Historische Theologie

Siglind Ehinger: Glaubenssolidarität im Zeichen des Pietismus

Siglind Ehinger: Glaubenssolidarität im Zeichen des Pietismus. Der württembergische Theologe Georg Konrad Rieger (1687–1743) und seine Kirchengeschichtsschreibung zu den Böhmischen Brüdern, Jabloniana: Quellen und Forschungen zur europäischen Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit 7, Wiesbaden: Harrassowitz, 2016, geb., X+275 S., 5 Abb., € 64,–, ISBN 978-3-447-10649-8

Download PDF


„Gut Evangelisch-Lutherisch ungefähr 200 Jahr vor Luthero“ (160), so beschreibt der Stuttgarter Pfarrer Georg Konrad Rieger (1687–1743) den englischen Theologen John Wyclif, den er als Wahrheitszeugen für die lutherische Kirche versteht. Siglind Ehinger gebührt das Verdienst, sich in ihrer hier veröffentlichten historischen Dissertation (Universität Stuttgart 2015) intensiv mit Rieger und seinem Kirchengeschichtswerk Die Alte und Neue Böhmische Brüder auseinandergesetzt zu haben. Zwischen 1734 und 1740 veröffentlichte Rieger seine kirchengeschichtliche Darstellung in 24 Teilen, im Druck rund 2800 Oktavseiten, und er behandelte in diesem Werk nicht nur die alten (vorreformatorischen) und neuen Böhmischen Brüder (die Herrnhuter Brüdergemeine), sondern auch die Waldenser, Wycliffiten, Hussiten, die für Rieger „Lutheraner vor Martin Luther“ (1) waren. Ehinger untersucht das monumentale Kirchengeschichtswerk erstmals monographisch und erschließt Riegers Werk im Entstehungs- und Rezeptionskontext des 18. Jahrhunderts.

Die Autorin führt zunächst (1., S. 1–22) in Forschungsstand und Quellenlage sowie ihr Vorhaben ein, sich „an Beweggründe, Inhalte, Absichten und Resonanzen von Riegers Kirchengeschichtswerk“ (20) anzunähern, ein Werk, das keinen Nachdruck erfahren hat und dessen Autor bisher fast ausschließlich als Prediger und Erbauungsschriftsteller wahrgenommen wurde. Daher stellt Ehinger zunächst (2., S. 23–72) Riegers Biographie im Kontext des Pietismus in Württemberg vor. Die biographische Darstellung von seiner Herkunftsfamilie über sein Wirken in Stuttgart als Gymnasialprofessor, Stadtpfarrer und Spezialsuperintendent samt der Erwähnung von Riegers Publikationen (u. a. eine Schrift zum Vampirismus) gerät manchmal fast zu detailliert, aber in der sorgfältigen Auswertung von auch archivalischen Quellen zeigt Ehinger sowohl Riegers Einbettung „in ein Netzwerk von Freunden des Hallischen Pietismus“ (51) als auch seine Position innerhalb des württembergischen Pietismus, z. B. in seiner Korrespondenz mit Johann Albrecht Bengel. Bengel war es auch, der Riegers Alte und Neue Böhmische Brüder gegenlas.

Vor dem biographischen Hintergrund erläutert Ehinger Entstehung und Inhalt des Kirchengeschichtswerks (3., S. 73–91), in dem Rieger „eine Art europäisches Netz aus sichtbaren Gruppen sogenannter evangelischer Glaubens- und Wahrheitszeugen“ (73) vor der Reformation knüpfte, darunter Jan Hus und die Böhmischen Brüder, die Waldenser, John Wyclif und seine Anhänger. Ehinger weist überzeugend auf, dass Rieger seine protestantische Kontinuitätsgeschichte und Martyrologie mit apologetischer Zielsetzung verfasste und darin einerseits das Konzept der Wahrheitszeugen der reformatorischen und lutherisch-orthodoxen Kirchengeschichtsschreibung fortschrieb, andererseits „die pietistische Auffassung von der unvollendeten Reformation“ (75) und vom fortgesetzten Verfall der Kirche teilte. „Hauptzweck seines Werkes“ (100), das Ehinger in seinen inhaltlichen Schwerpunkten vorstellt (4.; S. 92–118), war der Nachweis der ununterbrochenen „Sukzession protestantischer Kirchen“ (100).

In Konzeption und Methodik seines Werks (5., S. 119–149) wollte Rieger dem vorzugsweise protestantischen Leser kirchengeschichtliches Wissen vermitteln, ihn in seinem protestantischen Glauben stärken und zugleich zur Glaubenssolidarität mit „den verfolgten Glaubensgenossen“ (122f) aufrufen. Der kirchengeschichtlichen Darstellung kam die Aufgabe zu, die wahre Kirche Jesu Christi sichtbar zu machen. Denn Rieger sah in der Geschichte „sich immer wieder aufs Neue wiederholende Prozesse“, in denen „nur ein Teil der Akteure – die jeweils verfolgte Kirche – wechselte“ (138). Die verfolgten Gruppen, wie z. B. die Hussiten, die „sich von der Papstkirche äußerlich sichtbar getrennt und mit anderen Gläubigen im Sinne der lutherischen Ekklesiologie […] eine Gemeinschaft gebildet hatten“ (132), waren für Rieger protestantische Wahrheitszeugen und sichtbarer Teil der wahren Kirche. Der pietistischen Kirchengeschichtsschreibung entsprechend (vgl. August Hermann Franckes Fußstapfen Gottes, 1701), wollte Rieger anhand dieser verfolgten Gruppen das Handeln Gottes in der Geschichte zeigen. Dass Ehinger hier von einer „religiöse[n] Umdeutung des historischen Geschehens im Sinne der eigenen Konfession“ (149) spricht, unterstellt Rieger die Absicht einer willentlichen Umformung der Geschichte; hier wäre eher von einer „Deutung“ der Geschichte durch Rieger zu sprechen.

Denn eine „pietistische Aneignung und konfessionelle Vereinnahmung“ (6., S. 150–192) ist in Riegers Darstellung der Wahrheitszeugen durchaus gegeben: „Insgesamt wird Hus in den Hauptpunkten für protestantisch bzw. lutherisch befunden“ (157), John Wyclif für „gut Evangelisch-Lutherisch“ (160), und auch die Hussiten gelten als „Vorläufer der Reformation“ (170). Die Böhmischen Brüder deutet Rieger „im Sinne eines Vorbilds und pietistischen Ideals“ (181). Dagegen unterliegt Riegers Behandlung der neuen Böhmischen Brüder, der Herrnhuter Brüdergemeine unter der Leitung von Nikolaus Graf von Zinzendorf (7., S. 193–208), einem Wandel von anfänglicher Sympathie zu einer negativen Haltung, die Ehinger im Kontext der Etablierung des kirchlichen Pietismus in Württemberg deutet. Riegers zunehmend kritische Haltung gegenüber den Herrnhutern entsprach der seiner württembergischen Kirche, während die Herrnhuter umgekehrt Riegers Kirchengeschichtswerk positiv rezipierten. Der Rezeption von Riegers Werk im 18. Jahrhundert ist das nächste Kapitel der Studie (8., S. 209–234) gewidmet. Ehinger spürt hier der Rezeption von Riegers Kirchengeschichte in erbaulichen und gelehrten Zeitschriften („mehrheitlich positiv aufgenommen“, 217), in theologischen und kirchengeschichtlichen Darstellungen des 18. Jahrhunderts sowie spezifisch durch die Herrnhuter nach und stellt hier wiederum ihre gründliche Recherche unter Beweis.

Eine knappe Zusammenfassung (9., S. 235–238), ein, insbesondere in den herangezogenen Archivalien beeindruckendes Quellen- und Literaturverzeichnis (239–267), ein Abbildungsverzeichnis (268) sowie ein Personen- (269–274) und Ortsregister (274f) beschließen die Arbeit. Der Leser hätte sich abschließend vielleicht noch einen Ausblick auf Forschungsdesiderate gewünscht. Doch vielleicht gibt es nach dieser detailreichen, breit Quellen erschließenden und zugleich inhaltlich weitgespannten Studie zu Riegers Kirchengeschichtsschreibung kaum noch offene Forschungsfragen. Ehingers gut lesbare (sehr selten fallen Kleinigkeiten auf, wie z. B. der Wechsel in der Schreibweise von Hallischem bzw. Halleschem Pietismus) und vor allem lesenswerte Arbeit erweitert den Forschungsstand zu Person und Werk Riegers und leistet einen Forschungsbeitrag zur Geschichte des württembergischen Pietismus, des Hussitismus und nicht zuletzt zur protestantischen Kirchengeschichtsschreibung.

 

Prof. Dr. Ulrike Treusch, Professorin für Historische Theologie an der Freien Theologischen Hochschule Gießen

 

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.