Religionspädagogik & Katechetik

Melanie Grybel: Noch ganz bei Trost?!

Melanie Grybel: Noch ganz bei Trost?! Evangelische Bildungsarbeit unterwegs, Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2025, kt., 240 S., € 48,00, ISBN 978-3-374-07841-7


Evangelische Bildungsarbeit ist vielschichtig und doch vielseitig herausgefordert. Dabei kann sie auf zahlreiche Ressourcen und Einsichten zurückgreifen. Wie steht es etwa um ihre eigene katechetische Tradition, insbesondere im Lichte der heutigen Religions- und Gemeindepädagogik?

Melanie Grybel arbeitet als Jugendreferentin im Kirchenkreis Siegen-Wittgenstein und ist Lehrbeauftragte an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe. Mit dem vorliegenden Titel präsentiert sie ihre an der Uni Paderborn erfolgte Dissertation. Darin untersucht sie das religionspädagogische Potenzial des Heidelberger Katechismus (HK) für die gegenwärtige evangelische Bildungsarbeit.

Gleich im ersten Kapitel nennt die Autorin ihre Leitthesen, nämlich erstens, dass evangelische Bildungsarbeit weiterhin gefragt ist, insofern sie gesellschaftsrelevant und heilvoll, d.h. zum Nutzen von Menschen entwickelt werden kann. Zweitens sieht sie im HK als protestantischen Lehr- und Bekenntnistext eine ertragreiche Quelle für eine derart gestaltete evangelische Bildungsarbeit. Diese bestimmt sie als ein „Unterwegssein von und mit Menschen auf ihrem je persönlichen Lebensweg hin zu und in vertrauensvoll schwankendem Weltumgang. Dies ist sie aufgrund der einen, in Jesus Christus lebendigen, unergründlichen Hoffnung, dass heilvolles, erfülltes, gelingendes Leben möglich ist.“ (S. 13)

Das zweite Kapitel erläutert die besondere Entstehungsgeschichte des HK und seine andauernde Wirkung über die Reformationszeit hinaus. Ein Blick auf den Aufbau und die Form des Katechismus zeigt, dass die Frage-Antworten 1 und 2 eine besondere Ouvertüre bzw. einen hermeneutischen Schlüssel darstellen, die die Gläubigen zur dreifachen Grundlage ihres Trostes in Elend, Erlösung und Dankbarkeit zu Christus führen. Grybel sieht im HK deutlich einen Beitrag zu einer subjektorientierten Religionspädagogik mit einem ehrlichen Ringen um Erkenntnis innerhalb einer dialogischen Gott-Mensch-Relation.

Zusätzlich dazu reflektiert sie drei praktische-theologische Perspektiven zum HK: Der fundamentaltheologische Ansatz von Thorsten Latzel mit Fokus auf eine eigenständige Glaubenskommunikation; der systematisch-theologische Ansatz von Magdalene Frettlöh, die den HK als soteriologisch-therapeutisches Programm für mündig werdende Christen versteht; und schließlich Matthias Freudenbergs Blick auf das persönlichkeitsbildende Potential des HK. Eine Auswertung der verschiedenen Erkenntnisse mit einer religionspädagogischen Zuspitzung leitet zum nächsten Teil über.

Im dritten Kapitel bietet Grybel einen kompakten historischen Abriss über die Entwicklung der klassischen Katechese hin zur evangelischen Bildungsarbeit. Dabei arbeitet sie zahlreiche Verbindungslinien heraus, um eine Kontinuität der Katechetik zur gegenwärtigen Gemeinde- und Religionspädagogik zu unterstreichen. Zudem plädiert sie für eine breit aufgestellte und offene evangelische Bildungsarbeit, die unter den Bedingungen der flüchtigen Moderne (Zygmunt Bauman) ihre Glaubensinhalte nicht starr und dogmatisch, sondern konfessorisch-lebensrelevant vertreten kann, um die Menschen auf der Suche nach ihrem eigenen Lebensweg zu begleiten.

Daran anschließend diskutiert sie drei zeitgenössische religionspädagogische Ansätze mit dem Ziel einer „praktisch-theologischen Bestimmung ev. Bildungsarbeit“ (S. 95), um so für zukunftsfähige, heilvoll-nützliche Perspektiven in Theorie und Praxis zu sensibilisieren. Hierzu gehören Ingrid Schoberths religionspädagogische Sicht auf das Glauben-Lernen, die experimentelle Religionsdidaktik von Dietrich Zilleßen und Bernd Beuscher, sowie Michael Domsgens Theorie eines evangelischen Empowerments. Die darauffolgende Auswertung und thematische Vertiefung bündelt die Einsichten der drei großen, etablierten Ansätze noch einmal, was mit Grybels bereits erwähnter Vision und Definition einer evangelischen Bildungsarbeit korrespondiert.

Im vierten Kapitel beschreibt die Autorin den HK schließlich als eine vielgestaltige Matrix für die gegenwärtige evangelische Bildungsarbeit. Ihre Thesen und Impulse orientieren sich an der grundsätzlichen Struktur des Katechismus: Laut Grybel erinnerten die Anfangsfragen des HK an die religionspädagogische Aufgabe, den Menschen Vertrauen, Trost und Mut zu vermitteln. Das Thema vom Elend des Menschen verweise auf das Auftrags- und Bildungsdilemma der Kirche; die Erlösung in Christus führe u.a. zu einem befreienden Umgang mit der eigenen Tradition, während Dankbarkeit neuen Raum für das eigene Denken und Handeln biete. Das abschließende Amen des HK führt die Theologin zu einem kurzen Epilog, der als fünftes Kapitel einen praktisch-theologischen Ausblick mit Segenswünschen für die Zukunft der evangelischen Bildungsarbeit beinhaltet.

Melanie Grybel wagt sich mit ihrer Untersuchung an äußerst interessante Themen, Spannungsfelder und Grundfragen heran. Dabei verbindet sie kirchen- und dogmengeschichtliche mit praktisch-theologischen und religionspädagogischen Perspektiven, die sie gekonnt auswertet und gelungen miteinander verbindet. Heraus kommt eine Studie, die einerseits einen wohlwollenden Blick auf die katechetische Tradition wirft, und andererseits den aktuellen Stand der Religionspädagogik berücksichtigt, um dies alles für eine dezidiert evangelische Bildungsarbeit weiterzudenken. Das alles ist lehrreich und horizonterweiternd dargelegt, wobei der klare Schreibstil zeitweise von poetisch-assoziativen Überlegungen ergänzt wird.

Dass evangelische Bildungsarbeit im Kern „religionspädagogisch reflektiertes evangelisch-katechetisches Handeln“ (S. 112) ist, dem wäre von einer evangelikalen Perspektive her positiv zuzustimmen. Allerdings würde man mitunter die Dimensionen von Christologie, Soteriologie und Lebensrelevanz noch stärker schrifttheologisch füllen und ekklesiologisch ausrichten wollen, als es Grybel in ihrer Interpretation des HK tut (S. 88-93). Und so fallen beim Lesen der Studie wiederholt axiomatische Entscheidungen auf: Damit sich eine evangelische Bildungsarbeit im Heute als heilvoll und nützlich erweisen kann, werden viele klassische katechetische Inhalte immer wieder zeitgenössischen Interpretationen und Kontextualisierungen unterzogen. So wird z.B. Sünde als transmoralisch und in erster Linie als selbstschädigende Grundsituation des Menschen verstanden, während weiterhin die Annahme des Menschen in Christus deklariert wird.

Auch schwingt bei der Lektüre immer wieder der Dreiklang von Schleiermacher, Barth und Tillich mit, der die Unverfügbarkeit von Gott, Mensch und Bildung postuliert und gegen (fundamentalistisch verstandene) Vereinnahmungen zu verteidigen versucht. Einerseits erinnert dies an die Diskussion um die theologisch-inhaltliche Füllung des Leitbegriffs von der Kommunikation des Evangeliums. Andererseits verweist das Ganze auf die pädagogische Problemstellung der Ich-Werdung zwischen deskriptivem Sein und normativem Sollen.

Noch ganz bei Trost?! liefert keine Studie über den Heidelberger Katechismus an sich oder über seine Vermittlungspraxis in konkreten Kontexten wie Schule und Familie. Stattdessen ist Grybels Arbeit eine konzeptionelle Tiefenstudie, die gewichtige Analysen und konstruktive Impulse für die evangelische Bildungsarbeit im volkskirchlichen Rahmen formuliert. Freikirchliche Theologen und praktisch orientierte Gemeindepädagogen können hier mancherlei Anregungen für ihre eigene Arbeit in Theorie und Praxis finden bzw. sich für religionspädagogische Grundfragen sensibilisieren lassen.


Daniel Vullriede, M.A., M.A., Dozent am Bibelseminar Bonn und IBEI Rom