Christiane Tietz: Nietzsche
Christiane Tietz: Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums, München: C.H.Beck, 2025, Hb., 249 S., € 28,–, 978-3-406-82895-9
Die Systematikerin und derzeitige Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Christiane Tietz, beschäftigt sich nach ihren Veröffentlichungen zu Karl Barth (Ein Leben im Widerspruch, 2018) und Dietrich Bonhoeffer (Theologe im Widerstand, 2013) in ihrer neuesten Bucherscheinung mit einem der einflussreichsten Philosophen der Moderne, Friedrich Nietzsche. Pünktlich zum 125. Todestag Nietzsches am 25. August 2025 ist ihr Werk Nietzsche. Leben und Denken im Bann des Christentums bei C.H. Beck erschienen. Wie bei Bonhoeffer und Barth bleibt sie auch bei Nietzsche ihrem methodischen Anfahrtsweg treu. Denn die Autorin verbindet bei Bonhoeffer dessen Lebensgeschichte mit seiner theologischen Entwicklung und bei Barth untersucht sie die Wechselwirkungen zwischen seiner persönlichen und politischen Biografie und seiner Theologie. Ganz ähnlich liegt ein besonderer Schwerpunkt ihres neuen Buches nun ebenfalls auf der Verbindung zwischen Nietzsches Biografie und seiner Philosophie, doch der methodische Zugriff ist nochmals etwas anders gelagert. Bei Nietzsche steht die Beziehung von Leben und Denken unter dem besonderen Blickwinkel, welchen Einfluss das Christentum auf seine geistige Entwicklung genommen hat, „wie Nietzsche von Religion und Theologie geprägt wurde und was diese Prägung für sein Werk bedeutet“ (9).
In zwölf Kapiteln zeichnet Tietz die wichtigsten Stationen seines Lebens nach, stellt seine zentralen philosophischen Ideen vor und versucht, beides im Lichte christlicher Einflüsse miteinander in Beziehung zu setzen. Dabei gelingt es ihr, Nietzsche als widersprüchliche und vielschichtige Persönlichkeit darzustellen, ohne ihn auf einzelne Schlagworte oder seine spätere Vereinnahmung durch politische Ideologien zu reduzieren. Tietz möchte Nietzsche „erst einmal zuhören“, ohne „zu bewerten“ (181). Diese Vorgehensweise ist speziell im Hinblick auf Nietzsches Kritik am Christentum begrüßenswert, da sie den Leser dazu einlädt, sich gedanklich selbst mit den Einwänden Nietzsches auseinanderzusetzen. Ganz ohne Wertung geht es dann freilich auch für die Autorin nicht, wobei sie diese vor allem im Epilog zum Ausdruck bringt. Das familiäre Deutungsschema, mit dem sich Nietzsche zunehmend kritisch auseinandersetzte, dabei pauschal als „pietistisch“ zu bewerten (182), erscheint zumindest fragwürdig.
Eine besondere Stärke des Buches besteht darin, dass Nietzsche nicht als Denker mit klaren und abgeschlossenen Lehren präsentiert wird, sondern als jemand, dessen Philosophie häufig aus Perspektivwechseln, Zuspitzungen und Provokationen besteht. Beispielhaft hierfür ist sein Wandel in Bezug auf die menschliche Willensfreiheit, die der junge Nietzsche ebenso leidenschaftlich vertrat (48f), wie der spätere Nietzsche sie ablehnte (90f), oder sein Wandel innerhalb weniger Monate hinsichtlich eines eigenen Vortrags über das amerikanische Christentum (59). Auch Widersprüchlichkeiten im eigenen Denksystem, so etwa zwischen Nietzsches „freiem Geist“ (88, 139, 147) und seiner These, alles sei determiniert (48f, 90f, 133f), stehen hierfür exemplarisch.
Tietz gelingt es, durch chronologische Struktur die wichtigsten Ideen Nietzsches „im Bann des Christentums“ zu entfalten. Existentieller Schlüsselfaktor ist hierbei zweifelsohne der frühe und tragische Tod des geliebten Vaters für den Vierjährigen (20–22), gefolgt von anderen Schicksalsschlägen wie etwa der Tod des Bruders ein gutes halbes Jahr später oder der Tod des verehrten (christlich-erwecklichen) Lehrers Robert Buddensieg (39–41). Der Wandel des jugendlichen Nietzsche vom frommen Buben zum aggressiven Atheisten erscheint vor diesem Hintergrund nicht abrupt und plötzlich, sondern schleichend und allmählich. Einflüsse wie die des religionskritischen Lehrers Ernst Ortlepp (41f), vor allem aber die Lektüre Feuerbachs als Siebzehnjähriger (47) werden für den an geistiger Schärfe zunehmenden Nietzsche zu intellektuellen Waffen, mit denen er seine schmerzenden Lebenserfahrungen gegenüber der einseitigen Schicksalsdeutung, die er durch das familiäre Umfeld erlebt, in immer aggressiver werdendem Ton verteidigt. Nichtsdestotrotz betont Tietz anhand der Quellen, dass Nietzsche im Gegensatz zu seiner Selbstdarstellung während seiner Zeit an der Eliteschule Schulpforta noch kein Atheist war (50f).
