Religionspädagogik & Katechetik

Arndt Schnepper/Daniel Straß (Hg.): Christliche Bildungslehre

Arndt Schnepper/Daniel Straß (Hg.): Christliche Bildungslehre. Eine Einführung, TVG Lehrbücher, Gießen: Brunnen, 2026, geb., 544 S., € 60,­–, ISBN 978-3-7655-9587-5


Das erste bildungstheoretisch ausgerichtete religions- und gemeindepädagogische Grundlagenwerk in der Reihe TVG Lehrbücher markiert – zeitgleich mit der von den Herausgebern initiierten Herausbildung der AfeT-Arbeitsgruppe „Religionspädagogik und Katechetik“ aus der bisherigen übergreifenden Arbeitsgruppe „Praktische Theologie“ – einen überfälligen und beachtenswerten Neuaufbruch. Arndt Schnepper analysiert treffend: „Bildungspraktisch sind Pietismus und Evangelikalismus seit den frühen 1970er-Jahren wieder in hohem Maße engagiert, bildungstheoretisch erscheinen sie eher schwach“ (172). Dass sich dies ändern lässt, zeigt der 18 Kapitel umfassende Sammelband eindrücklich durch die breite Rezeption evangelischer bildungstheoretischer und religionspädagogischer Grundüberzeugungen.

Trotz der vielfältigen Perspektiven innerhalb des Bandes lassen sich gemeinsame, tragfähige Grundlinien einer christlichen Bildungslehre konturieren:

1. Sie setzt einen umfassenden Bildungsbegriff voraus, der den lebenslangen Erwerb von Wissen, Kompetenzen und Haltungen sowie deren Integration in eine wertorientierte Persönlichkeitsentwicklung umfasst (6, 25, 224–229, 285, 425f.); 2. sie versteht Bildung im Kern als eigentätige Selbstentfaltung, die auf äußere Impulse und – im christlichen Deutungshorizont der relationalen Bestimmung des Menschen als Ebenbild Gottes – auf Gott verwiesen ist und ihr Transformationspotenzial im veränderten Selbst- und Weltverhältnis des Glaubens an Jesus Christus als vollendetes Ebenbild Gottes erhält (18f., 24f., 220–224, 229–233, 280f.); 3. sie verbindet allgemeine, schöpfungstheologisch begründete Bildung als Entfaltung des Menschseins mit spezifischer, soteriologisch begründeter Bildung als Befähigung zum Christwerden bzw. Christsein (20–24, 174f.); 4. sie erfordert einen subjektorientierten und entwicklungspsychologisch geschärften Blick auf Fragen, Deutungen, Haltungen und Zweifel der Lernenden (329, 340, 375, 416f., 445f., 481, 517f.); 5. sie begreift generationsübergreifendes Von- und Miteinanderlernen als Chance und strebt eine Vernetzung der Bildungsorte Familie, Gemeinde, Kindergarten und Schule an (303, 328, 352f., 382, 427f., 474); 6. sie versteht Paidea neben Martyria, Leiturgia, Koinonia und Diakonia als fünften Grundmodus der Kommunikation des Evangeliums bzw. als Grundvollzug von Kirche, der auf die genuine Bildungsverantwortung nach innen wie auch auf den gesellschaftlichen Beitrag nach außen zielt (36f., 175, 265–271, 316–319, 409f.).

Neben der Einleitung steckt das erste Kapitel von Arndt Schnepper die zentralen biblisch- und systematisch-theologischen Aspekte einer christlichen Bildungslehre pointiert ab und bildet das programmatische Leitkapitel des Bandes. Es folgen in den Kapiteln 2–5 umfangreiche historische Perspektiven der beiden Herausgeber, in denen sich stärker pädagogisch akzentuierte mit kompakteren, eher religionspädagogischen Darstellungen abwechseln. Die exemplarisch ausgewählten Personen der frühen Kirche und des Mittelalters verdeutlichen den Stellenwert der Herzens- und Gewissensbildung. Neben der Reformationszeit mit ihrer Aufwertung allgemeiner und religiöser Bildung werden die Bedeutung religiöser Selbstbildung und das bildungsorientierte Anliegen aktiver Weltgestaltung im Pietismus hervorgehoben. Nach exemplarischen Einblicken in das Denken einzelner christlicher Pädagogen unter modernen Bedingungen zeigen die abschließenden Betrachtungen, wie die Kritik an einer emanzipatorischen Pädagogik in den 1970er-Jahren zum Katalysator der evangelikalen Bewegung entlang bildungspraktischer Bruchlinien wurde.

Im zweiten Teil plausibilisiert Daniel Straß differenziert aus pädagogischer Perspektive einen umfassenden Bildungsbegriff und die Bedeutung letztorientierender Perspektiven für Persönlichkeitsbildung (Kap. 6–7). Heinzpeter Hempelmann plädiert aus soziologischer Perspektive überzeugend für milieusensible Bildung (Kap. 8). Als Kernstück erweisen sich die praktisch-theologischen Überlegungen Stefan Schweyers (Kap. 9) mit der Grundthese, dass Missions- und Bildungsauftrag der Kirche in der missio Dei einen gemeinsamen Ursprung haben und in der unverfügbaren Zielperspektive konvergieren, „dass die Bestimmung des Menschen zur Entfaltung kommt“ (260). Stephanus Schäl betont die systemische Zusammenschau verschiedener Bildungsorte, bei der insbesondere Familie und Mediengesellschaft noch stärker berücksichtigt werden sollten (Kap. 10–11). 

Die besondere Stärke des Bandes liegt im dritten Teil, der Bildung in den verschiedenen Lebensphasen multiperspektivisch erschließt und dabei viele bedenkenswerte Impulse setzt. Arndt Schnepper konturiert für die prägende Phase der Kindheit die Bedeutung der Primärsozialisation und einer Kultur der Fürsorge, Verlässlichkeit, Versöhnung und Hoffnung und hebt zudem Imitationslernen, Raum- und Zeitgestaltung, Kindertheologie und gemeindliche Familienbildung hervor (Kap. 12). Andreas Jägers fordert für die Jugendzeit, in der der Glaube oftmals auf dem Prüfstand steht, mehr örtliche Gruppenangebote, die Fragen und Zweifel ernst nehmen (Kap. 13). Kerstin Schirmer und Daniel Straß sensibilisieren für die Chancen von Glaubenskursen im Schnittfeld von Erwachsenenbildung und Erwachsenenarbeit, sofern diese Sinnfragen aufgreifen und die Spannungen von Vermittelbarkeit und Unverfügbarkeit sowie Positionalität und Kontroversität beachten (Kap. 14). Markus Müller versteht das Alter als chancenorientierte Lebensphase. Dabei sind nicht nur Anstrengungen für eine altersadäquate Bildung essenziell; auch die sinnstiftende Hoffnungsträgerschaft der Älteren sowie ein bejahender Umgang mit Lebensbegrenzungen eröffnen Bildungspotenziale für alle (Kap. 15). Den Abschluss bilden der wichtige Blick auf Menschen mit Behinderung (Margit Berg, Kap. 16) sowie die didaktisch reflektierte Erörterung des Methodeneinsatzes von Sozialformen, Musik, Erzählungen und Festen (Rahel Bidlingmaier, Kap. 17–18).

Der Band schließt eine wichtige bildungstheoretische Lücke im deutschsprachigen Evangelikalismus, ist aber nur eingeschränkt als inhaltlich umfassendes Grundlagenwerk zu verstehen und eher als programmatisch wegweisender Beitrag zu notwendigen bildungstheoretischen und (religions-)pädagogischen Neujustierungen innerhalb der evangelikalen Bewegung zu lesen. In diesem Sinne markieren die folgenden Desiderate zentrale Zukunftsaufgaben für die im AfeT vernetzte Forschungsgemeinschaft. Erstens erscheint es angezeigt, die richtungsweisenden, aber teils unterbestimmten wissenschaftstheoretischen und theologisch-anthropologischen Fundierungen intensiver zu diskutieren. Zweitens bleiben im Band trotz umfangreicher historischer Perspektiven einzelne theologiegeschichtlich bedeutsame Impulse für den wechselseitig konstitutiven Bezug von Glaube und Bildung unberücksichtigt, die es noch zu erschließen gilt. Drittens ist der Fokus auf die verschiedenen Lebensphasen zwar eine Stärke des Bandes; gleichwohl bedarf es einer ausführlicheren und substanzielleren Betrachtung der Bildungsorte Familie, Gemeinde, Religionsunterricht und Mediengesellschaft. Viertens müsste auch eine wissenschaftliche Betrachtung der in den letzten Jahrzehnten stark gewachsenen Zahl von Kitas und Schulen in evangelikal geprägter privater Trägerschaft integraler Bestandteil eines bildungstheoretischen Aufbruchs sein. Fünftens sollten die im Band überzeugenden programmatischen Weichenstellungen sowohl hinsichtlich einer lernortübergreifenden Konkretion der Bildungsverantwortung nach innen – etwa des biblischen und ethischen Lernens – als auch hinsichtlich christlicher Potenziale der Bildungsmitverantwortung nach außen konkretisiert werden.

Zusammengefasst stellt der Band einen weitgehend überzeugenden, polyphonen bildungstheoretischen und (religions-)pädagogischen Grundlagenentwurf dar, der als programmatischer Auftakt für die evangelikale Forschungsgemeinschaft zu verstehen ist. Zu wünschen bleibt, dass dieser Impuls in evangelikalen Bildungsinstitutionen und Gemeinden nicht nur Gehör findet, sondern auch im umfassenden Sinne bildend wirkt.


Dr. Tobias Lehmann, Dozent für Evangelische Theologie/Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg im Breisgau