Praktische Theologie

Marian Burchardt / Monika Wohlrab-Sahr: Religion und Kultur

Marian Burchardt / Monika Wohlrab-Sahr: Religion und Kultur, Kleine Reihe Soziologie, Frankfurt: Wochenschau Verlag, 2026, Pb., 128 S., € 19,90, ISBN 978-3-7344-1737-5


Es scheint zunächst wie eine Binsenweisheit: Westliche Gesellschaften sind heutzutage stark säkularisiert und ihr Verhältnis zur Religion ist oft spannungsreich. Doch so offensichtlich dieser Sachverhalt ist, so komplex stellt er sich dar. Marian Burchardt arbeitet als Professor an der Universität Leipzig, Monika Wohlrab-Sahr ist Seniorprofessorin an derselben Hochschule. Beide forschen im Bereich der Kultursoziologie, allerdings mit unterschiedlichen Schwerpunkten, die sie im vorliegenden Titel gekonnt zusammenbringen.

Im ersten Kapitel erörtert das Autorenduo die Problemstellung. Ihr Fokus liegt v. a. auf den Verhältnisbestimmungen von Religion und Kultur. Denn je nachdem, ob die Begriffe gleichgesetzt werden, variabel verbunden oder in Opposition zueinander gestellt sind, prägt dies das soziale Leben. Dabei fassen sie den Kulturbegriff eher weit, d. h. sie sprechen von menschlicher Praxis, „bei der Handlungen und Gegenständen, Formen des Erlebens und der Erfahrung, Sinn und Bedeutung zugesprochen wird.“ (16)

Anhand zahlreicher Beispiele analysieren sie passend dazu, welche Akteure sich in bestimmten Situationen mit welcher Art von Annahmen, Argumenten und Absichten inszenierend an eine Hörerschaft wenden. Dies soll helfen zu verstehen, welche Verhältnisse von Religion und Kultur mit welcher Logik und mit welchen Konsequenzen heute postuliert werden.

Ob Handlungen oder Dinge eher im Bereich von Religion oder Kultur verortet werden, hängt von der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit und Funktion der Religion ab. So lautet die zentrale These im zweiten Kapitel, „dass gerade in religiös pluralen Gesellschaften, in denen keine Religion beanspruchen kann, die Gesellschaft als Ganzes zu repräsentieren, Religion als Kultur in den Vordergrund tritt.“ (27)

Sodann beschreiben Burchardt und Wohlrab-Sahr die Kulturalisierung von Religion. Ihre Beobachtung lautet: Innerhalb von Säkularisierung und Pluralisierung entstünden Dynamiken, bei denen z. B. sakrale Orte in ihrer Bedeutung transformiert würden. Die Menschen in den westlichen Gesellschaften fänden sich dabei in einer Spannung von biografischer und sozialer Geschichte. Sie hielten trotz ihrer Distanz gegenüber Religion weiterhin an heiligen Residuals (nach Daan Beekers) fest, die sie kulturell zu bewahren versuchten. Dies erkenne man etwa an den komplexen sozialen Prozessen bei der Nachnutzung, Umnutzung oder Neunutzung historischer Kirchen.

Gewissermaßen gegenteilige, kulturalisierende Bewegungen wären Bemühungen um die Oberhoheit über bedeutsame Orte. Hier würden bestimmte Interessengruppen nach „der religiösen Durchdringung oder Besetzung öffentlicher Räume durch die Symbole der dominanten Mehrheitsreligion“ (51) streben. Eine weitere Illustration für die Anfangsthese seien Museen: Ausgestellte kulturelle Artefakte würden in ihrer religiösen Bedeutung einerseits säkularisiert, andererseits auf eine neue Weise geheiligt werden. Interessant ist auch, dass die Autoren „durchaus Überlappungen zwischen den Handlungsweisen und Beobachtungsperspektiven“ (60) von Museumsbesuchern und Kirchgängern wahrnehmen.

Im dritten Kapitel geht es um die Frage nach den Regeln des öffentlichen Raumes. Am Beispiel des islamischen Gesichtsschleiers und den damit verbundenen Auseinandersetzungen skizzieren Burchardt und Wohlrab-Sahr verschiedene soziologische Zugänge, Positionen und Argumente. Bemerkenswert ist länderübergreifend die wiederkehrende Rolle von Moralunternehmerinnen (nach Howard S. Becker) und ihrer Nutzung bestimmter Narrative, um normative Ideen im öffentlichen Diskurs zu verbreiten. Darüber hinaus diskutieren die Autoren das eigentliche Konzept des öffentlichen Raumes und inwiefern irritierte Normalitäten oft emotionale Debatten auslösen. Anhand der Diskussion, ob der islamische Gesichtsschleier nun eher auf eine fremde Kultur oder auf eine fremde Religion verweise, lasse sich die Geschwindigkeit des kulturellen Wandelns gut ablesen.

