Praktische Theologie

Oliver Pilnei / Michael Schroth (Hg.): Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion?

Oliver Pilnei / Michael Schroth (Hg.): Selbständige Gemeinde – eine hilfreiche Illusion? Interkonfessionelle Erkundungen zum Verhältnis von Kirche und Gemeinde mit Fokus auf kongregationalistische Freikirchen, Beihefte zur Ökumenischen Rundschau (BÖR) 148, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2026, Pb., 306 S., € 58,–, ISBN 978-3-374-08036-6


Ökumenische Gespräche glücken, wenn der Blick des anderen hilft, sowohl die eigenen Herausforderungen als auch die eigenen Möglichkeiten klarer zu erkennen. Ein solches gelungenes ökumenisches Gespräch dokumentiert dieser Band, dem die Tagung „Kongregationalismus quo vadis? Eine Kirchenform auf dem Prüfstand“ aus dem Oktober 2024 in Ewersbach zu Grunde liegt.

Über das Fachgebiet der Ökumene hinaus bietet es sehr hilfreiche Orientierung gerade auch für Fragen der Kirchenentwicklung. Wie selbstständig kann und soll eine Gemeinde sein? Welche Befugnisse, aber auch welchen ekklesiologischen Status haben überregionale Ebenen? Wie bleibt alles miteinander verbunden und vital? Dabei liegt die große Stärke des Sammelbandes darin, immer wieder verschiedene konfessionelle Stimmen miteinander in ein tiefgehendes Gespräch zu bringen.

Der ansonsten „recht klassische“ (13) Aufbau des Buches – erst kommen die historischen, dann systematisch-theologische Beiträge, gefolgt von kirchenrechtlichen und praktisch-theologischen – wird dadurch durchbrochen, dass drei Personen aus kirchenleitenden Ämtern aus der Praxis berichten.

Nicht um „Kongregationalismus“ als Typus einer Konfession, sondern um das „kongregationale Prinzip“ (274), nämlich darum, „Gemeinde als freiwilligen Zusammenschluss freier Subjekte zu denken und zu leben“ (274), geht es in dem Band. Wie ist dieses Prinzip verwirklicht? In welchen Facetten findet es sich in ganz verschiedenen Konfessionen? Welche Zukunft hat dieses für viele der Autorinnen und Autoren erstrebenswerte Modell?

Dabei sind „Kirchentypen“ vielfältig zu denken, wie das Modell von Friedemann Burkhardt (252–272) zeigt: Die Eingruppierung wird vorgenommen anhand der Achsen „Kirchentyp“ (apostolisch/episkopal, presbyterianisch, konnexional, kongregational) und „Zentrierung von Macht“ (dezentral bis stark zentralisiert).

Aus den verschiedenen Beiträgen sei im Folgenden nur anhand von drei Stellen gezeigt, wie fruchtbar das ökumenische Gespräch ist. Als Praktischer Theologe, der Strategieprozesse und Kirchenentwicklung erforscht und begleitet, habe ich den Band vor allem unter der Frage gelesen: Wie verhalten sich Ortsgemeinde und übergemeindliche Ebenen zueinander und was lässt sich dabei von den verschiedenen Kirchenformationen lernen? Markus Iff zeigt in dem Beitrag „Einheit der Gemeinde Jesu Christi und die Episkopé“ (103–121) auf, wie dazu ekklesiologisch zu denken ist. Was macht Kirche vor Ort zur Kirche? Mit Veli-Matti Kärkkäinen ist es die „real anticipation or proleptic realization of the eschatological gathering of the entire people of God“ (106). Nicht über ein Amt, oder über eine Verbandszugehörigkeit, sondern durch eine Anteilnahme an einem eschatologischen Geschehen wird Verbundenheit und damit Katholizität gedacht. So wird die Debatte von der Ebene der Macht, Kontrolle und Autonomie hin zur Einbindung in Gottes Mission hilfreich zurechtgerückt.

Lothar Triebel kontrastiert in seinem sehr kritischen Beitrag (142–157) die Einschätzung der Landeskirchen als „Pastorenkirche“ (150) mit dem Leitungsverständnis einiger der im Bund freier Pfingstgemeinden (BFP) versammelten Gemeinden. Er kommt zu dem Urteil, dass im BFP faktisch nur Ordinierte im Vorstand sind und dort „demokratische Elemente abgeschafft … und der Kongregationalismus beseitigt“ (151) wird. In den von ihm so bezeichneten „Lifestylekirchen“ herrsche ein anderer Kirchentypus vor, in dem man weder Mitglied einer Gemeinde werden noch an der Leitung partizipieren könne. Er hält daran fest, dass auch in komplexen Zeiten der partizipativen Leitung der Vorzug vor einer autoritativen, charismatischen Führung zu geben ist.

Einen „radikalen Kongregationalismus“ (223) hat hingegen Jan Hermelink mit der Möglichkeit von Personalgemeinden ausgerechnet in der Landeskirche ausgemacht (209–227). „Die konsequente Selbstzuordnung der Glaubenden nach eigenen religiösen (oder anderen persönlichen Interessen)“ (223) entspräche eher dem freikirchlichen Typ und bietet eine „erhebliche Sprengkraft“ (224) für die bisher parochial örtlich strukturierte Kirche.

So zeigt sich in vielen Beiträgen, dass die „recht aufgeladene Frage nach der Gemeinde“ (12) im Miteinander ganz vieler Traditionen und Theologien am besten zu klären ist. Hierin liegt die große Stärke des Bandes, der keine einfachen Antworten bietet, sondern eine Vielzahl an erhellenden Diskussionen.

Eine gewisse Schwäche liegt außerhalb des Inhalts: Mit seinem vergleichsweise hohen Preis dürfte das Buch leider nicht die Verbreitung finden, die ihm zu wünschen wäre. Gerade Personen in kirchlicher Verantwortung, seien es Pastorinnen vor Ort, Synodale oder Gemeindeleiter würden meiner Einschätzung nach von der Lektüre profitieren. Wer sich mit Kirchenentwicklung, Ekklesiologie und damit der Zukunft verschiedener Kirchenformationen befasst, findet hier ein anregendes und differenziertes Gespräch. Es hilft, die konkreten Herausforderungen vor Ort anzugehen und dabei die eigenen Möglichkeiten klarer zu sehen.


Bernhard Schröder, Pfarrer der evang.-luth. Kirche in Bayern und Theologischer Referent im Werk für Evangelisation und Gemeindeaufbau in der Evang. Kirche A. B. in Österreich.