Frank Lüdke / Norbert Schmidt (Hg.): Pietismus – Neupietismus – Evangelikalismus

Frank Lüdke / Norbert Schmidt (Hg.): Pietismus – Neupietismus – Evangelikalismus. Identitätskonstruktionen im erwecklichen Protestantismus, SEHT 6, Berlin, Münster: Lit, 2017, Pb., 275 S., € 24,90, ISBN 978-3-643-13482-0

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Langfristige Wirkungen gehen von der Forschungsstelle Neupietismus aus, die die Evangelische Hochschule Tabor 2006 eingerichtet hat. Die Arbeit an der jüngeren Geschichte des Pietismus wird durch neue Reihe „Schriften der Evangelischen Hochschule Tabor“ (SEHT), in der das Buch veröffentlicht wurde, inspiriert und gefördert. Elf Vorträge des vierten Theologischen Symposiums der Forschungsstelle Neupietismus 2015 und ein Aufsatz sind in dem Sammelband zusammengefasst.

Die Verwendung der Begriffe „Pietismus“, „Neupietismus“ und „Evangelikalismus“ ist bisher ebenso ungeklärt wie die Gründe für den zunehmenden Gebrauch des Attributs „evangelikal“ seit den 1960er Jahren (2). Frank Lüdke bemerkt in seinem instruktiven ersten Beitrag „Neupietismus – eine begriffliche Spurensuche“, dass der Ausdruck „Neupietismus“ (9–23) seit 1875 für die von der Heiligungsbewegung geprägten Gemeinschaftskreise verwendet wurde (12f). Die Kontinuität mit dem „pietistischen“ Erbe wurde erst seit den 1970er Jahren wieder verstärkt herausgestellt.

Thorsten Dietz stellt in seinem Referat über „Traditionsherstellung und Identitätskonstruktion zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung“ (25–43) fest, dass die Selbstbeschreibungen frommer Kreise stets im Fluss seien, die klassische dreifache Unterscheidung des evangelikalen Lagers in Allianz-, Bekenntnis- und charismatische Evangelikale heute nicht mehr möglich sei (37, 42).

Ein zweiter Beitrag von Dietz beschäftigt sich mit „Neupietismus und Positive Theologie: Die Gemeinschaftsbewegung und die Bibeltheologen Martin Kähler, Hermann Cremer und Adolf Schlatter“ (5. Aufsatz, 103–127). Leider fanden Bibeltheologie und Gemeinschaftsbewegung nie richtig zusammen. Selbst Johannes Lepsius wurde ungeachtet starker Zugehörigkeitsgefühle von der Gemeinschaftsbewegung weitgehend abgelehnt. Er stellte schon 1905 fest, dass es nur noch die Biblizisten Kähler, Cremer und Schlatter als konservative Theologen gäbe (105). Cremer und Kähler lehnten wiederum Johann Tobias Beck ab, weil dieser die Rechtfertigung nicht als Gerechtsprechung, sondern als Gerechtmachung im Sinn einer Umwandlung des Menschen verstand (112). Das bibeltheologische Anliegen fand in der Theologischen Schule des Friedrich von Bodelschwingh in Bethel seine Fortsetzung (119). Lepsius war sich sicher, dass die positive Theologie an Einfluss verlöre, weil sie sich auf den kirchlichen Liberalismus fixiere, anstatt Antworten auf die brennenden weltanschaulichen Fragen der Zeit zu suchen (125).

Der Aufsatz von Jan Stievermann fällt insofern aus dem Rahmen der Sammlung, als sich der Autor nur der Darstellung und Überlieferung des Lebenswerks von David Brainerd widmet (Die deutschen Leben[släufe] des David Brainerd: Der Beginn des pietistischen Interesses an einer evangelikalen Ikone Amerikas, 45–79). Der Lebenslauf des Indianermissionars David Brainerd (1718–1747), verfasst von Jonathan Edwards, und Auszüge aus seinen Tagebüchern „Mirabilia Dei inter indicos“ (1746) wurden auf Deutsch zuletzt 2011 neu veröffentlicht (3-L-Verlag). Jan Stievermann verfolgt nicht die Druckgeschichte der zahlreichen neueren Auflagen, sondern konzentriert sich auf die früheste Rezeption der Brainerd-Literatur (49). Die Übersetzungen konzentrierten sich auf das geistige Leben und die religiöse Entwicklung Brainerds, der wie ein protestantischer Heiliger überwiegend vorbildlich geschildert wurde (66). Theologisch wurden die Übersetzungen angepasst und die Originaltexte gekürzt, damit sie bei deutschen und besonders lutherischen Gläubigen keinen Widerspruch ernten würden.

David Bebbington („A British Perspective on Evangelicalism“, 129–144) beschreibt die Entwicklung evangelikaler Strömungen in England auf der Grundlage der vier charakteristischen Schwerpunkte („Bebbington-Quadrilateral“) Bibel, Kreuz, Bekehrung und Aktivismus (129). Wolfgang Reinhardt hat seinen Vortrag („Evangelicalism and Pietism: Definitions and Relationships in Diachronic, Synchronic and Global Perspective“, 145–177) auf Englisch verfasst, um das Gespräch mit internationalen Forschern zu fördern. Sein Beitrag enthält übersichtliche Aufstellungen zu den Charakteristika und den Inhalten von „Pietismus“ und „Evangelikalismus“ (151, 155, 156, 161, 163).

Die drei Vorträge von Matthias Plaga-Verse, Erich Geldbach und Ulrike Treusch behandeln die Zuordnung dreier spezifischer Gruppen, des Siegerländer Gemeinschaftsverbands, der Baptisten und des CVJM (Plaga-Verse: „Der Siegerländer Gemeinschaftsverband zwischen Pietismus und Neupietismus“, 81–102; Geldbach: „Are Baptists Evangelicals?“, 179–203; Treusch: „Umstrittene Identität: Der deutsche CVJM – erwecklich, pietistisch oder einfach missionarisch?“, 205–228). Das Fragezeichen hinter dem Titel deutet in zwei Fällen schon das Ergebnis an, dass es nicht einfach ist, diese Gruppen zu klassifizieren. Geldbach findet – mit Exkursen zur evangelikalen Gießener Freien Theologischen Hochschule und zum evangelikalen Theologen Thomas Schirrmacher (198–200) – im Baptismus einen „evangelikalen Flügel“. Treusch beschreibt das Selbstverständnis des CVJM als eine „evangelistisch-missionarische Organisation“ (226f). Der Siegerländer Gemeinschaftsverband ist mit seinem „pietistischen Selbstverständnis“ traditionell innerlandeskirchlich verortet, wobei diese Position in den letzten Jahrzehnten aber zunehmend hinterfragt wird (vgl. z. B. 91).

Gisa Bauer stellt anhand der Besprechungen ihrer 2012 erschienenen monumentalen Untersuchung „Evangelikale Bewegung und evangelische Kirche in der Bundesrepublik Deutschland: Geschichte eines Grundsatzkonflikts (1945 bis 1989)“ eine Blütenlese zum Selbstverständnis evangelikaler Kreise in Deutschland zusammen (229–241).

Schließlich präsentieren Tobias Faix und Tobias Künkler in einem Aufsatz über „Dekonversion als postsäkulares Phänomen“ die Ergebnisse einer empirisch-theologischen Studie, weshalb junge Erwachsene nicht mehr glauben (243–274).

Es ist den Herausgebern Norbert Schmidt und Frank Lüdke zu danken, dass sie sich in den letzten Jahren für die Erforschung der Geschichte des Neupietismus stark gemacht haben und immer noch machen! Nur aus dem Verstehen der eigenen Geschichte kann eine reflektierte pietistische Arbeit in der Gegenwart erwachsen.

Pfarrer Dr. Jochen Eber, Margarethenkirche Steinen-Höllstein