Das vierte Kapitel fragt danach, inwiefern die Menschen Bezug auf Religion, Kultur und Zivilisation nehmen, um kollektive Identitäten zu stärken. Sowohl historische Ereignisse als auch geografische Topologien prägten das soziale Gedächtnis, ebenso das Verständnis von bedeutsamen Zentren, Peripherien und den Grenzen zu anderen Kulturräumen. Das Autorenduo benennt und analysiert mit Blick auf Religion verschiedene Zivilisationstheorien, stützt sich zur Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt jedoch klassisch auf Durkheim.

Das alles soll die Leser mitunter dafür sensibilisieren, bei welchen Gelegenheiten und mit welchen Wirkungen „sich auch heute kollektive Ausdrucksformen, die auf ein imaginäres Ganzes bezogen sind und sich dabei religiöser oder religionsähnlicher Ausdrucksformen und Bezugnahmen bedienen“ (98) erkennen lassen. Zwar scheint in säkularen Gesellschaften westlichen Typs eine neutral gelesene, kulturelle Sphäre viele religiös regulierte Bereiche zu verdrängen. Global gesehen sei jedoch oft das Gegenteil der Fall, so die Autoren.

In den Schlussbetrachtungen des fünften Kapitels werden zentrale Gedanken zusammengefasst und weitergedacht. Inwiefern Religion und Kultur sich überlappen oder konträr zueinanderstehen, sei letztlich von verschiedenen Gegebenheiten, Dynamiken und Strategien verschiedener Akteure abhängig. Markante Beispiele, um tiefer über die Verhältnisbestimmungen von Religion und Kultur nachzudenken, seien u. a. politische Erneuerungsbewegungen und religiöse Erweckungsbewegungen mit ihren jeweiligen Wertvorstellungen und Kulturbegriffen. Interessant ist allerdings: Auch säkulare Stimmen, die religiöse Prägungen als partikular ansehen und stattdessen auf eine höhere, allgemeine Kultur verweisen, entgehen nicht der Frage, „wie in einem pluralen Kontext überhaupt etwas Universelles festgehalten werden kann.“ (113) Einerseits begünstige der Kulturvergleich die Öffnung und Relativierung der eigenen Position, andererseits führe dies (mit Luhmann) zur Ziehung neuer Grenzen, um die eigene Identität weiter zu definieren.

Religion und Kultur ist auffallend dicht und überraschend gut geschrieben. Entgegen ähnlichen Titeln konzentriert sich das Duo nicht auf ein einziges Erklärungsmodell, um dieses dann schrittweise auszuwerten und nutzbar zu machen. Stattdessen greifen sie auf eigene Forschungsergebnisse zurück, u. a. zum Islam in Deutschland oder zu Raum und Materialität mit urban-ethnografischen Ansätzen. Dies ergänzt prominente Perspektiven wie z. B. jene von Charles Taylor oder Hartmut Rosa, die im Buch bezeichnenderweise nicht einmal erwähnt werden. Die Autoren entfalten ihren Gedankengang insgesamt konzentriert und nachvollziehbar. Methodische sowie grundsätzliche Problematiken, etwa zu deskriptiven und normativen Fragestellungen, werden transparent benannt. Die zahlreichen Beispiele sind gut gewählt und machen viele Thesen, Gegenthesen und Nuancen weiter greifbar.

Obwohl sich die Buchreihe v. a. an Lehrkräfte in der politischen Bildung richtet, ist der Titel für die Praktische Theologie nützlich wie relevant. Studierenden bietet er eine didaktisch robuste Einführung zum Thema. Mitarbeiter im missionarischen Gemeindeaufbau erhalten hier weitere Werkzeuge, um manche Dynamiken hinter öffentlichen Entwicklungen besser nachzuvollziehen. Theologische Lehrkräfte finden in Religion und Kultur weiterführende Anregungen für die eigene Arbeit. Zugleich kann sie die Lektüre weiter für Grundfragen und Grenzen von Referenzwissenschaften sensibilisieren, was wiederum das praktisch-theologische Kerngeschäft fördern mag.


Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom