William T. Cavanaugh: The Uses of Idolatry
William T. Cavanaugh: The Uses of Idolatry, New York: Oxford University Press, 2024, kt., IX+493 S., € 40,50, ISBN 9780197679050
„The Uses of Idolatry“ muss als Sprachangebot an das innerkirchliche Gespräch über außerkirchliche Themen verstanden werden. Es gibt verschiedene Modelle, wie sich Kirche in augenscheinlich nichtkirchliche Dinge einmischen sollte, insbesondere wenn sie vorhat, sich kritisch zu äußern. Funktional differenziert würde man die Kirche auf „die letzten Dinge“ verweisen. Im rationalen Diskurs würde man sie gesittet an den runden Tisch bitten. Im politischen Lagerkampf würde man sie mit dieser oder jener Sache gemein machen. Doch das Interesse William Cavanaughs, Professor der katholischen Theologie an der DePaul University in Chicago mit dem Fokus Politische Theologie, ist die Anbetung der Menschen, und sein Buch ist der Versuch, der kritischen Reflexion dieser Anbetung eine Sprache zu geben. Dabei stellt sich früh heraus, dass die Unterscheidung zwischen „innerkirchlich“ und „außerkirchlich“ in Cavanaughs Augen nicht standhält, sodass es sich nicht um eine „theologisch-kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichem Thema X“ handelt. Es geht vielmehr darum: „if everybody worships, we might as well try to worship a true God instead of a false one“ (14).
Das knapp 500 Seiten umfassende Buch ist in acht Kapitel gegliedert, die jeweils vier Einheiten ergeben. In den ersten beiden Kapiteln liest Cavanaugh Max Webers und Charles Taylors Säkularisierungstheorien gegen den Strich, indem er Lücken und Inkonsistenzen herausarbeitet. Laut Cavanaugh führen beide die Unterscheidung immanent/transzendent bzw. religiös/nicht religiös ein, ohne sie sauber durchzuhalten. Cavanaugh selbst versucht diese Unterscheidung zu unterlaufen, indem er den Religionsbegriff konstruktivistisch, nicht substanziell oder funktionalistisch, befragt. Weil er diese Unterscheidungen grundsätzlich für nicht tragfähig hält, wendet er den Fokus auf die Absicht dessen, der diese Unterscheidung einzieht. Die Pointe dieser beiden Kapitel ist die Ablehnung der Säkularisierungsthese. „What has declined in the modern West is not belief in transcendence; what has declined is belief in God“ (93).
Wenn sich das Problem nun vom Austausch von Argumenten zur Reflexion, Kritik und Einübung von Anbetung verlagert, dann braucht man einen neuen sprachlichen Zugriff auf Themen wie beispielsweise Nationalismus und kapitalistische Marktwirtschaft. Cavanaugh bietet die Sprache der Götzenkritik an. In den Kapiteln drei, vier und fünf entwickelt er aus der Quelle der Heiligen Schrift, aus relevanten Texten von Augustinus von Hippo und aus der Phänomenologie Jean-Luc Marions die Grundzüge einer zeitgemäßen Götzenkritik. Cavanaugh ringt dabei um einen möglichst differenzierten Götzenbegriff, der, als ein Spektrum verstanden, sowohl Gläubige als auch Ungläubige unter eine Kritik stellt und unter Umständen sogar eine leicht positive Lesart eines Götzen zulässt, ohne dabei die Unterscheidung zwischen Gott und nicht-Gott aufzuheben. Gott, der Schöpfer aller Dinge, öffnet sich mittels der materiellen Wirklichkeit für eine Beziehung mit den Menschen. Götzendienst ist es laut Cavanaugh, wenn der sehnsüchtige Blick an der materiellen Wirklichkeit erstarrt und nicht mehr durch sie hindurch zu sehen vermag, um Gott in ihr zu erkennen. Stattdessen wird der Götze zum Spiegelbild, in dem der Anbetende nur noch sich selbst schaut.
In den Kapiteln sechs und sieben spielt Cavanaugh dann seine Götzenkritik an zwei Beispielen durch. Zunächst argumentiert er, dass Nationalismus nicht als eine moderate Form des Patriotismus verstanden werden kann, sondern eine inhärent religiöse Struktur hat und damit nicht einfach konkurrenzlos neben einem christlichen Bekenntnis stehen kann. Weil jedoch reale Tugenden wie Tapferkeit und Mitgefühl in dieser Spielart des Götzendienstes realisiert werden, spricht Cavanaugh hier von „splendid idolatry“. Dies trifft nach Cavanaugh jedoch nicht auf „the unsplendid idolatry of consumerism“ zu. Hier fungiert die materielle Wirklichkeit als Herrscher, in dem sich der vereinzelte Konsument spiegelt. In seiner Doppelrolle als Arbeiter und Konsument wird der Einzelne einerseits entmenschlicht und seine Würde und Herrlichkeit auf die Ware übertragen, andererseits wird er als Konsument angehalten, sich diese verlorengegangene Würde durch den Konsum dieser Waren wieder anzueignen.
Um dieses Götzenproblem zu lösen, braucht es nach Cavanaugh ein neues Verhältnis des Menschen zur Schöpfung und letztlich zu Gott. Im achten Kapitel kommt er daher zur Sakramentalität. Damit meint Cavanaugh den Gebrauch des Geschaffenen als Brücke zu Gott. Die Inkarnation und eine inkarnatorische Schöpfungstheologie sind die logischen Voraussetzungen von Sakramentalität. Er hält fest, dass alles von Gott stammt und somit auch zu ihm zurückführen kann und dass das Geschaffene und der Schöpfer so eng zusammengerückt sind, dass Gott in der Materie erfahrbar wurde und es wieder werden kann. Eine Suche nach Gott, die auf das Materielle blickt, muss also nicht automatisch zum Götzendienst führen. Es gibt eine Ordnung im Geschaffenen, die den Menschen selbst auf Gott hin ordnet. Diese Ordnung ist ein Geschenk Gottes in Form der Eucharistie. Sie ist das Zentrum der Sakramentalität und von ihr her leitet sich die Logik ab, nach der die restliche Schöpfung geordnet wird.
Im Zentrum von Cavanaughs Buch geht es also um die richtige Sprache, um das Verhältnis von Mensch, Gott und Geschaffenem zu beschreiben. Weil alle Menschen anbeten, entweder Gott durch das Geschaffene hindurch oder das Geschaffene selbst, schlägt Cavanaugh die Sprache der Götzenkritik vor. Ein sakramentales Verständnis des Geschaffenen, das sich von der Eucharistie ableitet, sieht Cavanaugh als den richtigen Weg, um Gott durch das Geschaffene wieder sichtbar zu machen.
William Cavanaugh gelingt es in diesem Buch, seine zentralen Thesen mit klarer Kontur herauszuarbeiten. Es ist sicherlich eine seiner Stärken, eine klare Sprache sprechen zu können. Mein Eindruck ist, dass das Buch von einem etwas feingliedrigeren Aufbau profitiert hätte. Die acht Kapitel des Buches ergeben für sich genommen schlüssige Einheiten. Hätte man sie jedoch zu Unterkapiteln unter den jeweiligen logischen Abschnitten zusammengezogen (wie Cavanaugh es in der Einleitung selbst tut), hätte man sich einige Redundanzen gespart und die Pointen der einzelnen Abschnitte schärfer herausarbeiten können. Das ist besonders schade nach dem Kapitel über Marion, denn hier wäre eine Synthese von biblischer Götzenkritik, Augustins Götzenkritik und der Phänomenologie Marions wünschenswert gewesen. Besonders gelungen ist der überspannende inhaltliche Bogen des Buches. Die Kritik der Säkularisierungstheorie, die Formulierung einer Sprache der Götzenkritik, die beispielhafte Anwendung dieser Sprache und die sakramentale „Heilung“ des Geschaffenen greifen klar ineinander und bilden eine deutliche und nachvollziehbare These.
Pascal Claus, Vikar in Hamburg und PhD-Kandidat an der VU Amsterdam