Die Autorin zeigt weiterhin gekonnt und eloquent, wie persönliche Erfahrungen, Krankheiten, Freundschaften und Konflikte Nietzsches Entwicklung beeinflussten. Dadurch wird es psychologisch zwar verständlicher, weshalb Nietzsche sich zunehmend kritisch gegenüber den traditionellen Vorstellungen von Religion, Moral und Wahrheit positionierte. Rational gesehen werden viele der Kritikpunkte Nietzsches dadurch aber nicht überzeugender. Dies wird exemplarisch ersichtlich an Nietzsches „Haupteinwand“ gegen religiöse Wahrheitsansprüche, „dass nämlich die kindliche Prägung durch eine bestimmte Religion dafür verantwortlich ist, welcher Religion man anhängt“ (61). Anders formuliert: „Ein Mensch ist Christ, weil er in einem vom Christentum geprägten Land aufgewachsen ist“ (93). Das Hauptproblem mit Nietzsches Haupteinwand ist jedoch (neben einigen anderen Problemen), dass er auf einem genetischen Fehlschluss beruht. Nietzsche möchte die Herkunft, Entstehung oder Ursache einer Überzeugung nutzen, um seine Wahrheit zu beurteilen, anstatt die Glaubensüberzeugungen selbst rational zu prüfen. Doch aus der Herkunft einer Idee folgt nicht automatisch, dass sie richtig oder falsch ist. Nur weil Nietzsche vermeintlich erklären kann, wie individueller Glaube entstanden ist („Ich bin in einem christlichen Land oder in einer christlichen Familie aufgewachsen“), folgt daraus keineswegs, dass der Glaube deshalb falsch (oder richtig) ist. Die Klärung der sozio-kulturellen Ursprungsfrage einer Überzeugung ist kein epistemisches Wahrheitskriterium. Die Fehlerhaftigkeit dieser Art von Denken offenbart sich noch stärker, wenn wir sie auf Nietzsche selbst anwenden, etwa nach dem Motto: „Nietzsches Religionskritik entstand aus seinen persönlichen Krisen und Konflikten mit dem Christentum. Deshalb ist seine Kritik am Christentum nicht ernst zu nehmen.“ Sowenig sich die Biographie Nietzsches dazu gebrauchen lässt, um seine Kritik zurückzuweisen, sowenig lässt sich Kulturprägung dazu heranziehen, um (christliche) Wahrheitsansprüche zu entwerten. Dieser Denkfehler ist bereits in Feuerbachs Projektionstheorie angelegt und wurde von Nietzsche übernommen. Daher ist Tietz im Epilog auch nicht zuzustimmen, wenn sie diesen Haupteinwand als „die beunruhigendste Frage für glaubende Menschen“ adelt (184). Beunruhigend ist diese Frage nur für jene, die ihren eigenen Glauben rational nicht durchdacht haben, oder für jene, die lediglich nominell und ohne innere Überzeugung mit einer Art Kulturchristentum in Verbindung stehen.
Das Hauptproblem mit Nietzsches Haupteinwand weist auf eine weitere wichtige Tatsache hin, die durch Tietz’ methodische Herangehensweise offenbart wird: „Seine Kritik des Christentums sei nicht in einem Prozess des Nachdenkens entstanden, sondern sei Atheismus ‚aus Instinkt‘“ (173). Hinter vielen Kritikpunkten Nietzsches, wie etwa die feuerbachsche These, Glaube sei Bedürfnisprodukt (47), steckt keine rationale Argumentation, sondern emotive Ablehnung. Nietzsches Kritik des Christentums ist oftmals von starken persönlichen Gefühlen geprägt, etwa Wut, Enttäuschung, Abneigung oder Empörung, die sich aus den eigenen, bitteren Lebenserfahrungen speisen.
Insgesamt bietet Christiane Tietz eine informative, gut lesbare und differenzierte Einführung in das Leben und Denken eines der einflussreichsten Philosophen der Moderne. Ihre These, „dass Nietzsche das Christentum als Thema nicht loswurde“ (9), belegt sie mithilfe einer klaren Struktur, sicherer Quellenkenntnis und der methodisch gelungenen Verbindung von Biografie, Philosophie und historischer Einordnung. Man erhält einen frischen Zugang zu Nietzsche als Mensch und Denker. Seine kritische Haltung zum Christentum wird psychologisch verständlicher, rational überzeugender wird sie nicht.
Dr. Fabian F. Grassl, Referent der Bamler-Gehret Stiftung, Blaibach.