Ann-Kathrin Knittel: Das erinnerte Heiligtum

Ann-Kathrin Knittel: Das erinnerte Heiligtum. Tradition und Geschichte der Kultstätte in Schilo (FRLANT 273), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2019, geb., 274 S., € 59,99, ISBN 978-3-525-57135-4


Bei der vorliegenden Monographie handelt es sich um eine Heidelberger Dissertation, welche die Verfasserin als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Jan Christian Gertz (Doktorvater) verfasst hat. Zwei Fragestellungen interessierten den Rezensenten besonders: Was weiß die Verf. zu Schilo (Neues?) zu sagen? 2. Wie „schafft“ sie es, im Kontext des (jedenfalls kontinentaleuropäisch) vorherrschenden Forschungs­paradigmas der Spätdatierungen die Zeitspanne von vielen hundert Jahren zwischen der Zerstörung Schilos und der Literaturwerdung zu überbrücken bzw. zu erklären? Fazit: Die Lektüre hat sich gelohnt – aber nun der Reihe nach.

Der Band beginnt sinnvollerweise mit einem bibelkundlichen Überblick über die biblischen Belege von „Schilo“ (es liegen im Hebräischen unterschiedliche Schreibweisen vor). Daran schließt sich eine Darstellung und Diskussion (mit) der Forschungsgeschichte an (19. Jh. bis Gegenwart), die in die Offenlegung ihres Ansatzes und Vorgehens mündet. Die Verf. moniert, dass in der neueren redaktionsgeschichtlich orientierten Forschung Ausführungen über Israels (vorkönigzeitliche) Frühzeit eher selten bzw. „zu einem großen Teil in die Archäologie abgewandert sind“ (17). Eine Interpretationslinie, die diese Frühzeit und das Heiligtum in Schilo noch bedenkt und rekonstruiert, ist die namentlich in den USA verbreitete Annahme von (einst) dort lokalisierten mosaisch-levitischen („muschitischen“) Kreisen und von ihnen ausgehenden Träger- und Traditionsgruppen (als profilierter Vertreter dieser Ansicht kann Mark Leuchter gelten, dessen neustes Werk The Levites and the Boundaries of Israelite Identity, Oxford 2017, von der Verf. nicht mehr erwähnt wird). Diese mit Schilo verbundene Hypothese einer Priesterlinie, die über längere Zeiträume wirkte und u. a. vom Dtn ausgehendes Schrifttum prägte, steht gemäß der Verf. jedoch auf „tönernen Füßen“ und wird als eine „Art Blackbox“ abgelehnt. Lediglich die einzige jüngere Studie zu Schilo von Donald G. Schley (Shiloh. A Biblical City in Tradition and History [JSOTS 63], Sheffield 1989; Neuabdruck: 2009) ist „ein Schritt in die richtige Richtung“ (25). Die Verf. will mit ihrem Beitrag die Diskussion um Schilo im Kontext der deutschsprachigen Forschung (und ihrem historisch-kritischen Verstehensparadigma) wieder aufnehmen. Basis ist, dass die alttestamentliche Tradentenliteratur „im Modus der Erinnerung auf Schilo zurückgreift“ (28). Es geht um die Rekonstruktion dieser Erinnerungen in ihren Kontexten und damit verbunden in historischer Wirklichkeit.

Zu Beginn der eigentlichen Erarbeitung evaluiert sie die Bedeutung des Namens, die Ortslage und die archäologischen Ergebnisse der bisherigen Grabungen samt den ausgelösten Debatten über Schilo. Funde am Tel Schilo gibt es ab der Mittelbronzezeit; relativ deutlich ist eine (zweite) Zerstörung in der frühen Eisenzeit (zweite Hälfte des 11. Jh. v. Chr. – im Kontext der 1Sam 4 erwähnten Philisterschlacht bei Aphek?). Eine Neubesiedlung in der späteren Eisenzeit ist wahrscheinlich. Wahrscheinlich ist auch, dass in Schilo (in der frühen Eisenzeit) eine Kultstätte war. Bei den Grabungen stieß man auf Überreste, die auf ein ökonomisch wichtiges Zentrum schließen lassen, fand bisher allerdings wenig Anhaltspunkte für ein (Zelt- oder fest gebautes) Heiligtum (nach der dänischen und der israelischen ist seit 2017 eine US-amerikanische Grabungskampagne im Gang, vgl. https://biblearchaeology.org/shiloh-excavations, deren Ergebnisse es abzuwarten gilt).

Die Erarbeitung der Texte, der Hauptteil der Monographie, folgt weithin den literargeschichtlichen Annahmen. Sie beginnt mit den einschlägigen Passagen in 1Sam 1–4 und schließt mit denjenigen aus dem Jos-Buch. Die Anfangskapitel von Samuelis sind zweifellos Schlüsseltexte für die Fragestellung. Die Verf. geht von einer königszeitlichen Grunderzählung (mehrheitlich in Kap. 1 und 4) und mehreren, punktuellen oder umfangreicheren Ergänzungen (Kap. 3 spätdtr.) aus. Die Verbindung der Lade mit Schilo bzw. umgekehrt findet sich bereits in den frühsten schriftlichen Strata (Schilos Verbindung mit den Vorstellungen von Kerubenthroner und Zebaoth-Titel sind darin [noch] nicht inbegriffen). Wie weit man über die Erinnerung zu früheisenzeitlicher Geschichte vordringen kann, ist nicht abschließend zu beantworten, zumal keine der literarischen Stufen in der frühen Königszeit (und damit zeitnah zur erzählten Zeit) anzusetzen sind. Die erzählten Geschehnisse rund um Ahija, dem Schiloniter (in 1Kön 11; 14), lassen annehmen, dass Schilo erneut besiedelt und Ort besonderer Gottespräsenz war; darüber hinaus ergibt sich historisch wenig Substantielles (die Legende über Jerobeams Frau bei Ahija dürfte bereits in der Königszeit bekannt gewesen sein).

Ausführlicher diskutiert werden die Schilo-Erwähnungen in ihren Zusammenhängen innerhalb der Tempelrede(n) Jer 7 und 26 (dazu Jer 41,5) sowie im geschichtstheologischen Ps 78. Eine genealogische Verbindung zwischen Schilo und Jeremia ist nicht vorauszusetzen. Die Androhung, Jerusalem werde wie einst Schilo zerstört werden, könnte auf den Propheten selbst zurückgehen. Ein vorexilischer, schriftlicher Niederschlag lässt sich indes nicht finden, vielmehr sind die Fassungen der Tempelreden jer-dtr Trägerkreisen zuzuschreiben. Dass mit diesem Ablösungsparadigma argumentiert werden konnte, lässt freilich annehmen, dass eine kollektiv verankerte Erinnerung vorlag. Jer 41,5 lässt eine gewisse kultische Orientierung der ehemaligen Nordreichsbevölkerung an Jerusalem annehmen (wenn nicht sogar die Idee einer Kultzentralisation für Gesamtisrael vorausgesetzt ist). Auch Ps 78 wird eingehend untersucht, die im Proömium (V. 1–11) angezeigten Genre- und damit Lesehinweise erkannt, den lyrisch-narrativen Aussagen nachgegangen, der Quellenwert mit Blick auf Kenntnisse frühkönigszeitlicher Geschehnisse in und um Schilo allerdings als gering eingestuft: Es handelt sich um einen spätnachexilischen Reflexionstext. Damit schließt sich die Verf. – nicht ohne zuvor andere Verständnisse und Ansetzungen ausgelotet zu haben – derjenigen Datierung an, der die deutschsprachige Forschung zuneigt: Ps 78 deutet nicht (allein) den Untergang des Nordreichs, will vielmehr gesamtisraelitisch gelesen werden und verarbeitet den Untergang beider Teilreiche (V. 9 wird als sekundär ausgeschieden und als späte Spitze gegen die Religionsgemeinschaft auf dem Garizim eingestuft). Gleichwohl steht – wie der Psalmschluss zeigt – „ganz Israel eine Zukunft unter Ausrichtung auf den Jerusalemer Tempel und judäisch-davidischer Herrschaft offen“ (176). Der Verbindung von Schilo und Zelttradition liegt keine alte Tradition zugrunde, doch kennen die Verfasserkreise möglicherweise Traditionen in Bezug auf Schilo. Da gemäß der Verf. Ps 78 nachzeitig zu den Jer-Stellen ist, fällt die Annahme weg, dass die prophetischen Aussagen sich auf die im Psalm greifbaren abstützen bzw. sie voraussetzen könnten. Damit bleibt gemäß der Verf. für die Rückfrage nach einem älteren Ablösungsnarrativ allein der änigmatische Judaspruch in Gen 49,8–10 und darin die Schilo-Erwähnung (V. 10). Entgegen einer messianischen Deutung wird eine lokal-politische Bedeutung vertreten. Mit Erhard Blum setzt sie den Spruch in die Zeit Josias, im Kontext seiner restaurativ-gesamtisraelitischen Politik, an. Darin kommt Schilo gleichsam eine Symbolfunktion zu: Indem der judäische Herrscher nach Schilo kommt, kehrt er dahin zurück, wo alles angefangen hat.

Die drei Schilo-Erwähnungen in Ri 17–21 (Nachträge) werden unterschiedlichen und späten Redaktionsschichten zugewiesen, die eine Brückenfunktion zwischen Jos- und Sam-Buch einnehmen. Eine alte schilonitische Festtradition ist nicht zu greifen. Mit „Am Ende der Anfang“ sind die Schilo-Belege im Jos-Buch überschrieben. Damit wird deutlich, dass es sich um sehr späte Stücke handelt (Spätphase der Formierung des DtrG), auch wenn sie im kanonisierten Erzählablauf den Anfang (mit Ausnahme von Gen 49,10) darbieten. Entsprechend wird die Verbindung vom Wüstenheiligtum zum Standort in Schilo als „längst überfällige Synchronisierungsleistung“ (230) zwischen Pentateuch und den Vorderen Propheten interpretiert.

Zum Schluss wird eine dreiteilige Bilanz im Sinne einer literarisch-diachronen, einer literarisch-archäologischen Synthese und einem theologischen Ausblick dargeboten. Die große Zeitspanne zwischen erzählter Zeit und (rekonstruierten) Erzählzeiten lässt annehmen, dass die kultische Signifikanz Schilos wie auch die Zerstörung Teil des kulturellen Gedächtnisses Israels und Judas gewesen war. Für die frühsten literarischen Traditionen sind Trägergruppen im ehemaligen Nordreich zu vermuten. Eine institutionell verankerte Erinnerungspflege ließ sich am ehesten für die Zeit Josias plausibilisieren. Literatur- und Abkürzungsverzeichnis sowie ein Bibelstellenregister beschließen die Arbeit.

In der alttestamentlichen Wissenschaft historische Aussagen über die vor- und frühkönigliche Zeit (und dies im Rahmen einer Qualifikationsarbeit) zu machen – und um die geht es im Wesentlichen bei Schilo –, ist ein schwieriges wie riskantes Unternehmen. Ann-Kathrin Knittel hat dies im Rahmen des vorherrschenden (deutschsprachigen) Verstehensparadigmas sorgfältig, gründlich und gut getan. In der mir als Rezensent vertrauten Debatte um das Verständnis von Ps 78 ist mir dies besonders aufgefallen und ich habe neue Anstöße bekommen. Sie vermutet mit Recht, dass ein Kern in der Verbindung von Schilo und Lade (Gottespräsenz) anzunehmen sei, denn wo Rauch ist, muss ja auch ein Feuer brennen. Die zeitliche Abständigkeit zwischen literargeschichtlichen Annahmen und historischen Kern wird mittels kollektiver Erinnerungen erklärt (s. Titel). Dieses Erklärungsmodell ist nachvollziehbar, jedoch wenig ausgearbeitet und bleibt im Nebel, da dafür nötige Überlieferungsorte und -träger bestenfalls angedeutet werden. Ein zweites, von Mark Leuchter jüngst profiliertes Verstehensparadigma ist dasjenige von levitisch-muschitischen, ursprünglich mit Schilo verbundenen Kreisen (s. o.). Es kommt angesichts der Beschränkungen mit Blick auf die Datenlage und den Textumfang ebenfalls nicht ohne deutliche Rekonstruktionen und Brückenelemente aus, führt insgesamt jedoch näher an das historische Geschehen selbst und deren Tradenten heran. Wenn die Verf. dieses als auf „tönernen Füßen“ stehend beurteilt, muss sie sich angesichts ihrer eigenen, wenn auch anders gearteten Rekonstruktionen ein ähnliches Verdikt gefallen lassen. Ob es ein drittes Paradigma des Verstehens geben könnte? Ein Schlüsselmoment darin wäre eine Neusituierung und -datierung des Dtn (und des ihm nachfolgenden bzw. von ihm beeinflussten Schrifttums). Führt nicht das als „Mosefiktion“ apostrophierte Geschehen an den Gefilden Moabs im Übergang zur Sesshaftigkeit im Land unter Niederlassung des Zeltheiligtums gleichsam über Gilgal nach Schilo? Ist Schilo bereits in Dtn 12 reflektiert und als Ort der Gottespräsenz wie der Schriftbildung und -überlieferung – und womöglich auch des Stämmeverbunds – (auch) deshalb über viele Jahrhunderte verhaftet geblieben? Möglicherweise macht man sich bereits mit dem Stellen solcher Fragen des „Fundamentalismus“ verdächtig. Die josianisch-nachexilische Ansetzung des Dtn ist derzeit breit verankert und eine Frühdatierung – abgesehen von der Annahme eines auf die Zeit Hiskias zurückreichenden „Urdtn“ – praktisch nicht diskussionsfähig. Gegenüber dem persisch-hellenistischen Generalparadigma der Schriftwerdung Israels melden sich freilich jüngst Stimmen, die das Israel der Stämme früh ansetzen (Kristin Weingart), mit Schriftproduktion in Israel vor dem 8. Jh. v. Chr. rechnen (Matthieu Richelle; Erhard Blum) und aufgrund eines früheisenzeitlichen Kultorts am Ebal und in Verbindung einer Neubeurteilung von Jos 24 und Dtn 27,4–6 (mit Variantenlesung eines Qumran-Fragments) in Sichem ein früheisenzeitliches Zentrum Israels vermuten (Sandra Richter) bzw. die Abhängigkeitslage zwischen Dtn und Hos neu beurteilen (Carsten Vang).[1] Solches bringt noch kein neues Paradigma. Sollten freilich deutliche Reste eines Heiligtums in Schilo ausgegraben werden, würde dies die Debatte neu befeuern. Allerdings ist zu befürchten, dass – wie im Fall von Qeiyafa – der Streit erst richtig losginge. Es bleibt zu hoffen, dass die derzeitigen, „evangelikalen“ Ausgräber in Schilo die Daten möglichst unvoreingenommen beurteilen und gewichten.


Beat Weber, Pfr. Dr. theol., Basel, Research Associate am Department of Ancient Languages and Cultures, Universität Pretoria, Südafrika


[1] Die erwähnten Publikationen sind beispielhaft erwähnt: K. Weingart: Stämmevolk – Staatsvolk – Gottesvolk? Studien zur Verwendung des Israel-Namens im Alten Testament, FAT II/68, Tübingen 2014; M. Richelle: „Elusive Scrolls. Could Any Hebrew Literature Have Been Written Prior to the Eigth Century BCE“, in: Vetus Testamentum 66, 2016, 556–594 (vgl. dazu auch: https://rezensionen.afet.de/?p=779); E. Blum: „Institutionelle und kulturelle Voraussetzungen der israelitischen Traditionsliteratur“, in: R. Ebach / M. Leuenberger (Hg.): Tradition(en) im alten Israel. Konstruktion, Transmission und Transformation, FAT 127, Tübingen 2019 (im Druck). Die Beiträge von S. L. Richter („The Archaeology of Mount Ebal and Mount Gerizim and Why It Matters“, 304–337) und C. Vang („When a Prophet Quotes Moses. On the Relationship between the Book of Hosea and Deuteronomy“, 277–303) finden sich in: D. I. Block / R. L. Schultz (Hg.): Sepher Torath Mosheh. Studies in the Composition and Interpretation of Deuteronomy, Peabody/MA 2017 (vgl. dazu https://rezensionen.afet.de/?p=717).