mit dem Leser in Suchbewegungen einzusteigen, die zu neuen Formen gemeinsamer Verantwortung führen können. Dabei motiviert die etwas idealisierte Sicht. An einigen Stellen scheinen manche Macht-, Ressourcen- und Konfliktfragen jedoch auch zu idealistisch abgehandelt zu werden. Insgesamt bietet der Band einen wichtigen Beitrag zur gegenwärtigen Debatte um Kirchenentwicklung. Trotz seiner ausgeprägten Praxisorientierung ist das Werk kein Praxishandbuch. Wer konkrete Handlungsanleitungen erwartet, könnte daher enttäuscht werden. Wer hingegen einen anregenden Reflexionsraum sucht, dürfte auf seine Kosten kommen und auf interessante kirchentheoretische Überlegungen stoßen. Dabei versuchen die Autoren bis zuletzt einen ausgewogenen und realistischen Blick zu bewahren: Es bleibt anstrengend (193) – und sie ergänzen „Es ist und bleibt bereichernd“. Das Werk lädt ein, über neue Formen kirchlicher Gemeinschaft und Kooperation nachzudenken. Dafür bieten die Autoren eine motivierende Perspektive auf ein Zusammenspiel von Gemeinden mit unterstützenden Kooperationen, auch wenn logischerweise Theorie und Praxis dabei Differenzen aufweisen werden. So ist dieser Blick nicht nur für landeskirchliche Veränderungsprozesse und Gemeindeberater eine hilfreiche und wertvolle mentale Landkarte.
Joachim Klein, Fachbereichsleiter Praktische Theologie am Theologischen Seminar Adelshofen und Fachlicher Leiter der Bildungsinitiative für Seelsorge und christliche Lebensberatung