Praktische Theologie

Gerhard Wegner: Kirchengemeinde entwickeln

Gerhard Wegner: Kirchengemeinde entwickeln, Praktische Theologie konkret 13, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2026, Pb., 162 S., € 20,–, ISBN 978-3-525-63419-6


Gerhard Wegner, ehemaliger Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD, ergänzt die Kirchentheorie mit der vorliegenden Monografie um eine durch soziologische Befunde gesättigte „Gemeindetheorie“. In fünf Kapiteln – zur gegenwärtigen Situation, Essentials, Transformationen, Akteure und Zukunft – beleuchtet er Gemeinde in thematischer Vielfalt und greift dabei kaum behandelte, aber virulente Themen wie Digitalität und Migration auf.

Wegner bemüht sich um ressourcenorientierte Perspektiven: So zeige sich, dass das Umfeld von Gemeinden soziales Engagement erwarte und begrüße; bauten Gemeinden ihre diakonischen Aktivitäten aus, seien „beträchtliche Resonanzen“ zu erwarten.

Zugleich erschließt Wegner nüchtern multiple Krisen, mit denen Gemeinden konfrontiert sind. Neben äußeren Entwicklungen wie einem zunehmend religiös desinteressierten Umfeld benennt er interne Problemlagen: Kirchenvorsteher tendierten weniger zu aktiver, theologisch reflektierter oder organisationsentwickelnder Leitung als vielmehr zu gelebter Gemeinschaft. Kirchenvorstände blickten pessimistischer auf die Zukunft und setzten Managementverfahren seltener ein, obwohl jene wirksam seien. Conclusio: „Wer nicht mehr viel Hoffnung für die Zukunft der Kirchengemeinde hat, wird auch nicht mehr viel organisatorische Kraft zur Verbesserung der Gegenwart aufbringen.“ Pfarrpersonen wiederum seien, sowohl pastoraltheologisch als auch in ihrem Selbstverständnis, strukturell kaum in die kollektive Struktur einer Gemeinde eingebunden; ihre herausgehobene Position beziehe sich tendenziell weniger auf die Gemeinde, und sie neigten dazu, sich von den an sie gerichteten Erwartungen abzugrenzen.

Aus der Fülle anregender Gedankengänge seien zwei Grundlinien hervorgehoben. Erstens erblickt Wegner in zentraler Bezugnahme auf Dietrich Bonhoeffers Formel „Christus als Gemeinde existierend“ das spezifische Wesen der Gemeinde weder in einem dogmatischen noch in einem sozialwissenschaftlichen (Hybrid-)Begriff, sondern in ihrer „geistlichen Lektüre“, die aus der unverfügbaren „Erfahrung der Befreiung aus den Fesseln von Identitäten, Strukturen und Gewohnheiten“ resultiere. Jene Erfahrung verkörpere sich in einem konkreten „Ort in Raum und Zeit“ mit einer entsprechenden Kommunikation. Dafür stehe wesentlich der zweck- und zielfreie Gottesdienst.

Zweitens nimmt Wegner den schleichenden Niedergang des parochialen Systems in den Blick und wagt Ausblicke. Zunächst diskutiert er bekannte Themen wie den Rückbau der Parochie, Regionalisierung oder neue kirchliche Formen wie die Erprobungsräume. Insgesamt wanderten Macht und Kompetenzen von unteren hin zu oberen Hierarchieebenen. Fraglich sei in der Folge, wo das Subjekt der Gemeinde ausgeübt wird: „Man wird sehen, ob sich dies auf der Ebene der reduzierten Gemeinde kirchlichen Rechts oder in der darüber agierenden Einheit vollzieht.“ Wegner resümiert, dass sich ein Abbau von Gemeinde wie von selbst vollziehe, während Wachstum stets auch den Willen Einzelner erfordere: „Ohne einen Willen zur Gemeinde geht es nicht mehr: Es gibt sie nicht nebenbei!“ Bei aller nüchternen Bestandsaufnahme plädiert Wegner dafür, sich nicht mit dem Status quo zufriedenzugeben, sondern trotz widriger Umstände nach Wegen zu suchen, strahlkräftige Gemeinden zu bauen. Dazu seien die Anreizstrukturen der Organisation so zu verändern, dass Mitglieder aktiviert werden: „Bisher folgen sie im Blick auf die Mitglieder dem passivierenden Motto: ‚Mach, was du willst, solange du zahlst!‘ Es müsste aber lauten: ‚Mach mit und zahle für die Möglichkeit dazu!‘“ Als Kontrast zum deutschen „Sonderfall“ führt Wegner die kongregationalistische Tradition aus dem „Mutterland der Gemeinde“ USA mit ihren rund 350.000 Kirchengemeinden und einem Budget von ca. 100 Milliarden Dollar an. Dort übernähmen die Gemeinden selbst Aufgaben, die in Deutschland von übergeordneten Instanzen wahrgenommen würden. Insbesondere fühlten sich US-amerikanische Gemeinden als verantwortlich für den Glauben ihrer Mitglieder.

Alles in allem arbeitet Wegner überzeugend die Strukturen der Gemeinde in die Kirchentheorie ein und adressiert damit ein bestehendes Defizit. Dem in der Theorie oft als alternativlos erscheinenden großkirchlich-parochialen System stellt er eine gewichtige Alternative gegenüber – und wirft damit die Frage auf, ob strukturell nicht doch andere Grundentscheidungen und Wege möglich wären als bisher. Für die weitere Forschung ist zu wünschen, dabei auch innerhalb Deutschlands bereits bestehende Alternativen – etwa Migranten- oder Eventgemeinden – in ihren spezifischen Profilen zu analysieren, um an ihnen lernen zu können.


Dr. Johannes Schütt, Pflegevater, Leipzig