Systematische Theologie

Thorsten Dietz / Maria Hinsenkamp (Hg.): Christlicher Nationalismus in den USA

Thorsten Dietz / Maria Hinsenkamp (Hg.): Christlicher Nationalismus in den USA. Theologische Erkundungen zu Geschichte und Profil einer global einflussreichen Bewegung, Tübingen: Mohr Siebeck, 2026, Pb., 233 S., € 24,–, ISBN 978-3-16-164862-5


Der vorliegende Sammelband hat das Anliegen, das spätestens seit der zweiten Amtszeit von Donald Trump auch in der hiesigen öffentlichen Wahrnehmung angekommene Phänomen des christlichen Nationalismus in den USA theologisch zu analysieren. Dieser wird zunächst definiert als „politische Positionen, in denen ‚christlich‘ zum fundierenden Grund und zur exkludierenden Norm des nationalen Selbstverständnisses wird, in Abgrenzung zu säkularen, liberalen und pluralistischen Gesellschaftsbildern“ (2). Ziel ist es, religiöse Kernüberzeugungen und die daraus resultierenden Narrative zur Selbst- und Weltdeutung christlich-nationalistischer Strömungen herauszuarbeiten (3). Wen genau die „ökumenische Zielsetzung“ (5) und das ausdrückliche Selbstverständnis des Bandes als „Gesprächsangebot“ (7) adressiert, erschließt sich zunächst nicht: Schließlich handelt es sich um einen in deutscher Sprache publizierten Sammelband über ein Phänomen in den USA. Es wird dann aber schnell deutlich, dass der Band generelle Anfragen an konservative Theologie und evangelikale und charismatische Frömmigkeit (6) stellt und auf bestimmte Entwicklungen innerhalb dieser Strömungen aufmerksam machen möchte, in denen sich „theologische Deutungsmuster, eschatologische Erwartungen und weltanschauliche Konfliktnarrative verdichten und politisch aufladen“ (6).

Die Grundannahme aller Beiträge liegt folglich darin, dass trotz erheblicher kontextueller Unterschiede die Entwicklungen in den USA in den deutschen Kontext hineinwirken und die benannten Theologien und Frömmigkeitsstile diese Themen kritisch reflektieren sollten. Wie sinnvoll ein Sammelband aus lediglich drei Aufsätzen (9–150) und einem Interview (151–196) sowohl ein komplexes Phänomen in den USA beschreiben als auch ein produktives Gespräch über die Rückwirkungen auf deutsche Kontexte anstoßen kann, bleibt eine begleitende Frage bei der gesamten Lektüre.

Im ersten Kapitel (9–72) arbeitet Thorsten Dietz die Entwicklungen von der christlichen Rechten hin zum christlichen Nationalismus heraus. Dabei extrapoliert er zunächst die besondere Verhältnisbestimmung von Religion und Politik in den USA und die grundlegend verbreiteten Leitnarrative und Grundkategorien politischer Ethik (12–15). Weiter zeichnet Dietz präzise die Entwicklung der christlichen Rechten als gegenkulturelle Entwicklung zum progressiven Wandel in den 1960er Jahren nach. Für den Neocalvinismus (42–51) und charismatisch-pentekostale Strömungen (51–62) zeigt Dietz detailliert, wie die ideengeschichtliche Linie innerhalb beider Spektren hin zu dezidiert christlich-nationalistischen Theologien und Handlungen verläuft. Diese kulminieren in der Vorstellung einer „christliche[n] Suprematie“ und in dem restaurativen Anspruch, die USA wieder als christliche Nation herzustellen, wobei beide Anliegen nur vage bestimmbar sind (65).

Dietz’ Beitrag zeichnet sich durch eine gelungene Verbindung von Elementarisierung und Differenzierung aus. Zentrale Personen, Netzwerke und Entwicklungen werden vorgestellt und die daraus resultierenden Leitnarrative, politischen Ethiken und Konsequenzen schlüssig dargestellt. Als theologische Kritik am christlichen Nationalismus (65–72) formuliert Dietz eine autoritäre Verfälschung der Reich-Gottes-Botschaft und einen in gewissen evangelikal-fundamentalistischen Theologien begründeten Hang zum Dualismus in der politischen Debatte. Die beiden weiteren Punkte einer Sakralisierung des Politischen und des Verlustes der Grundunterscheidung von Politik und Religion sind aus den Debatten über die Öffentliche Theologie auch im deutschsprachigen Kontext schon länger bekannt und stellen generellere Aspekte dar.

Die beiden Beiträge von Maria Hinsenkamp (73–119) und Manuel Schmid (121–150) sind jeweils an die Dissertationsprojekte beider Autoren angelehnt. Der Beitrag von Hinsenkamp über pfingstlich-charismatische Dynamiken im christlichen Nationalismus leidet daran, dass er versucht, die komplexe 500-seitige Dissertation der Autorin und die dort grundgelegte These einer Kingdom-minded Network Christianity (KiNC) zusammenzufassen. Generelle Anfragen an die Tragfähigkeit und die Tiefenschärfe der heuristischen Kategorie KiNC können hier leider nicht vertieft werden. Über ihre Dissertation hinausgehend stellt Hinsenkamp die These auf: „KiNC ist der Cocktail, den sich der gegenwärtige christliche Nationalismus in den USA bevorzugt einschenkt“ (75). Im Anschluss werden die diesen Netzwerken grundlegenden theologischen Visionstopoi (Reich Gottes, Gebet, Jüngerschaft, Mission und Einheit) beschrieben, die Verbreitung der Netzwerke aufgezeigt und vier Netzwerkcluster benannt. Anhand von Netzwerkverbindungen versucht Hinsenkamp den Einfluss der KiNC im deutschsprachigen Raum aufzuzeigen. Dies gelingt nur teilweise. Neben einigen nachvollziehbaren Zuschreibungen fällt die flächige Unterstellung von Herrschaftstheologien neocharismatischer Provenienz auf, ohne die Vorwürfe im Detail zu belegen (115). Mit dem gleichzeitigen Fehlen von Kriterien zur theologischen Beurteilung gesellschaftstransformatorischer Ziele und politischer Ethiken bleibt der Beitrag deutlich hinter dem von Dietz zurück. Spannend wäre gewesen zu vertiefen, wie sich die von Martin Fritz im selben Band gemachte Beobachtung einer eher internationalistischen Ausrichtung der deutschsprachigen neocharismatischen Szene (152) und die von Hinsenkamp selbst herausgearbeitete paneuropäische Ausrichtung von neocharismatischen Bewegungen wie Awakening Europe oder Europe shall be saved (113) zu christlich-nationalistischen Zielsetzungen verhält.

Manuel Schmid zeichnet den Aufstieg und die Politisierung des evangelikalen Neocalvinismus in den USA nach. In den theologischen Diskussionen um den Offenen Theismus seit den 1990er Jahren sieht Schmid ein „Brennglas US-Evangelikaler Entwicklungen der letzten Jahrzehnte“ (122). Mit dem Machtzuwachs konservativ-neocalvinistischer Strömungen sei eine zunehmende Delegitimierung abweichender evangelikaler Stimmen einhergegangen. Die in Teilen autoritär geführte theologische Auseinandersetzung um Gottes Macht stehe exemplarisch für „Resonanzeffekte zwischen theologischen Souveränitätsmodellen und autoritären gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen“ (123). Die Anschlussfähigkeit an christlich-nationalistische Ordnungsentwürfe bestehe vor allem in der Gotteslehre mit ihrer Betonung auf Souveränität, der damit einhergehenden negativen Anthropologie sowie dem Komplementarismus. Ein hierarchisches Wirklichkeits- und Ordnungsverständnis sowie ein „Misstrauen gegenüber pluralistischen, offenen Gesellschaftsmodellen“ (144) seien die Folge. Schmid endet mit der These, dass sich der US-Evangelikalismus möglicherweise politisch anders entwickelt hätte, wenn die Debatte um den Offenen Theismus anders ausgegangen wäre.

Der Band endet mit einem Interview mit dem Referenten der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Martin Fritz. Anhand der Reaktionen auf den Mord an Charlie Kirk im deutschsprachigen Evangelikalismus werden Verbindungslinien, Unterschiede und Eigenheiten des deutschen und des US-amerikanischen Evangelikalismus und Nationalismus herausgearbeitet. Während Fritz’ Urteil in Bezug auf die pfingstlich-charismatische Szene zurückhaltender ausfällt (153) als das von Hinsenkamp, sieht er einen „im Festhalten an der Autorität der ganzen Bibel als Wort Gottes“ begründeten Hang zu „antimoderne[n], antiliberale[n] und antistaatliche[n] Neigungen“ (156). Damit relativiert Fritz die in der Einleitung vorangestellte Beteuerung, dass weder „konservative Theologie noch evangelikale oder charismatische Frömmigkeit“ (6) an sich das Problem seien. Im Gegensatz zu Dietz, der in seinem Beitrag stärker den Zusammenhang von kulturell etablierten Leitnarrativen und Grundkategorien politischer Ethik mit evangelikal-konservativen Letztbegründungsmustern untersucht, wird auf unterkomplexe Art und Weise das Problem als dem Evangelikalismus „strukturell inhärent“ (156) erklärt. In Bezug auf die Verbreitung problematischer Einstellungen im deutschsprachigen Evangelikalismus ist Fritz zurückhaltender („schwer zu sagen“, 157; „gar nicht leicht, das seriös einzuschätzen“, 182; „Gewichtung schwierig“, 186). Anregend ist hingegen die These, dass drei ursprünglich konservative Motive, nämlich ein ethisches (Ordnungsdenken und moralischer Realismus), ein kulturelles (homogen-christentümliche Gesellschaft) und ein religiöses (Objektivitätsideal) Motiv für christliche Neigungen zum Rechtspopulismus verantwortlich sind (168–176).

Die doppelte Zielrichtung des Bandes, sowohl die Lage in den USA aufzuarbeiten als auch einen Diskussionsraum im deutschsprachigen Evangelikalismus zu eröffnen, ist für einen solch kurzen Band zumindest ambitioniert. Das dezidiert geäußerte Gesprächsangebot könnte produktiv bei Dietz’ theologischer Kritik am christlichen Nationalismus (65–72) und Fritz’ These über die Gründe zur Neigung mancher christlichen Strömungen zum Rechtspopulismus (168–176) ansetzen. Besonders ersterer Beitrag zeichnet sich dadurch aus, dass Akteure, Leitnarrative und politische Ethiken herausgearbeitet werden, die dem christlichen Nationalismus Vorschub leisten oder ihn aktiv bedienen. Schmids Beitrag hingegen setzt bei einer systematisch-theologischen Diskussion in der Gottesfrage an, die in ihrer Zuspitzung und Schärfe nur in einem vom Neocalvinismus geprägten Umfeld zu verstehen ist. Als Ertrag fürs Gespräch bleibt deshalb vor allem die berechtigte Mahnung, theologische Konflikte nicht durch Exklusionsprozesse zu lösen. Die Stärke des Bandes kommt an den Stellen zu tragen, wo die Debatten innerhalb von Evangelikalismus und pfingstlich-charismatischer Bewegung deutlich werden (z. B. 51, 53) und wo pauschale Übertragungen zwischen dem US-amerikanischen und dem deutschen Kontext abgelehnt werden (11, 151f). Kundige und gut elementarisierte theologiegeschichtliche Entwicklungen und synchrone Darstellungen der evangelikalen und pfingstlich-charismatischen Landschaften sind für den Leser gewinnbringend (16–62, 131–142). An den Stellen, an denen Binnendiskurse ausgeblendet werden, an denen qua Netzwerkverbindungen flächig problematische Positionen unterstellt (z. B. 115, 118 unten) oder an denen die Thematik primär anhand von extremen Positionen (177, 186f) untersucht wird, ohne deren Einfluss und Reichweite im evangelikalen und charismatischen Spektrum näher erläutern zu können, zeigt sich die Schwäche des vorliegenden Bandes.

Evangelikale und konservative Letztbegründungsmuster per se zum Problem zu erklären (156) ohne die Zusammenwirkung mit dem kulturell etablierten Grundrahmen der Verhältnisbestimmung von Religion und Politik zu beachten, erschwert ein produktives Gespräch. Zunächst sollte wie von Dietz im Ansatz geleistet (9–15) das Verhältnis von nationalen Leitnarrativen und christlichen Letztbegründungsmustern allgemein und frömmigkeitsübergreifend untersucht werden, bevor man bestimmten theologischen Denkmustern pauschal unterstellt, einem christlichen Nationalismus Vorschub zu leisten. So könnte viel deutlicher und prägnanter benannt werden, auf welche evangelikalen Letztbegründungsmuster unter welchen Rahmenbedingungen der Vorwurf berechtigterweise zutrifft. Weiter gerät bei Pauschalzuschreibungen aus dem Blick, welche positiven Ressourcen der Evangelikalismus zu einem gelingenden Zusammenleben in pluralistischen Gesellschaften beisteuern kann. Wenn neben der Anfälligkeit des Evangelikalismus für christlichen Nationalismus auch seine Beiträge gegen solche Einstellungen in den Blick geraten würden, könnte das Gespräch die im vorliegenden Sammelband immer wieder aufscheinenden Pauschalurteile überwinden und einen gewinnbringenden Lauf nehmen.

Der vorliegende Band ist als aktuelle Auseinandersetzung mit dem christlichen Nationalismus und seinen Grundlagen und Vorannahmen zu würdigen. Da es sich um ein gewichtiges theologisches Problem unserer Zeit handelt, ist zu hoffen, dass es in weiteren Beiträgen und auch in innerevangelikalen Debatten vertieft aufgearbeitet wird.


Dr. Christoph Lehmann ist wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Religionswissenschaft und Interkulturelle Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal